Vom „Erbfeind“ zum guten Freund

50 Jahre Partnerschaftsvertrag zwischen Verden und Saumur

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Bereits im ersten Jahr der Städtepartnerschaft reiste der Verdener Kinderchor von der Aller an die Loire.

Verden - Von Katrin Preuß. Heut’ ist goldene Hochzeit. Denn auf den Tag genau vor 50 Jahren unterzeichneten Kurt Winkel und Lucien Gautier, seinerzeit Bürgermeister von Verden und Saumur, die Urkunde, die die Partnerschaft der beiden Städte besiegeln sollte.

„Auf der Grundlage dieser Freundschaft wollen wir der Völkerverständigung dienen und alle Bestrebungen unterstützen, die auf ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen und auf den Frieden in der Welt gerichtet sind“, ist auf dem Schriftstück nachzulesen, das in den Sprachen der beiden Länder abgefasst ist.

Das Logo wurde von der Partnerstadt Saumur extra zum Jubiläum entworfen.

Damit folgten die beiden Städte und ihre Oberen den Appellen Adenauers und de Gaulles. Die Regierungschefs hatten vier Jahre zuvor den sogenannten Elysée-Vertrag geschlossen. Er sollte einen Schlussstrich ziehen unter die vielzitierte „Erbfeindschaft“ zwischen Frankreich und Deutschland.

Was vor einem halben Jahrhundert begann, wird heute im Rathaus von Saumur im Rahmen eines Festaktes gefeiert. Natürlich zusammen mit einer Delegation aus Verden.

Auch mal eine ruhige Kugel schieben: Mitglieder des Partnerschaftsvereins treffen sich regelmäßig zum Boulespielen.

Auch Odile Maiwald wird dabei sein. Als Mitarbeiterin der Stadt begleitet sie die Partnerschaften schon seit Jahren. Wer immer Informationen benötigt zu den Kontakten, die Verden inzwischen nicht mehr nur nach Frankreich, sondern auch nach Polen, Russland, Großbritannien und zum sachsen-anhaltinischen Havelberg unterhält, landet unweigerlich in ihrem Büro im historischen Rathaus.

In dem kleinen Zimmer archiviert Odile Maiwald Broschüren, Fotos und Zeitungsartikel rund um die Partnerschaften. Die vielen Unterlagen und Dateien zeigen: Gerade die Verbindung nach Saumur ist eine sehr lebendige, geprägt von einem regen Austausch nicht nur auf offizieller Ebene, sondern mehr und mehr auf privater. Freundschaften sind entstanden, sogar Ehen gestiftet worden. Domgymnasium, Gymnasium am Wall und die Realschule pflegen bereits einen intensiven Austausch mit Schulen in Saumur. Die BBS, so verrät Odile Mailwald, arbeiten daran, ihren Schülern Praktika in Frankreich bieten zu können.

Der Partnerschaftsbaum steht inzwischen hinter dem Rathaus.

Für französische Lebensart in Verden, gerne mal unterstrichen durch den Genuss von „fromages et vins“, also von Käse und Wein, ist seit 25 Jahren der Partnerschaftsverein Verden-Saumur zuständig. Tarot-Abende und Boule-Nachmittage gehören zu seinen Aktivitäten, dazu die Besuche von Filmvorstellungen und Ausstellungen, Sprachkurse und natürlich Fahrten nach Saumur. Dort aber, so bedauert Odile Mailwald, gebe es leider keinen Partnerschaftsverein mehr.

Die Vielfalt der Begegnungen – ob sportlich oder musikalisch, ob über Feuerwehr oder Freizeitflieger – ist immer wieder von der örtlichen Presse begleitet worden. Beim Stöbern in den vielen Berichten muss Odile Maiwald manches Mal schmunzeln.

Das Logo wurde von der Partnerstadt Saumur extra zum Jubiläum entworfen.

So stellte der Courrier de l’Ouest, eine französische Tageszeitung, im Jahr vor Beginn der Partnerschaft Verden vor und betonte dabei nicht nur deren zahlreiche Freizeitangebote, die Reithallen, Tennisplätze und den Wassersport auf der Aller. Auch die Annehmlichkeiten des Verdener Abwassersystems hielt der Verfasser für erwähnenswert.

