Vor Azubi-Silvester noch unsicher

Keine Orientierung wegen Corona: Schulabgänger zögern bei Berufswahl

Das praktische Erlebnis fehlt: Jugendliche bleiben unschlüssig und gehen häufig länger zur Schule.
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Das praktische Erlebnis fehlt: Jugendliche bleiben unschlüssig und gehen häufig länger zur Schule.

Landkreis – „Nichts geht über persönliche Orientierung“, weiß Imke Thielker. Und genau die hatten die Schulabgänger nicht. Für die Berufsberaterin in der Agentur für Arbeit in Verden sind deshalb die Schulabgänger dieses Jahres echte Opfer der Corona-Pandemie. Anders als die Schülergenerationen vor ihnen hatten sie nur sehr begrenzte Chancen, sich Eindrücke von den Berufen zu verschaffen, mit denen sie später ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen.

Eine folgenreiche Entscheidung, vor der viele zurückschrecken. Während viele Arbeitgeber gerne noch ihre Ausbildungsplätze besetzen würden, schieben die potenziellen Azubis die Vertragsabschlüsse hinaus.

Im ersten Corona-Jahr hatten sich die Ausbildungsbetriebe vorsichtig verhalten. Keiner wusste so recht, was da eigentlich auf die Wirtschaft zukommt. Und so hatten Imke Thielker und ihre Kollegen schon befürchtet, dass in diesem Jahr der Markt komplett wegbrechen könnte. „Wir waren kilometerweit davon entfernt, was dann wirklich kam“, berichtet sie auf Anfrage. Die Betriebe hätten sogar deutlich mehr Ausbildungsplätze zur Besetzung gemeldet, und die Mitarbeiter der Behörde überrascht.

„Das Silvester des Ausbildungsjahrs ist der 30. September“, sagt Thielker und macht damit deutlich, dass durchaus noch Zeit wäre, die 367 freien Stellen (Stand Juli) aus einer Vielzahl von verschiedenen Berufen zu besetzen. Aber die Bewerber fehlen. Von den 784 jungen Leuten, die sich auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz bei der Agentur gemeldet hatten, waren bis zum Monatsende immer noch knapp 200 nicht versorgt.

Große Unsicherheiten bei Schulabgängern

Imke Thielker beobachtet bei den Schulabgängern große Unsicherheiten. Die Berufsorientierung fiel mit dem Lockdown, den Schließungen der Schulen und dem Ausfallen des Präsenzunterrichts weitgehend unter den Tisch. Und, das sei ein ganz wichtiger Punkt, die Schulpraktika in Betrieben fielen den Kontakteinschränkungen zum Opfer. Auch die Beratung, die Thielker und ihre Kollegen in den Schulen anbieten, fiel mit dem Unterricht aus.

„Immerhin ist die Berufsmesse digital durchgeführt worden“, kann die Berufsberaterin Versuche würdigen, die jungen Leute wenigstens mit digitalen Angeboten zu erreichen. Aber indirekt am Bildschirm könnten die Eindrücke nicht das praktische Erlebnis im Betrieb ersetzen. Die Folge sei offenbar, dass die jungen Leute lieber länger zur Schule gehen. Sie schieben die Entscheidung hinaus und versuchen, mit besseren oder höheren Abschlüssen ihre Chancen und Auswahlmöglichkeiten zu verbessern.

„Wir haben Sorge, dass wir einige dieser jungen Leute verlieren könnten“, deutet die Berufsberaterin an, dass möglicherweise manche schließlich keine Ausbildung mehr durchlaufen könnten. Dabei hat der Fachkräftemangel bereits einiges an Bewegung in den Ausbildungsmarkt gebracht. Der gewohnte Ausbildungsbeginn nach der Schule hat an Bedeutung verloren. Von den 199 verbliebenen jungen Bewerbern sind nur 96 unter 20 Jahre alt. 30 von ihnen sind sogar älter als 25 Jahre. Und auch in diesem Alter haben sie noch Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden. Unter den insgesamt 784 Bewerbern waren anfangs noch 70, die schon älter als 25 sind.

Corona-Effekte könnten noch Jahre nachwirken

Thielker kann sich vorstellen, dass die Corona-Effekte noch über Jahre nachwirken. „Da sind Strukturen weggebrochen“, deutet sie an. Viele Jugendliche hatten sich als Bufdi oder im Freiwilligen Sozialen Jahr verdingt oder hatten nach dem Abi mit Work and Travel eine Auszeit genommen. „Das ist vielleicht nur aufgeschoben“, deutet die Sprecherin der Agentur an, dass einige aus diesem Jahrgang auch ihre Kollegen später wieder einholen werden.

Während diese Entwicklung eher gleichmäßig überall in der Republik zu beobachten ist, sieht Imke Thielker die Bedingungen im Landkreis allerdings noch verhältnismäßig vielversprechend. „In Verden greift vieles gut ineinander“, sagt sie und verweist auf ein vielfältiges Angebot zur Beratung und Begleitung. Nicht zuletzt das Spektrum von Aktivitäten des mittlerweile bereits kreisweit arbeitenden Bildungsverbunds Schule-Beruf. Jetzt zeige sich, dass es gut war, in den zurückliegenden Jahren soviel Energie in die Arbeit des Verbunds gesteckt zu haben. Ein anderes Beispiel seien die Jugendberufsagenturen in der Arbeitsverwaltung. „In dieser Phase haben sich die Strukturen bewährt.“

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