Lebenshilfe übt scharfe Kritik am Entwurf für die Gesetzes-Novellierung

Kita-Zukunft mit Mängeln

Den Kindergarten der Zukunft haben die Kinder der Eitzer Einrichtung schon mal gebastelt.
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Den Kindergarten der Zukunft haben die Kinder der Eitzer Einrichtung schon mal gebastelt.

Verden – Wie sollen die Kindertagesstätten der Zukunft aussehen? Eine Antwort auf diese Frage sollte das neue Kita-Gesetz in Niedersachsen liefern, dessen Entwurf seit Mitte November vorliegt. Aber für die Sozial- und Wohlfahrtsverbände im Lande weist das Gesetz Lücken auf und der Städtetag hält es nicht für finanzierbar.

In den Chor der Kritiker stimmt auch Dr. Eva Berns für die Lebenshilfe im Landkreis Verden ein. Für die Vorständin klafft eine große Lücke zwischen dem Anspruch an gleiche Chancen mit frühkindlicher Bildung und der Wirklichkeit fortgesetzter hoher Belastung der Betreuungskräfte.

Inklusion wird völlig vernachlässigt

Mit Verärgerung stellt Eva Berns fest, dass das Ziel der Inklusion völlig vernachlässigt wird. Und die Kritik aus den Verbänden zeigt Wirkung. Wie die Landtagsabgeordnete Dörte Liebetruth mitteilte, kommt ein überarbeiteter Entwurf jetzt in die Beratung des Landtags. „Für mich ist klar: Frühkindliche Bildung und Betreuung stellen wichtige Weichen für die Zukunftschancen von Kindern. Gleichzeitig sind gute Arbeitsbedingungen für die Fachkräfte in den Kitas entscheidend für die Kita-Qualität. Anregungen und Ideen zum neuen Entwurf des Kindertagesstättengesetzes nehme ich gern entgegen“, bietet die SPD-Politikerin an. Die Debatte über das Kindertagesstättengesetz müsse nach Vorgaben aus Berlin spätestens diesen Sommer abgeschlossen werden.

Für die kleinen Besucher des Kinderhauses Eitze sei keine Frage leichter zu beantworten, als die nach dem Kindergarten der Zukunft, berichtet Berns. „Ein großes Klettergerüst, eine Kindergartenkatze, neue Bagger und Trecker, ein Laden mit Süßigkeiten unter einem Regenbogen, wo viele Besucher kommen können und Erzieher, die gut auf uns gucken“, listet Berns die Wünsche in ihrer Stellungnahme auf. Auch die Eltern hätten schnell Vorstellungen parat: „Dort, wo sich meine Kinder wohlfühlen, wo sie gesehen werden und wo sie gerne hingehen, dort, wo sie sich entfalten und entwickeln können, das ist eine gute Kita der Zukunft“, so habe Gesamtelternsprecherin Ilka Steckelberg-Quiet ihre Antwort zusammengefasst.

Da wo sich die Kinder wohlfühlen ist die gute Kita

Die Verärgerung der Verbände und der Praktiker in den Einrichtungen über den Gesetzesentwurf hält Berns für verständlich. Erst im vergangenen Jahr habe die Bertelsmann-Stiftung die Bedingungen in Niedersachsens Kindergärten als nicht kindgerecht analysiert. Nach über 27 Jahren, in denen das gültige Gesetz besteht, seien denn auch einige Erwartungen mit der Novellierung verknüpft worden, berichtet die Vorständin. Für die Trägerverbände, die bis zum Ende des vergangenen Jahres zur Stellungnahme aufgefordert waren, werden die Wünsche aber nicht erfüllt.

