Ratsmitglieder betrachten SPD-Antrag auf Online-Verkaufs-Plattform mit Skepsis

„Keine Parallelstrukturen“

Die Kaufleute vor Ort leiden. Der Online-Handel boomt – und profitiert von der Corona-Krise. Die SPD-Ratsfraktion möchte dem lokalen Einzelhandel und der Gastronomie mit einer Online-Plattform helfen.
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Die Kaufleute vor Ort leiden. Der Online-Handel boomt – und profitiert von der Corona-Krise. Die SPD-Ratsfraktion möchte dem lokalen Einzelhandel und der Gastronomie mit einer Online-Plattform helfen.

Verden – Eine Online-Verkaufs-Plattform für den Verdener Einzelhandel und die Gastronomie möchte die SPD-Ratsfraktion schaffen (wir berichteten). Ein entsprechender Eilantrag dazu liegt im Rathaus vor – und könnte zumindest in Teilen schon kommende Woche diskutiert werden.

Am Mittwoch, 25. November, berät der Ausschuss für Stadtentwicklung auch über das Budget, das dem Stadtmarketing im kommenden Jahr zur Verfügung steht. Geht es nach der SPD, würden diese Geldmittel gegebenenfalls um 50 000 Euro aufgestockt. Für die Schaffung einer „virtuellen Fußgängerzone“, wie es SPD-Ratsherr Ingo Neumann formuliert, sowie für die Unterhaltung der Plattform.

Stimmt der Ausschuss der Freigabe der Mittel zu, so wäre dies laut Bürgermeister Lutz Brockmann zumindest „ein erstes Signal“, ehe der Antrag seinen weiteren Weg durch die Gremien macht. Das wird vermutlich erst Anfang 2021 der Fall sein.

Ende März, nach Abschluss der Beratungen, Ausschreibung und schneller technischer Umsetzung, so schätzt Kai Rosebrock, könne eine solche Plattform frühestens ans Netz gehen. Aus Sicht des Freie-Wähler-Ratsherrn auf jedem Fall zu spät für die Gastronomie, da der Lockdown dann wahrscheinlich beendet sei. Rosebrock nennt den Antrag deshalb „ein Luftschloss“.

Eine kurze Umfrage ergab, dass dem Antrag auch bei den anderen Parteien im Stadtrat aktuell kein allzu großer Erfolg beschieden ist. Zwar sei eine Internet-Plattform grundsätzlich keine schlechte Idee. Dennoch melden die Lokalpolitiker Zweifel an, ob das Gros der örtlichen Kaufmannschaft überhaupt Kapazitäten für einen zusätzlichen Online-Handel hat.

„Ein Shop-System zu betreiben, ist ein riesiger Aufwand“, sagt Rasmus Grobe, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen. Daher wolle er keine Parallelstruktur schaffen, die zusätzliche Arbeit mache.

„Es muss den Bedürfnissen entsprechen“, nennt er eine Vorgabe für das Einrichten der Online-Plattform. Sollte sich ein Bedarf bestätigen, plädiert auch er für eine schnelle Umsetzung des Antrags. Wenn nicht, sollten dafür keine Ressourcen verschwendet werden.

Für die Beratung am Donnerstag wünscht er sich erst einmal weitere Informationen und nimmt dafür die Stadtverwaltung in die Pflicht. Sicher sei die Situation für den örtlichen Einzelhandel dramatisch, stellt Grobe fest. Ob ein virtueller Marktplatz den Verdener Unternehmern willkommen ist, möchte er bei den Händlern und Gastronomen abfragen lassen.

Er betrachte den SPD-Antrag gerne als „Anstoß für ein neues Projekt“, so Kai Rosebrock. „Dies aber muss in Kooperation mit lokalen Akteuren erarbeitet werden und nicht von oben als Komplettlösung draufgedrückt werden. Nur so können wir wirksam unserem Einzelhandel helfen“, ist der Vertreter der Freien Wähler überzeugt.

