Besondere Führungen in die Vergangenheit

Bei Kerzenschein im Museum

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Das Publikum folgte gespannt den Ausführungen.

Verden - Nacht durchs Museum? Kein Problem! Stadtführerin Sabine Lühning (Lühningschen) und Museumspädagogin Julia Nehus als Sophie-Elisabeth von Schulenburg, einer Dame der besseren Verdener Gesellschaft, nehmen die Gäste mit durch das nur von Kerzen illuminierte Domherrenhaus – Historisches Museum Verden.

„Abends allein im Museum“, so heißen die neuen Führungen. Und da gleich beide Damen wahrlich nicht auf den Mund gefallen sind, erfährt man allerhand Interessantes. Dabei plaudert die von Schulenburg zudem mit unverkennbar französischem Zungenschlag, den die Gute „très chic“ findet, obwohl sie, wie sie auf Drängen von Lühning einräumen muss, niemals in Frankreich gewesen ist. Die Witwe von Christoph Freiherr von der Schulenburg, der das heutige Museumsgebäude im Jahr 1708 als Altersruhesitz errichten ließ, lebt nämlich seit 300 Jahren heimlich und ausschließlich auf dem Dachboden des Museums, wo sie nur „Lühningschen“ besuchen darf.

Diese neue Museumsführung nach einer Idee von Julia Nehus und Sabine Lühning ist wirklich etwas ganz Besonderes und auch für Menschen, die das Museum bereits kennen, ohne Einschränkung empfehlenswert. Zu Beginn taucht man bereits ein in das 18. Jahrhundert, wenn Lühning zunächst am historischen Stadtmodell die Strukturen jener Zeit erklärt. Kurz darauf gesellt sich aus dem Obergeschoss Frau Schulenburg dazu und dann startet der Rundgang. So erfahren die Besucher, dass die Frauenmode um 1700 geprägt war vom sogenannten Fischbeinkorsett, das den Damen eine schmale Taille formte. Dazu trugen sie weite Röcke, die durch ein Mieder gehalten wurden und dem das darunter befestigte Gestell die Form gab. „Das Dekolleté war recht weit und reichte nicht selten bis zu den Schultern“, wusste Lühning.

Die Besucher erfahren auch, dass der Mensch jener Zeit das Wasser buchstäblich gescheut hat wie der Teufel das Weihwasser. „Man dachte damals, dass das Wasser durch die Haut in den Körper eindringt“, informierte Lühning. Der Körper wurde deshalb unter einer Schicht von Salben verdeckt, auch das Abreiben mit Tinkturen galt als unbedenklich und die Haut wurde vor der Benutzung von Wasser mit Öl, Wachs oder Salz abgedichtet. Der barocke Genussmensch griff daher lieber zum Parfum.

Auf dem Rundgang wird auch die menschliche Notdurft thematisiert. Diese wurde im Zeitalter des Barock vom Volk in aller Öffentlichkeit erledigt. Während Damen vom Stand einer Frau Schulenburg bereits über entsprechendes Nachtgeschirr verfügten, das Ähnlichkeit mit einer Porzellan-Sauciere aufwies, in Wirklichkeit aber ein barocker Nachttopf, ein „pot de chambre“, war. Genauer ein weibliches Urinal, schmal in der Form mit gerundetem Rand, praktischem Henkel und schnell zur Hand.

Schamhaft prüde, das ließen diese Erzählungen unschwer erkennen, war man zu dieser Zeit folglich nicht. Allerdings auch nicht sonderlich gepflegt, da sogar in den Perücken Läuse nisteten, die damals eine schlimme Plage waren und die man mit Lavendel in Schach zu halten versuchte. „Das I-Tüpfelchen der Körperpflege“, berichtet Frau Schulenburg, „war allerdings ein kleines Schönheitspflaster. Ein künstliches dunkles Muttermal, das nicht etwa aufgemalt, sondern aufgeklebt wurde und das ebenso wie der Fächer einer geheimen Kommunikation diente.“ Diese nonverbale Sprache war allen bekannt und galt der Kontaktaufnahme, Verabredung, dem Tanze oder auch einer Liebesnacht.

Domherrenhaus Verden: „Abends allein im Museum“

Apropos Liebe: Mit fragwürdigen Tränken, Scheidenspülungen und eifrigem Hüpfen nach dem Schäferstündchen haben die Frauen jener Zeit Schwangerschaften zu verhindern versucht, während Männer zu ökologisch wieder verwendbaren Kondomen aus Fischblasen, Schafsdarm oder Leinen griffen.

Um Frau Schulenburg kennenzulernen und in den Genuss „Abends allein im Museum“ zu kommen, empfiehlt sich ein Besuch einer der nächsten Führungen am 3. und 4. November und 15. Dezember 2016 oder am 18. und 19. Januar und 1. und 2. Februar 2017, um 17 und um 19 Uhr. Auch Gruppen können sich anmelden. Für Kinder gibt es spezielle Angebote, für Schulklassen oder Geburtstagsfeiern können individuelle Termine vereinbart werden.

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