„Ich bin gerne Dienstleister“

Serie Hinterm Tresen: Annette Sottorff vom Sotti’s

Hinterm Tresen des Sotti’s fühlt sich Annette Sottorff wohl. Den direkten Kontakt zu den Gästen, den Schnack über den Zapfhahn hinweg vermisst sie darum sehr.
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Hinterm Tresen des Sotti’s fühlt sich Annette Sottorff wohl. Den direkten Kontakt zu den Gästen, den Schnack über den Zapfhahn hinweg vermisst sie darum sehr.

Sie servieren uns unser Essen; sie nehmen uns beim Arzt im Empfang, sie wiegen für uns die Wurst ab, tüten Brötchen ein, beraten und informieren uns. Ihre Gesichter sind uns seit vielen Jahren vertraut und doch wissen wir nur wenig über die Menschen hinterm Tresen. Das möchten wir ändern und in dieser Serie ein paar von ihnen vorstellen.

Verden - Wer genau hinschaut, der erkennt in Annette Sottorff, damals noch Göbel, vielleicht die 16-jährige Schülerin, die in den 90ern im Café Görz in Verden ihre ersten Erfahrungen hinterm Tresen sammelte. Das Café in der Großen Straße gibt es schon lange nicht mehr. Und aus der Domgymnasiastin ist eine berufstätige Ehefrau und Mutter geworden.

Ein Diplom in Sozialpädagogik hat sie in der Tasche. Treu geblieben ist sie aber dann doch der Gastronomie. Was sie antreibt? Jeden Tag lerne sie neue, interessante Menschen kennen, sagt sie. Dementsprechend fehle ihr zurzeit der direkte Kontakt über den Tresen hinweg. „Und ich bin gerne Dienstleister“, fügt sie noch hinzu. „Ich schenke auch lieber, als dass ich etwas geschenkt bekomme.“

Seit 17 Jahren, Sven Sottorff als Inhaber der Kneipe am Anita-Augspurg-Platz möge es verzeihen, ist Annette Göbel, inzwischen verheiratete Sottorff, das Gesicht des Sotti’s. Eine Quereinsteigerin, die liebt, was sie tut, wenn auch nicht mehr sieben Tag pro Woche, vom Morgen bis in die Nacht. Dass sie nicht mehr täglich hinter dem Tresen stehen muss, ist das Ergebnis harter Arbeit in den ersten Jahren.

Hätte das Bremer Mariott 1997 ein wenig schneller auf die Bewerbung reagiert, hätte die Verdenerin nach dem Abitur am Domgymnasium vielleicht sogar eine Ausbildung in der Hotelbranche gemacht. Doch die Einladung zum Vorstellungsgespräch kam erst, als sie ihr Studium in Würzburg schon angetreten hatte.

Fünf Jahre in Bayern waren dann genug. Und so zog es die junge Frau zurück in den Norden, nach Hamburg.

Sind Sozialpädagogen heute heißt begehrt, sah das vor 20 Jahren ganz anders aus. „Keiner wollte mich haben“, erinnert sie sich an Dutzende von Bewerbungen, die allesamt ins Leere liefen. Was blieb, war das Jobben. „Ich war tatsächlich mal Reinigungskraft“, sagt Annette Sottorff und muss schmunzeln. Das war zwar gut bezahlt, sollte aber kein Dauerzustand bleiben.

Anfang der 2000er kehrte die Verdenerin zurück in ihre Heimatstadt. Hier unterrichtete sie dann Kinder mit einer Lernschwäche und jobbte nebenbei – wie sollte es anders sein – in der Gastronomie. Bekannte hatten den Kontakt zum Sotti’s hergestellt. Was 2004 als Nebenbeschäftigung anfing, wurde alsbald zum Hauptberuf – und führte auch zum privaten Glück. Im Sommer 2014 heiratete Annette Göbel ihren Sven.

„Annette...!“, die 44-Jährige lacht herzhaft. Kein Mensch nenne sie so, sagt sie und stellt sich erst einmal richtig vor: mit „Netti“. Der Spitzname ist Programm, denn die versierte Theken-Kraft ist tatsächlich eine ganz Nette.

Fröhlich plaudert sie über ihre Arbeit, über die Familie und darüber, dass das eine vom anderen manchmal gar nicht zu trennen ist. Nicht nur, weil der Chef mittlerweile der Ehemann ist. Sondern auch, weil das 16-köpfige Team im Sotti’s wie eine Familie funktioniert, in der sich alle aufeinander verlassen können. „Es macht einfach Spaß hier“, stellt sie fest, obwohl die Pandemie auch ihr einen Teil dieses Spaßes nimmt.

Vier Festangestellte und zwölf Aushilfskräfte bilden die Belegschaft des Sotti’s. „Sie sind auch in der Corona-Zeit bei uns geblieben. Es hat uns nicht einer verlassen“, sagt sie mit Rührung in der Stimme, wohl wissend, dass die Pandemie zu einem akuten Personalmangel in der Gastronomie geführt hat. „Ich behaupte mal, es liegt ein bisschen am Laden“, meint sie und blickt sich um. „Und am Team.“

Von der kleinen Kneipe und ihrer Bedeutung für die Menschen sang Peter Alexander schon vor mehr als 40 Jahren. „Für viele ist das hier das Wohnzimmer“, zitiert Netti ihren Vater. Wer am Tresen sitzt, für den ist der Mensch dahinter manchmal auch so etwas wie ein Kummerkasten. Die 44-Jährige weiß das, hat in den all den Jahren gelernt, Privates und Berufliches zu trennen. Dennoch seien im Laufe der Zeit auch Freundschaften über den Zapfhahn hinweg entstanden, berichtet sie.

Kontakte zu pflegen, das ist gerade in einem gastronomischen Beruf eine Herausforderung, sind doch die Arbeitszeiten in der Regel die freien Zeiten der anderen. Dass eine Verabredung mit Freundinnen sie ein ums andere Mal wieder ins Sotti’s führt, ist nur ein weiterer Beleg dafür, wie sehr Annette Sottorff ihr Tun liebt. Die Seite zu wechseln und als Gast dort zu sein, „das ist für mich wie Urlaub“.

Ob sie Tochter Clara denn empfehlen könnte, ebenfalls in die Gastronomie zu gehen? Die 44-Jährige muss nicht lange nachdenken. „Nein“, sagt sie entschieden. Die Zeiten und die Gesellschaft hätten sich gewandelt, stellt sie fest. Sich etwas zu gönnen, das sei für viele nicht mehr mit Essengehen, mit Kneipenbummel verbunden. „Das Geld wir für anderes ausgegeben.“ Und so können man ihrer Ansicht nach auch leichter gutes Geld verdienen als hinter einem Kneipentresen.

Von Katrin Preuß

Das nächste Porträt

Haben auch Sie in Ihrem Geschäft, Ihrem Betrieb eine langjährige „Tresenkraft“, die wir Ihrer Ansicht nach einmal vorstellen sollten? Dann nehmen Sie gerne Kontakt zu uns auf: Telefon 04231/801142 oder per E-Mail an redaktion.verden@kreiszeitung.de, Stichwort „Hinterm Tresen“.

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