Hüter des Deichs

Hitze, Wolf und Nutrias: Jörk Hehmsoth zieht mit seinen Heidschnucken über die Verdener Deiche

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Jörk Hehmsoth (l.) mit seinem Mitarbeiter Pieter Clemens und dreien seiner sechs Hütehunde, Bruno, Sky und Rain (v.l.), im Verdener Moor.

Verden - Langsam lässt der Schäfer Jörk Hehmsoth seinen Blick über das Feld schweifen. Sein treuer Begleiter, Hütehund Bruno, sitzt leise hechelnd neben ihm. Vor ihnen zieht die Herde Heidschnucken langsam über das Feld und schlägt sich dabei links und rechts den Bauch mit Gras voll. Zusammen leisten sie das, was Maschinen nur zerstören würden: Sie halten die Verdener Deiche instand und schützen somit Menschen und ihr Hab und Gut vor Hochwasser und Überschwemmungen.

Seit 20 Jahren beweidet Hehmsoth zusammen mit seinen Tieren die Deiche an der Weser und Aller sowie einen Großteil der Naturschutzflächen im Landkreis. „Und nach den 25 Jahren, die ich nun schon Berufsschäfer bin, macht mir die Arbeit immer noch so viel Spaß wie am Anfang“, fügt der 52-Jährige mit einem Lächeln hinzu.

Auf ihrem Weg durch das Verdener Moor: Die Heidschnucken-Herde. 

Zwei- bis Dreimal im Jahr zieht Hehmsoth mit seinen Heidschnucken über die komplette Länge der Deiche. In einer Herde seien dann um die 500 Tiere, die eine Reihe wichtiger Funktionen erfüllen: „Die Tiere fressen die Gräser und Kräuter auf den Schutzwällen ab und halten es kurz, sodass Greifvögel besser die Mäuse erwischen können, die in und auf den Deichen leben“, so Hehmsoth. Außerdem haben die Tiere den „goldenen Huf“. Damit ist gemeint, dass die Schafe mit ihren Füßen einerseits die Erde fest treten und andererseits gleichzeitig Samen in die Erde stampfen, wodurch der Deich dicht bewachsen bleibt und die Grasnarbe geschlossen. Denn ohne die ist ein Deich nicht stabil und bietet keinen ausreichenden Schutz vor Hochwasser. Außerdem treten die Tiere beim Grasen Löcher, Mäusegänge und Maulwurfshügel zu und beseitigen somit mögliche Gefahrenstellen. Immerhin habe ein gut geschützter Schutzwall „mehr Wurzeln als ein Baum“, weiß der 52-Jährige.

Deich nur so stark wie sein schwächstes Glied

Doch diesen Schutz zu gewährleisten wurde im Verlauf der letzten Jahre immer schwieriger. Vor allen Dingen sei dabei die steigende Nutria-Population ein großes Problem: „Erst vor drei Wochen habe ich dem Mittelweserdeichverband Nutrias gemeldet, die im Naturschutzgebiet unter einem Deich budelten, wodurch dieser hätte instabil werden können“, berichtet der Schäfer.

In dieser Hinsicht könnte ein Deich gut mit einer Kette verglichen werden: „Die ist nämlich nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Ist sie an einer Stelle brüchig, kann sie als Ganzes nichts mehr halten.“ Darüber hinaus verdrängen Nutrias heimische Arten aus ihrem natürlichen Lebensraum, da sie eine eingeschleppte Rasse sind und immer noch auf der Suche nach ihrem Platz sind.

Hitze bereitet Hehmsoths Arbeit Schwierigkeiten

Doch nicht nur die Nutria, auch die sengende Hitze bereitet dem Schäfer und seinen Tieren Schwierigkeiten. „Ich kenne meine Schnucken genau und welche Temperaturen sie abkönnen. An ganz heißen Tagen nützt aber alles nix, da müssen sie ab 10 Uhr früh vom Deich runter und erst gegen 22 Uhr wieder drauf, wenn es sich etwas abgekühlt hat“, erklärt Hehmsoth. Immerhin gebe es auf dem Deich keinerlei Unterstand oder Schatten, um die Tiere zu schützen. In diesem Sommer war aber selbst das nicht möglich: „Selbst spätabends oder nachts konnte ich nicht mit ihnen auf den Deich, da es selbst dann noch 28 Grad waren und sich praktisch gar nichts abgekühlt hat. Da musste ich erst kühlere Tage abwarten“, erklärt der 52-Jährige.

Ein Tier der Herde beim genüsslichen Fressen von Pfeifengras.

Er rechnet aber damit, dass neben Nutrias und Hitze ihm noch etwas ganz anderes Probleme in Zukunft bereiten wird: Wölfe. „Diesen Herbst werden durch den Landkreis Verden mit Sicherheit die Wölfe ziehen, die in letzter Zeit öfters in der Lüneburger Heide gesehen wurden“, prognostiziert der Schäfer. Er selbst verwendet einen 1,06 Meter hohen Zaun als Wolfsschutz, den er um die beweidete Deichfläche spannt. 

Wölfe nicht wahllos bejagen

Erschwerend komme hinzu, dass er auf dem Deich nicht mit seinen Hütehunden arbeiten könne. „An heißen Tagen buddeln auch sie Löcher, um sich abzukühlen, wodurch dieselbe Problematik wie beim Nutria entsteht“, erklärt Hehmsoth. „Es kann aber nicht sein, dass der Schäfer vom Deich gehen muss, weil der Wolf dort Schafe reißt.“ Hehmsoth ist der Meinung, dass Wölfe bejagt werden müssen, aber nicht wahllos: „Man müsste den Hebel bei den Welpen und alten Tieren ansetzen, nicht bei den Erwachsenen. Die halten sich vom Menschen fern“, erklärt der 52-Jährige.

Schäfer sind unabdingbar für den Deichschutz, aufgrund dessen findet Hehmsoth aktuelle Tendenzen äußerst besorgniserregend: „In den letzten fünf Jahren gibt es 15 Prozent weniger Hirten und somit bereits 11 Prozent weniger Schafe.

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