Ingo Fietze, Experte von der Charité Berlin, referiert über Schlafstörungen

Lieber eine Schlaftablette

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Prof. Dr. Ingo Fietze referierte in der Stadtbibliothek über guten und schlechten Schlaf.

Verden - Nach einer erholsam verbrachten Nacht den Tag frisch und ausgeruht zu verbringen, das ist sicher der Idealfall. Doch das ist längst nicht allen vergönnt. Für viele Menschen wird die Nacht zur Qual, weil sie unter Schlafstörungen leiden. Daher war das Interesse am Vortrag von Prof. Dr. Ingo Fietze, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Charité Berlin, entsprechend groß.

Auf Einladung des Förderkreises der Stadtbibliothek sprach der Mediziner am Freitagabend über „Über guten und schlechten Schlaf“, so lautet auch der Titel seines neuesten Buches.

„Flach schläft man besser“, war die erste Regel für guten Schlaf, die Fietze den Zuhörern vermittelte. Er riet daher davon ab, das Kopfteil des Lattenrostes höher als 30 bis 40 Grad zu stellen. „Sonst leidet die Schlafqualität“. Auch eine Klimaanlage im Schlafzimmer wäre nicht schlecht, denn die ideale Schlaftemperatur liege bei 16 bis 21 Grad. Für diejenigen, die nachts nicht die Gelegenheit haben, genug zu schlafen, empfahl er das „Power Napping“, also den Mini-Schlaf mal eben zwischendurch.

Dass gerade viele junge Leute zu wenig schlafen, erläuterte Fietze anhand einer Studie mit rund 30 Tänzern des Staatsballetts Berlin. Niemand sei auf die notwendigen acht Stunden Schlaf gekommen. „Die schlafen alle kürzer als sieben Stunden“, so der Mediziner. Daher sei nun ein Ruheraum eingerichtet worden, der sehr gut angenommen wird. „Dieser Raum ist der Blockbuster“, schmunzelte Fietze. Auch in anderen Berufsgruppen ist der Wunsch nach dem Kurzschlaf zwischendurch groß. Eine Umfrage unter Schichtarbeitern einer Fabrik in Berlin hat ergeben, dass auch hier der Wunsch nach einem Ruheraum weit oben auf der Wunschliste steht.

„Wann wird man eigentlich müde?“, fragte der Schlafexperte das Publikum. Überrascht erfuhren die Zuhörer, dass man sich abends von 18 bis 21 Uhr in einer „Wachzone“ befinde. Dagegen müssten sich Menschen, die um 6 Uhr aufstehen, zwischen 9 und 10 Uhr, 12 und 14 Uhr und 16 und 18 Uhr auf ein Leistungstief einstellen. Gleichzeitig räumte Fietze mit dem Vorurteil auf, dass ältere Menschen weniger Schlaf brauchten, auch 85-Jährige benötigten noch sieben Stunden Schlaf.

Doch was ist, wenn man nicht ein- oder durchschlafen kann? Fietze teilte die Ursachen für Schlafstörungen in sechs Gruppen ein: Schnarcher, sensible Schläfer (reagieren stark auf Störungen der Umgebung), „unruhige Beine“, Schichtarbeiter, pathologische Müdigkeit und Parasomnie (Schlafwandler).

„Schlafstörung ist die einzige Krankheit, die in Deutschland selbst leidend hingenommen wird“, erklärte der Schlafmediziner und führte dieses auf das schlechte Image der Schlaftablette zurück. „Ritalin und Antidepressiva sind anerkannt, aber eine Schlaftablette möchte niemand nehmen“, bedauerte Fietze. Die Ursache für die meisten Schlafstörungen sei, dass das Zusammenspiel zwischen Schlaf- und Wachstoffen gestört sei. Dieses könne man eben nicht mit Homöopathie, sondern nur mit einer Schlaftablette in den Griff bekommen.

Der Mediziner betonte, dass die neue Generation der Schlafmittel nicht mehr abhängig mache und auch keine Nebenwirkungen habe. Auch umbringen könne man sich mit den neuen Mitteln nicht mehr. „Mit Tablette kann man 100 werden, ohne nicht. Ob es nun eine Matratze ist, mit der sie gut schlafen, oder eine Tablette, ist doch egal“, so Fietze.

Leider gebe es noch keine mechanische Therapie, um Schlafstörungen zu behandeln. Das könnte in zehn Jahren bereits anders aussehen. „Dann klebt man sich Elektroden hinter die Ohren und bestimmt, ob man wach sein oder schlafen möchte.“

ahk

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