Interview mit DPG-Transportleiter Heinz Möller

„Hilfe ist weiterhin dringend geboten“

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Heinz Möller.

Verden/Landkreis - Einmal im Monat fährt die Deutsch-Polnische Gesellschaft Verden mit einem Hilfstransport in die Partnerregion rund um Zielona Gora und darüber hinaus. Transportleiter Heinz Möller ist ständig dabei, auch die Kosten der Fahrten durch Spenden wieder herein zu holen. Eine wahre Mammutaufgabe. Und dennoch gibt es immer wieder Kritik. Volkmar Koy sprach darüber mit Heinz Möller.

Herr Möller, in Teilen der Verdener Bevölkerung wird zunehmend gefragt, warum die DPG Hilfstransporte nach Polen organisiert. Angeblich wäre die Hilfe für die Flüchtlinge hier in Deutschland viel notwendiger. Ein richtiger Schluss?

Heinz Möller: Bekanntlich sind die Kleiderkammern für Flüchtlinge prall gefüllt. Wir nehmen also niemandem etwas weg. Außerdem sollte man Bedürftige hier vor Ort nicht gegen arme Menschen anderswo ausspielen. Dies ist kein Ansatz, der auf christlicher Nächstenliebe beruht. Die Situation im Sozial- und Gesundheitswesen in Polen ist nach wie vor prekär.

Der Mindestlohn beträgt 600 Zloty, nicht ganz 150 Euro. Eine Krankenschwester erhält eine Monatsrente von 1 270 Zloty, etwa 300 Euro. Wenn Miete und Kosten für Energie abgezogen werden, verbleiben noch 100 Euro zum Leben. An diesen Beispielen wird deutlich, dass Hilfe weiterhin dringend geboten ist, zumal sich die Preise mittlerweile sehr angeglichen haben.

In der Nervenklinik in Meseritz sind schwerstbehinderte Menschen in Räumen mit 25 Betten untergebracht. Unvorstellbar für unsere Verhältnisse. Krankenbetten werden weiter dringend erbeten. In Glatz an der Neiße sieht man heute noch die Spuren der Hochwasserkatastrophe von 1997. Arbeitslosenquote dort über 22 Prozent! Also bitte nicht von den prächtigen Fußgängerzonen in den polnischen Metropolen täuschen lassen, weil die Realität in den Wohnquartieren und Nebenstraßen eine ganz andere ist.

Was vor Jahren nur in Zielona Gora begann, wird immer mehr ausgedehnt. Transportfahrten finden mittlerweile nach ganz Niederschlesien statt. Und darüber hinaus. Wo ist die geografische Grenze?

Möller: Nein, so ist es nun auch nicht. Transportfahrten gehen schwerpunktmäßig lediglich in die Woiwodschaft Lubuskie und in die Woiwodschaft Niederschlesien. Mehr ist nicht drin. Da stoßen wir an unsere Grenzen. Wir haben daher auch Hilfsbitten aus der Warschauer Region und aus der Woiwodschaft Karpatenvorland ablehnen müssen.

Die Städtepartnerschaft Verden-Zielona Gora rückt in den Hintergrund. Wie will die DPG den zusätzlichen Bedarf, wenn es denn einen geben sollte, noch finanziell und personell ausfüllen?

Möller: Die Partnerstadt mit Zielona Gora rückt keinesfalls in den Hintergrund. Die meisten Hilfstransporte gehen nach wie vor nach Zielona Gora und umzu. Außerdem kommt es auf die angelieferte Tonnage an und nicht auf die Anzahl der Transporte. Zum Glück haben wir dafür seit rund zwei Jahren einen Lkw mit Anhänger zusätzlich im Einsatz. Das DPG-Team ist weiterhin hoch motiviert. Außerdem danken wir sehr für die großzügige finanzielle Unterstützung in der Bevölkerung.

Polen hat Rechts gewählt und nimmt keinen einzigen Flüchtling auf. Soll dieser Umstand von der DPG gefördert werden?

Möller: Woher haben Sie dieses sehr oberflächliche Wissen über Polen, Herr Koy? Ich musste mir nämlich von öffentlicher Seite jüngst in Polen sagen lassen, dass in Deutschland wenig zutreffend über die Flüchtlingslage in Polen berichtet wird und hier Stammtischparolen an der Tagesordnung seien. Polen hat danach allein 500000 Menschen aus der Ukraine zu verkraften, und aus weiteren Staaten Osteuropas wie Rumänien, Bulgarien und Weißrussland kommen weitere hinzu. Wahlergebnisse kommentiert die DPG-Verden wegen ihrer parteipolitischen Neutralität außerdem grundsätzlich nicht, auch, wenn mir dies manchmal schwer fällt.

Welche organisatorischen Hürden müssen vom Transportleiter der DPG vornehmlich demnächst überwunden werden?

Möller: Im Moment sind wir ganz gut aufgestellt. Jedem sollte jedoch klar sein, dass Organisation und Durchführung von Hilfstransporten dem DPG-Team Schwerstarbeit abverlangt. Wir wären also mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir ohne Grund Sachspenden nach Polen liefern würden.

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