Horizonte-Fachtagung zu Risiken und Chancen des Internets für Jugendliche

Likes als Sinn des Lebens

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Xenia Bade (l.) und Sabine Kopp-Danzglock (Mitte) von der Awo-Beratungsstelle Horizonte mit den Referentinnen Dr. Catarina Katzer, Teresa Siefer und Christina ter Glane (v.l.).

Verden - Schöne neue Internetwelt. Wer diesen Planeten noch aus Zeiten ohne weltweites Netz kennt, mag sich angesichts der Fülle bunter Bilder fragen: „Was geht hier ab?“ Antworten gab es gestern im Kreishaus. Dorthin hatte die Awo-Beratungsstelle Horizonte zur Fachtagung eingeladen. Es referierten die Diplom-Psychologin Teresa Siefer, Leiterin des Kinderschutz-Zentrums Lübeck, Dr. Catarina Katzer vom Institut für Cyberpsychologie und Medienethik Köln, sowie die freie Medienpädagogin Christina ter Glane aus Oldenburg.

So viele Risiken das Internet in sich birgt, so viele Chancen bringt es, waren sich die Expertinnen einig. „Es ist ein gutes Medium zum Testen“, sagte Catarina Katzer. In der Pubertät gehe es darum, die eigene Identität zu finden. Wer Probleme habe, zum Beispiel mit seiner sexuellen Orientierung, könne sich hier Informationen beschaffen oder gar Hilfe holen.

Schwierig wird es da, wo Menschen dem Internet ohne jeglichen Argwohn begegnen. Die Verabredung über den Chat – Mama und Papa machen es in der Flirtbörse ja vor –, und dann das Blind Date, das mit einer Vergewaltigung endet, schilderte Horizonte-Beraterin Xenia Bade, was in einem schlimmen Fall passieren kann.

Aber auch weniger drastische Vorfälle können weitreichende Folgen haben. Das unbedacht verschickte Selfie aus der Umkleidekabine – „Nehme ich das rote oder das gelbe Shirt?“ – kann der Absenderin schnell den Ruf einbringen, eine Schlampe zu sein.

Aufklärung sei wichtig, die Sensibilisierung dafür, was privat ist und was öffentlich, so die Fachfrauen. Und das so schon in jungen Jahren.

Kinder hätten immer früher Zugang zu Smartphone und Tablets, wissen Xenia Bade und ihre Kollegin Sabine Kopp-Danzglock. Doch sie verfügten dann nur über das Handling, nicht aber über die Lebenserfahrung für einen sinnvollen Umgang damit, so Katzer.

„Die Erwachsenen müssen wissen, dass Kinder in solche Situationen geraten können“, verdeutlichte Teresa Siefer. Wichtig sei es dann, den Nachwuchs zu ermutigen, Probleme auszusprechen, so Sabine Kopp-Danzglock. Und das, ohne mit einem Internetverbot zu drohen. Denn das sei kontraproduktiv.

Gleichzeitig gelte es, auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Angesichts ständig wechselnder Trends keine leichte Aufgabe.

War im vergangenen Jahr die „Ice Bucket Challenge“, bei der sich Menschen einen Kübel Eis über den Kopf schütteten und sich dabei filmten, schlimmstenfalls albern, hat die „Neknomination“ schon eine ganz andere Qualität. Hier fordern sich Jugendliche gegenseitig zu gefährlichen Mutproben oder Komasaufen heraus.

Auch „Spornosex“ erfreue sich wachsender Beliebtheit, erklärte Catarina Katzer. Gemeint sind damit Selfies, auf denen meist männliche Jugendliche stolz ihre durchtrainierten, häufig wenig bekleideten Körper präsentieren.

„Die Selbstdarstellung im Netz spielt eine große Rolle“, so Katzer. Und die Follower auf Twitter, die Likes bei Facebook sind die Bestätigung, wenn im wirklichen Leben die menschliche Nähe fehlt.

Hier seien Eltern, Lehrer, Pädagogen oder Betreuer ebenfalls gefragt: für die Nestwärme und als Vorbilder, die zeigten, dass es nicht auf die Zahl der Facebook-Freunde ankommt. Christina ter Glane: „Der Wunsch der Erwachsenen, dass sich das Internet irgendwann totläuft, der wird sich nicht erfüllen.“

kp

Hier gibt es Informationen:

www.juuuport.de (Selbstschutz-Plattform von Jugendlichen für Jugendliche im Web)

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