Die Verdener Aller-Zeitung berichtete 1967 von einer Konzertreise des Verdener Kinderchores und seines Leiters Karl-Heinz Bürgel nach Saumur. Dabei zitierte der Reporter auch seine französischen Kollegen: „Jugend und Frische sind die Ausdrücke, die ganz natürlich in die Feder fließen, um den Chor aus Verden näher zu bezeichnen. Jugend, weil diese 58 charmanten Heranwachsenden, die dunkelblaue Röcke, weiße Blusen, hellblaue Jacken und das Verdener Nagelkreuz tragen, alle unter 20 Jahre sind. Frische Gesichter und geschmeidige Stimmen, sehr ruhig und mitreißend, dirigiert mit einer lächelnden Autorität des Meisters Karl-Heinz Bürgel.“

Empfang im Rathaus von Saumur: Zahlreiche Verdener nutzten schon die Gelegenheit zur Teilnahme an einer Bürgerreise.

„Verden ist unser zweites Zuhause!“, titelte die VAZ im Juni 1969. Eine achtköpfige Delegation aus Saumur war zu Arbeitsgesprächen an die Aller gereist. Die Gastgeber hatten die Gruppe nicht nur herzlich empfangen, sondern auch gleich zur Domweih eingeladen, samt Karussellfahrt und Besuch des Hippodroms. Diskutiert wurde aber auch. „In Zweiergesprächen“, wie der Artikel offenbart.

„Mit Herzblut und Überzeugung wurde an der Versöhnung von Deutschland und Frankreich gearbeitet“, fasst Odile Mailwald die ersten, die „goldenen Jahre“ der Partnerschaft zusammen. Sogar einen Partnerschaftsausschuss gab es seinerzeit bei der Stadt Verden.

Mittlerweile sei so etwas wie Normalität eingekehrt. „Man lebt die Freundschaften jetzt. Aber man darf sie nicht als selbstverständlich betrachten. Sie müssen gepflegt werden“, betont sie. Dazu gehört für sie auch die Unterstützung von städtischer Seite, finanziell genauso wie personell.

Odile Maiwald in ihrem Büro, das auch so etwas wie ein Archiv der Städtepartnerschaften ist. - Foto: Preuß

Der Wunsch Adenauers und de Gaulles nach Aussöhnung und Verständigung sei aber in Erfüllung gegangen, ist die 62-Jährige überzeugt. Sie selbst stammt aus Angers, der Hauptstadt des Départements Maine-et-Loire, in dem auch Saumur liegt. Keine 70 Kilometer von Verdens Partnerstadt entfernt, sei sie in einem sehr weltoffenen Haushalt aufgewachsen. Ihre Familie, allen voran ihr Vater, sei beseelt gewesen vom Gedanken der Versöhnung und habe ihren deutschen Ehemann Klaus-Jürgen seinerzeit mit offenen Armen empfangen.

Das sei keinesfalls üblich gewesen. „Es gab Ärger, wenn die Tochter einen Deutschen liebte“, sagt die Französin und berichtet von einer Landsmännin, die ihren deutschen Mann kilometerweit von ihrem Elternhaus entfernt heiraten musste. Nur, damit im Heimatort niemand etwas davon erfuhr.

Von derlei Animositäten scheint heute nichts mehr übrig zu sein. „Ich würde sagen, die Städtepartnerschaften haben viel gebracht“, sagt Odile Maiwald und fügt hinzu: „Wir ergänzen uns.“ Deutschland und Frankreich bildeten „ein gutes Tandem“ und seien wichtig für die Völkerverständigung. Denn beide seien wiederum mit anderen Ländern befreundet und würden diese mitnehmen auf dem Weg in ein geeintes Europa.

Sicher müsse in der EU einiges überprüft werden. „Es muss da dringend aufgeräumt werden“, fordert Odile Maiwald. Gleichzeitig ist sie sich sicher: „Der deutsch-französischen Freundschaft tut das nichts an.“

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