Holzmarkt: Sicher bis ans Tunnelende?

Fast doppelt so schnell: Die Anzeige misst die Geschwindigkeit. 15 Stundenkilometer sind erlaubt. Foto: wienken

Der Holzmarkttunnel ist, sagt die Statistik der Polizei, eine Unfallhäufungsstelle. Auch in den Reihen der Kommunalpolitiker ist die Verkehrsverbindung ein Dauerthema. Eine für alle befriedigende Lösung fehlt bislang. Von „Fahrradfahrer absteigen, über Eingangsbarrieren bis hin zu freier Fahrt und verschärften Kontrollen“ ist alles dabei.

VON MARKUS WIENKEN

Mit 15 Stundenkilometern durch den Holzmarkttunnel, so ist es für Fahrradfahrer Vorschrift. Wer sich die Mühe machen will, kann es gerne ausprobieren. Bei dem herrschenden Gefälle in den Eingangsbereichen gelingt es selbst einem eher langsamen Radler schwer, sich an die Vorschrift zu halten. Also, immer den Finger an der Bremse. Wer die Abfahrt sportlich nimmt, der hat kein Problem, die 30er-Marke zu knacken. Beispiel gefällig: Nur fünf Minuten dauerte es, da bogen aus der Alten Borsteler Dorfstraße zwei jugendliche Radfahrer um die Kurve, das Jugendzentrum rechts liegen lassend, die Tunnelöffnung Richtung Holzmarkt vor Augen, und das Sprintduell nahm seinen Lauf.

Die digitale Anzeige über dem Eingang überschlug sich fast, schnellte bis auf 38 Stundenkilometern hoch. Sehen konnten die Rennfahrer ihren Spitzenwert nicht, dafür aber den Rausch der Geschwindigkeit fühlen, wie das laute Johlen im Tunnel verriet.

FDP: „Anträge liegen seit Jahren vor“

Kein Einzelfall, weiß Henning Wittboldt-Müller, FDP-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat Verden. Der Apotheker führt sein Geschäft am Holzmarkt, was sich im Tunnel abspielt, haben er und sein Parteikollege Jürgen Weidemann über Jahre hinweg beobachtet. Weidemann wohnt auf der anderen Seite des Bauwerks in Borstel.

Nicht zuletzt aufgrund der Zwischenfälle bemühen sich die Liberalen seit mehreren Jahren um eine Entschärfung der Gefahren. „Entsprechende Anträge liegen der Verwaltung lange vor, zuletzt aus dem Jahr 2015“, so Wittboldt-Müller. „Die sind aus unserer Sicht bisher noch nicht abgearbeitet.“

Für die FDP steht ohne Alternative fest: „Radfahrer müssen vor dem Tunnel absteigen“, so Wittboldt-Müller. Damit das klappt, gehören an die Eingänge sogenannte Drängelgitter oder auch Umlaufsperren.

Nicht viel hält seine Fraktion von den bisherigen Veränderungen und spricht von „kosmetischen“ Maßnahmen. „Die haben nur Alibifunktion, um Stadt und Bürgermeister im Unglücksfall vor Rechtsfolgen zu schützen. „Die Piktogramme, das Geschwindigkeitsbegrenzungsschild und die Anzeigetafel werden ignoriert von deutlich über 50 Prozent der Fahrradfahrer und sind sinnlos.“

Das Engagement der FDP- Fraktion kommt nicht von ungefähr: „Uns sind Betroffene bekannt, die bei Unfällen im Tunnel bleibende Schäden davongetragen haben. In einem Fall ist die 45-jährige Person seit zehn Jahren arbeitsunfähig“, weiß Wittboldt-Müller. Und er ist sich sicher: „Die meisten Unfälle sind der Polizei gar nicht gemeldet worden.“

Für eine grundsätzliche Lösung nimmt der streitbare FDP-Politiker die Bahn in die Pflicht: „Idealerweise baut das Unternehmen eine zweite Röhre, um Rad- und Fußgängerverkehr zu entflechten und damit die heutzutage vorgeschriebenen Sicherheitsstandards einhalten zu können.“

SPD: „Keine Absperrgitter“

Deutliche Worte findet SPD-Ratsherr Carsten Hauschild: „Der Tunnel ist aus der Zeit gefallen, glücklich ist über das Bauwerk niemand“, so der Vorsitzende des Ausschusses für Straßen und Stadtgrün. Barrieren sind für Hausschild allerdings nicht die Lösung. „Kinderwagen, Rollstühle, Rollatoren kommen an den gängigen Absperrgittern nicht oder nur schwer vorbei“, fürchtet der Verkehrsexperte. „Es bilden sich Rückstaus und die bergen Gefahren für nachfolgende Verkehrsteilnehmer. Wir setzen daher weiter auf optische Hindernisse und farbliche Markierungen, die die Raser ausbremsen“, so Hauschild.

