Kabarettist Wilfried Schmickler mit neuem Programm „Das Letzte“ in der Stadthalle

Das alles soll normal sein?

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Kabarettist Wilfried Schmickler gastierte mit seinem neuen Programm „Das Letzte“ in der Stadthalle.

Verden - Der aus dem WDR bekannte Politkabarettist Wilfried Schmickler, wegen seiner treffsicheren Pointen auch „Scharfrichter unter den Kabarettisten“ genannt, gastierte im Rahmen des Theaterabos in der Stadthalle. Unter dem Titel „Das Letzte“ teilte er gewohnt bissig und wortgewandt aus. Jeder bekam sein Fett weg, die Politiker, die Fernsehmacher und die normalen Leute.

Der bekannte Name zog die Menschen in die Stadthalle, nur wenige Plätze blieben frei. Bevor Schmickler das Publikum begrüßte, bezog er sich auf den Terror in Paris und fragte, wie die Rückkehr zur Normalität aussieht, wenn die Bilder langsam verblassen. „Auf dem Weihnachtsmarkt gepanschten Glühwein trinken und krebserregende Bratwurst essen, der Krieg in Syrien, Menschenrechtsverletzungen in der Türkei, tote Säuglinge, die VW-Affäre, dünne Topmodels in Unterwäsche von Victorias Secret, das Supertalent – das alles soll normal sein? fragte Schmickler provozierend.

„Keine Sorge, Sie haben im Fernsehen heute nichts verpasst“, so der Kabarettist. Es käme sowieso nur die „93. Wiederholung eines Tatorts von 1892 mit Professor Laurel und Kommissar Hardy.“ (Gemeint ist der Tatort aus Münster mit Boerne und Thiel). „Außerdem gebe es noch jede Menge Musik für Scheintote oder Tipps für chronisch Kranke. Da können sie heilfroh sein, dass sie dieses Elend nicht anschauen müssen“, meinte Schmickler trocken. Damit hatte er recht, denn mit seiner Wortakrobatik, gemixt mit musikalischen Einlagen, bot der Kabarettist Unterhaltung auf hohem Niveau.

„Der Mensch lebt nicht mehr, er hechelt“, stellte er weiter fest. Man drohe vom Informationstsunami überrollt zu werden und in der Pixelflut zu ertrinken. Wolken hießen heute Clouds, in der Ängste und Sorgen erfasst und auf Vorrat gespeichert werden. Heute herrsche „Stimulation durch Simulation. Ich kenne Leute, die gehen gar nicht mehr vor die Tür“, beschrieb Schmickler die Folgen der globalen Vernetzung. „Der analoge Hase liefert sich ein aussichtsloses Rennen mit dem digitalen Igel“. Er selbst könne auf digitale Vernetzung im Haus gut verzichten. „Ich möchte nicht, dass mein Wasserkocher ein Verhältnis mit meinem Kronleuchter hat. Irgendwann sind sie weg – durchgebrannt.“

Auch das Onlineshopping nahm er aufs Korn. Es solle bereits Pläne geben, den daraus entstehenden Verkehr in die Kanalisation zu verlegen. Als Lösung schlug er vor, vom Warenlager bis zum Kunden Ketten aus Langzeitarbeitslosen zu bilden. „Sie stehen dann zwar immer noch auf der Straße, haben aber eine sinnvolle Aufgabe.“

Die Politiker kamen ebenfalls nicht ungeschoren davon. Sigmar Gabriel sei ein „kleinmütiger Jammerlappen, der die Wahl schon verloren gibt“. Dass eine Asylbewerberin ihr Kind nach der Bundeskanzlerin benannt hat, deutete Schmickler als Omen. Schließlich heißt die Kleine nun mit vollem Namen Angela Merkel Adé.

Auch wenn er selbst aus Köln kommt und der Karneval nun zum Weltkulturerbe gehört, ist Schmickler damit nicht einverstanden. Karneval sei nichts anderes als Blutwurst essen, Biertrinken und die vage Aussicht auf Geschlechtsverkehr.

Nach mehr als zwei Stunden bester, aber auch nachdenklicher Unterhaltung entließ Wilfried Schmickler das Publikum mit den tröstenden Worten: „Sollte sich der eine oder andere hin und wieder ernsthafte Gedanken über die Zukunft machen, wir schaffen das.“

ahk

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