Bessere Arbeitsbedingungen

Der Paritätische Wohlfahrtsverband Niedersachsen jedenfalls sehe die wachsenden Anforderungen an eine hochwertige frühkindliche Bildung nicht berücksichtigt. In dem neuen Gesetz fehle etwa die Verbesserung des Fachkraft-Kind-Schlüssels in den Gruppen und damit auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. „Die Situation, dass 25 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren mit unterschiedlichen Familiensprachen, Interessen, Bedürfnissen und Ressourcen ganztägig von nur zwei Fachkräften betreut und in ihrer Entwicklung gefördert werden, muss dringend verbessert werden“, fordert Berns.

Wie die Praxis in den Einrichtungen der Lebenshilfe im Landkreis Verden aussieht weiß Brigitte Bertram. Die Leiterin des Kinderhauses Eitze beschreibt die Arbeitsbedingungen: „Wir versuchen, mit einer Vielfalt an Leistungsangeboten, Methoden, Qualifikationen und Lern- und Erfahrungsräumen den breitbandigen Bedarfen von Kindern und ihrer Familien gerecht zu werden.

Gute Rahmenbedingungen sind Voraussetzungen für Chancengleichheit, Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder. Statt der dringend notwendigen qualitativen Aufwertung beinhaltet der Gesetzentwurf in erster Linie Regelungen von Verwaltungshandeln, beziehungsweise verpflichtende Anpassungen des Gesetzes an bundesrechtliche Vorgaben.“

„Was uns als Lebenshilfe besonders ärgert, ist, dass Inklusion als gesellschaftlicher Auftrag, Verbindendes zwischen Menschen zu suchen und in der Kita freudvoll in Gemeinschaft erlebbar zu machen, kaum berücksichtigt ist“, kritisiert Eva Berns. Das Recht auf einen heilpädagogischen Platz sei im Gesetz aufgenommen. Dem gleichgestellt müsse aber auch das Recht auf einen Integrationsplatz enthalten sein.

Fachlichkeit und Beratung

„Gute Qualität benötigt Fachlichkeit und Beratung. Dabei kommt der pädagogischen Fachberatung eine Schlüsselaufgabe zu. Ohne den Blick von außen ist eine Qualitätsentwicklung kaum möglich. Fachberatung wird im Gesetz jedoch weder inhaltlich, im Umfang und Qualifizierung, noch mit Blick auf die Refinanzierung sichergestellt.“

„Inzwischen sollte die Gesellschaft verinnerlicht haben, dass die ersten sechs Lebensjahre eines Menschen die prägendsten sind. Die Folgekosten werden deutlich höher sein, wenn wir uns die Bildung nach wissenschaftlichen Erkenntnissen hier nicht leisten wollen“, resümiert die Lebenshilfesprechern die Situation.

Dem Fachkräftemangel als ein weiteres, ständig wachsendes Problem für die Einrichtungen werde der Entwurf ebenfalls nicht gerecht. Die Arbeitsbedingungen, die er für die Pädagogen vorgebe, brächten zusätzliche Belastungen und erhöhten das Risiko gesundheitlicher Beeinträchtigungen bis hin zum frühen Ausscheiden aus dem Beruf. „Die Bedingungen für das Fachpersonal zu verbessern, wäre wichtig, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, indem der Arbeitsplatz attraktiver wird. Spätestens seit der Corona-Pandemie sollte allen bewusst sein, wie wichtig funktionierende Kinderbetreuung für die Gesellschaft ist“, sagt Berns.

Verstärkte Ausbildung

Laut Landesregierung, so berichtet Dörte Liebetruth, solle mit Hilfe des neuen Gesetzes Personal mit pädagogischer Vorbildung künftig leichter in Kindertageseinrichtungen als pädagogische Fachkräfte eingestellt werden können. Neben der verstärkten Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern soll so ein weiterer Beitrag geleistet werden, um den Fachkraftmangel abzumildern und damit die Kita-Qualität zu verbessern. „Aufgenommen in den Gesetzentwurf wurde auch eine Landeselternvertretung (LEV) der niedersächsischen Kindertageseinrichtungen“, berichtet die Abgeordnete.

Von Ronald Klee

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