Er gibt aber zu: „Es gibt auch in unserer Fraktion abweichende Meinungen.“ Es müsse eine neue Lösung her, sagte Hauschild. Von einer Aufweitung bis hin zu zwei getrennten Röhren für Radfahrer und Fußgänger sei alles möglich. „Die Bahn ist mit dem Ausbau der AlphaE-Strecke in der Pflicht. Wir hoffen auf entsprechende Vorschläge.“

Grüne: „Möglichkeiten sind begrenzt“

Schmale Rad- und Fußwege in der Innenstadt, ein Dauerthema, das bei den Grünen ständig auf der Agenda steht. „Es gibt Nachholbedarf, nicht nur, aber auch im Holzmarkttunnel“, sagt Rasmus Grobe, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen. Die derzeitigen Möglichkeiten sieht er allerdings begrenzt. „Gitter am Ein- und Ausgang bergen zusätzliche Gefahren im Begegnungsverkehr, da bin ich skeptisch.“

Die Grünen wollen eher auf optische Lösungen setzten, mehr Warnschilder und, wenn notwendig, Kontrolle durch die Polizei. „Die Geschwindigkei muss eingehalten werden, alles andere ist gefährlich“, so Grobe. Eher kontraproduktiv sei das Messgerät. „Das spornt die jüngeren Leute nur an, Tempo zu machen. Sinnvoller wären Symbole, die eine positive oder bei Missachtung negative Rückmeldung geben“, sagt der Fraktionsvorsitzender. Seine Hoffnung: „Baut die Bahn die Gleise im Zuge von AlphaE oberirdisch aus, dann muss eine generell neue Lösung für den Tunnel her.“

CDU: „Radfahrer zum Absteigen zwingen“

Solange will die CDU-Fraktion nicht warten. Fraktionsvorsitzender Jens Richter: „Der Tunnel ist nach wie vor ein Unfallschwerpunkt mit zum Teil sehr schwer verletzten Radfahrern. Meine Fraktion bleibt bei ihrer Auffassung, dass dort bauliche Veränderungen vorgenommen werden müssen, die die Radfahrer dazu zwingen, abzusteigen.“ Das sei zwar für viele eine starke Einschränkung, aber die Sicherheit gehe vor. Richter fährt fort: „Gerade an der engsten Stelle im Tunnel endet der Treppenabgang vom Bahnsteig. Wenn Züge ankommen und es hier zu einer erhöhten Anzahl von Fußgängern kommt, die in den Tunnel eintreten, wird es brenzlig im Begegnungsverkehr mit den Fahrrädern. Aber auch allein durch das Gefälle bei der Einfahrt in den Tunnel ist die Geschwindigkeit der Fahrradfahrer oft so hoch, dass ein rechtzeitiges Ausweichen oder Bremsen nicht mehr möglich ist. Daher sind bauliche Maßnahmen wohl unumgänglich. Der Bürgermeister lehnt dies bisher leider ab.“

Freie Wähler: „Vor der Einfahrt klingeln“

Eine besondere Methode hat Kai Rosebrock, Ratsherr der Freien Wähler, entwickelt, um sicher durch das für ihn bedenkliche Bauwerk zu radeln. „Ich kündige mich mit meiner Fahrradklingel an.“ Eine einfache bauliche Lösung habe er leider nicht parat. Eine Wand, ein Zaun, der Fußgänger von Fahrradfahrer trenne, würde für eine zusätzliche Verengung und damit ein erhöhtes Unfallrisiko sorgen, sagt er. Ausweichmanöver wären kaum noch möglich. Eine Sperrung für Fahrradfahrer komme nicht infrage. „Raser lassen sich davon nicht aufhalten“, so Rosebrock. Ein Neubau sei die einzige Lösung, daher sollte auf aufwendige Sanierungsmaßnahmen verzichtet und eher auf Warnhinweise und Kontrollen gesetzt werden.

Die Linke: „Durchfahrt unangenehm“

Keine guten Erfahrungen verbindet Sonja Toaspern von der Partei Die Linke mit dem Bauwerk. „Mir persönlich ist es immer unangenehm, den Tunnel mit dem Rad oder zu Fuß zu nutzen. Viel zu schmal, müsste er deutlich breiter und damit besser einsehbar werden. Es würde zusätzlich helfen, wenn die Spuren nicht nur durch Farbe, sondern auch durch zum Beispiel eine Steinkante begrenzt wären“, so die Ratsfrau.

Info

In einem nächsten Beitrag soll die Verwaltung zu Wort kommen und mögliche Pläne vorstellen. „Holzmarkt – Licht am Ende des Tunnels?“

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