Innenstadt-Studie

Jeder dritte Besucher würde Verden nicht empfehlen

Menschen in der Fußgängerzone
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Vor gravierenden Veränderungen: die Verdener Innenstadt, hier die Fußgängerzone.

Sind genügend Parkplätze vorhanden? Wie ist es um die Verweilmöglichkeiten bestellt? Welche Auswahl bieten die Fachgeschäfte für Schmuck, Telekommunikation oder Lederwaren? Gibt es überhaupt noch welche? Fallen sie sofort in den Blick? Wie ist der Blick von außen? Als die Interviewer der Studie „Vitale Innenstädte“ des Instituts für Handelsforschung Köln Ende vergangenen September an zwei Tagen Besucher der Fußgängerzone befragten, da förderten sie Erstaunliches zutage. Jeder Dritte würde Verden nicht weiterempfehlen, lautete eine der Botschaften. Genaugenommen sind es 31 Prozent, die sich nicht zu einer Empfehlung der Stadt an der Allermündung durchzuringen vermochten.

Diese Ergebnisse sind der Stoff, aus dem die Auftaktveranstaltung zur Innenstadt 3.0 in Verden ist. Am kommenden Montag, 19. April, sind Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister aus der Fußgängerzone und deren Umfeld zu einem ersten Online-Dialog eingeladen. Von 19 bis 20 Uhr stellt Angelika Revermann aus der Abteilung Stadtmarketing und Tourismus die Zahlen der Studie vor. Wer sich unter der Mailadresse angelika.revermann@verden.de anmeldet, erhält die Einwahldaten kurz vor dem Termin zugesandt.

Ihr schwante nichts Gutes. Kurz vor Weihnachten gingen die Ergebnisse der Innenstadt-Studie im Verdener Rathaus ein. Zu heftig fielen in den Wochen zuvor die Einschläge aus. Leerstehende Läden, Lockdown, Lukullisches, das nicht angeboten werden konnte, weil die Gastronomie geschlossen hatte. Wie sollten da schon die Verden-Besucher urteilen. „Ich wollte mir den letzten Rest von Festtagslaune nicht verderben. Ich hab‘ den Umschlag nicht geöffnet“, sagt Revermann. Hätte sie es getan, und nicht erst im neuen Jahr, sie hätte wahrscheinlich überschwänglich den Christbaum umarmt.

Verdener Einwohner werden sich wundern. Unglaublich gut fielen die Zahlen aus. 420 Befragte in der Innenstadt, die derselben das perfekte Zeugnis ausstellten. Ein wenig hebt die Leiterin der Abteilung Stadtmarketing und Tourismus schon vor dem kommenden Montag den Vorhang über dem Zahlenwerk. Als Gesamtnote schlägt eine 2,3 zu Buche. Vier Jahre zuvor stand noch eine 2,8 im Zeugnis. Verden befand sich seinerzeit genau im Durchschnitt aller vergleichbaren Städte. Jetzt gehört die Allerstadt zu den Klassenbesten. Der Mittelwert wird aktuell mit 2,5 angegeben.

Auch wenn jeder dritte Verden-Besucher die Stadt nicht empfehle – die Zustimmungsquote liegt dennoch deutlich über dem Durchschnitt. 69 Prozent - die Stadt von der Allermündung rangiert um Welten vor vergleichbaren Kommunen. Sie kommen bei ihrer Innenstadt-Attraktivität im Schnitt lediglich auf magere 26 Prozent. Wer genau hinhörte, erkannte diesen Unterschied schon in den vergangenen Jahren. Revermann: „Normalerweise sind die Besucher schon einige Zeit in der Stadt unterwegs gewesen, ehe sie dann vielleicht die Tourist-Information im Rathaus aufsuchen. Ihre erste Frage dann oft: Wie viele Einwohner hat Verden?“ 28 000. „Oh, ich dachte, es wären mehr.“ Klartext: Die gut 1 000 Meter Fußgängerzone, Dom und die anderen Gotteshäuser, das Fischerviertel, der Lugenstein, der norderstädtische Marktplatz, die Herrlichkeit, vielleicht sogar der Allerpark – all das zusammen deutet auf eine deutlich größere Kommune als die tatsächlich vorhandene hin. Und dann schließen sich auch noch Holzmarkt, Gerichtsbarkeit und einiges andere an.