„Warum sollen wir als Politik vorgeben, was benötigt wird?“, spricht sich auch Jens Richter für Gespräche mit der Kaufmannschaft aus. Gleichwohl sei die Idee grundsätzlich gut, so der Vorsitzende der CDU-Fraktion zum Antrag der SPD, der ja darauf abziele, die Verdener Wirtschaft zu unterstützen.

„Ich habe aber meine Zweifel, ob die Online-Nachfrage entsprechend groß ist“, fügt Richter hinzu und macht das auch am eigenen Kaufverhalten fest. Wer in Verden shoppe, besuche die Innenstadt, um ein Einkaufserlebnis zu haben, die Ware begutachten zu können, ist der Christdemokrat überzeugt.

Henning Wittboldt-Müller sieht das ähnlich. Jemand brauche etwas sofort und/oder wünsche eine kompetente Beratung, nennt der FDP-Fraktionsvorsitzende als Gründe, den stationären Handel zu nutzen. Bei den Preisen der Anbieter im Internet könne der Kaufmann vor Ort ohnehin nicht mithalten.

Immerhin: Der Vorsitzende des Kaufmännischen Vereins zu Verden, Harald Nienaber, ist „erfreut, dass man sich darüber Gedanken gemacht hat“. In seinen Augen sei eine solche Plattform aber nur dann sinnvoll, wenn 90 Prozent der Händler und Gastronomen sich beteiligten.

Grundsätzlich sei das Thema ja nicht neu. Auch in der Verdener Selbstständigen-Vereinigung werde schon seit zehn Jahren darüber gesprochen und die Idee dann aus Kostengründen wieder verworfen.

Ob man die Unternehmen nun für ein Portal gewinne, hänge wohl vom Erfolg eines solchen Angebotes ab, meint Nienaber, wohl wissend, dass sich hier die Katze in den Schwanz beißt. Der Vorsitzende der Kaufmannschaft hofft daher, dass die Plattform entsprechend beworben werde, um Käufer und Händler zu locken.  

KOMMENTAR

VON MARKUS WIENKEN

Virtuell durch die Geschäfte

Sich neu erfinden, krisenfest sein, das ist das, was ich in Zeiten von Corona positiv mitnehme. Gastrobranche, Künstler und Kaufmannschaft machen es vielfach vor, auch wenn sie immer wieder gezwungenermaßen ausgebremst werden. Und: Menschen rücken enger zusammen. Eben auch durch die sozialen Netzwerke, ob Skypen, Facebook, Instagram oder TikTok, es geht nicht anders. Aber es könnte eben auch eine Chance für eine sich leerende Innenstadt sein. Morgens beim Frühstück, die Zeitung online lesen, ein bunter Button blinkt am Bildschirmrand auf, das Verdener Marketing meldet sich aus der Innenstadt mit den neuesten Angeboten. Einfach drauf klicken, und schon sind wir auf dem Rathausplatz, virtuell, aber eben doch mittendrin in Verdens „Guter Stube“. Hier ein Buchhandel, da ein Schuhgeschäft, ein Blumenladen oder Schreibbedarf. Auch das Rathaus öffnet sich virtuell, obwohl die Türen „in echt“ vor Ort wegen der Pandemie geschlossen sind. Stadtführungen lassen sich so organisieren, der Besuch im Museum sowieso und die Bibliothek verleiht Bücher schon lange im Internet. Auch Konzerte oder Gottesdienste können über eine Online-Plattform beworben und veranstaltet werden. Wird alles gemacht. Bewegung? Auch kein Problem, das Fitnessstudio bietet das ganze Programm. Und: Alles ohne Maske. Ob Organisation von Lieferservice oder Bezahlung von Eintritt, auch da gibt es Beispiele, wie es geht. Also, Verden hat’s geht online – einfach mal machen!

Von Katrin Preuß

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