Aber die Studie birgt auch ihre Schwächen. Befragt wurde nicht ein Querschnitt aus der Gesamtbevölkerung, befragt wurden ausschließlich Menschen, die sich zu einem Besuch in der Stadt entschlossen haben. „Interessant wären natürlich Hinweise, warum Leute wegbleiben,“ sagt Revermann, „warum kommen sie nicht häufiger in die Fußgängerzone, was löste ihr dauerhaftes Fernbleiben aus, haben sie zwischendurch der City noch einmal eine Chance gegeben, und waren dann enttäuscht? Alles Fragen, auf die es eben noch keine Antwort gibt.“

Dass es kein Einser-Zeugnis für Verden wurde, liegt der Studie zufolge an einigen unterrepräsentierten Angeboten. Verdens Freizeit und Kultur, die Lebendigkeit der Stadt, das Warenangebot an Uhren, Schmuck, Foto, Telekommunikation, Schuhe und Lederwaren, all das verzeichnete Noten zwischen 2,5 und 2,7, immer noch gut, aber im Verdener Ranking hinten. Zensuren im Einser-Bereich kassierten Plätze, Wege, Grünflächen, Verweilmöglichkeiten, Sauberkeit, Sicherheit, Erreichbarkeit mit dem Auto und Parkplätze.

Der Vorlauf zu dieser Innenstadt-Auftaktveranstaltung verlief holprig. Zwischenzeitlich war das Online-Treffen als Bürgerinformation bezeichnet worden, gleichzeitig fiel der Rücklauf überschaubar aus. Revermann deshalb ausdrücklich: „Die Veranstaltung ist für Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister vorgesehen. Es wäre schön, kämen noch mehr Zusagen.“ Eine erste allgemeine Bürger-Information sei jetzt nicht geplant, sie folge zu einem späteren Zeitpunkt.

Kommentar

Zugegeben, die Frage bei der Studie war eine andere. Korrekt hieß es: Würden Sie die Verdener Innenstadt weiterempfehlen? 69 Prozent entschieden sich für Ja. Andernorts sind es im Durchschnitt nur 26 Prozent.

Mal ehrlich: Würde sich der geneigte Leser für eine Weiterentwicklung der Stadt engagieren, wenn sie in der Publikumsgunst bereits besser abschneidet als die anderen, deutlich besser sogar?

Nein, ist doch alles gut, wäre die Meinung. Lieber die Beine hochlegen. Geht doch alles von meiner Freizeit ab. Eine fatale Entwicklung wäre das.

Der Start zur Innenstadt 3.0 muss also aufrütteln. Und das geht eben besser mit einer Schlagzeile, die mal nicht so gut klingt, auch wenn sie letztendlich frohe Botschaften zum Inhalt hat. Sie muss halt nur wahr sein, aber das ist sie.

Das Schlimmste, was einer solchen Aufbruch-Initiative passieren könnte, wäre ein Startschuss, der ungehört verhallt. Und das Zweitschlimmste: Es würden wieder nur die üblichen Verdächtigen zu Wort kommen, und nichts Neues. Und am Ende stünde ein Weiter so.

Einen Weg zurück zu alten Zeiten wird es nicht geben, das steht fest. Aber ein Weg zu alter Stärke ist möglich, auch wenn diese Stärke eine andere sein wird, als jene von damals. Dafür sind jetzt frische Ideen gefragt. Es ist an der Zeit, die Ärmel aufzukrempeln.

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