Hirtenhaus: Schöne Aussichten

Blick von der Südbrücke: die Altstadt mit Fischerviertel und Bollwerk, die Aller und die daran angrenzenden Flächen der Süderstädtischen Realgemeinde. In der Ferne ist das künftige Schulungszentrum der Verdener Imker zu sehen.

Ein Blick von der Südbrücke über die Allerwiesen. Circa 65 Hektar Grünland liegen zwischen Klusdamm und Eisenbahnbrücke. Die Süderstädtische Realgemeinde ist für die Flächen zuständig, ihr gehört das sogenannte Hirtenhaus, in das die Verdener Imker ziehen werden (wir berichteten). Süderstädtische Realgemeinde – noch nie gehört?

VON MARKUS WIENKEN

Verden – Die Arme auf das Geländer der Südbrücke gestützt, den Blick langsam schweifen lassen. Die Sonne scheint, der Himmel blau, nur ein paar Wolken, zur linken Seite die schmucken Giebel der Verdener Altstadt. Mauer an Mauer, Haus an Haus, malerisches Fachwerk, das Jahrhunderte überdauert hat. Dann die Aller, zur Stadt begrenzt durch das meterhohe Bollwerk, zur rechten Seite bieten ihr Feld und Wiesen großzügig freie Bahn, wenn das Wasser steigt. Die grünen Weiden, wo in den Sommermonaten Kühe und Pferde ihr Gras und Spaziergänger ein Idyll finden, gehören der Süderstädtischen Realgemeinde.

Einer, der etwas darüber wissen muss, ist Friedrich Mahnken, jahrelang Geschäftsmann, ehemaliger Vorsitzender des Kaufmännischen Vereins zu Verden und Hauseigentümer in der Fußgängerzone – und eben deshalb gehört ihm gewissermaßen ein kleiner Teil der Allerwiesen. Mahnken lehnt sich in seinen bequemen Sessel und erzählt in seiner freundlichen Art. Der eingangs nicht ganz so ernst gemeinten Frage, ob es sich bei der Süderstädtischen Realgemeinde vielleicht um eine geheime Loge handle, begegnet er mit einem Lachen und winkt ab.

Doch dann legt er los und erzählt, was es mit dem Zusammenschluss auf sich hat. „50 Jahre sind es her, als ich nach Verden kam und das Modegeschäft Schultz in der Großen Straße übernommen habe“, so Mahnken. Was der junge Mann damals nicht wusste: Sein Vorgänger Arnold Schultz hielt, neben dem Geschäft, auch Anteile an der Süderstädtischen Realgemeinde, der Fläche zwischen Süd- und Eisenbahnbrücke, circa 65 Hektar groß. „Eigentlich war es ja auch keine große Sache“, wiegelt Mahnken ab. Er freute sich dennoch auf die neue berufliche Herausforderung.

Doch einen kleinen Haken hatte die Verbindung von Schultz und Realgemeinde für Mahnken doch. „Ich habe nicht nur das Modegeschäft übernommen, sondern dazu auch gleich den Posten des Geschäftsführers der Realgemeinde. Das wurde so ein bisschen vorausgesetzt, und ich habe mich dann auch nicht dagegen gewehrt.“ Mahnken muss, als er davon erzählt, ein wenig schmunzeln. „Ich kenne mich als Geschäftsmann mit Zahlen aus, da war das überhaupt kein Problem. Ich habe das Amt gerne angenommen.“

Wen der junge Mahnken als Geschäftsführer in den kommenden Jahrzehnten vertrat, das waren vor allem Geschäftsleute und Besitzer von Häusern im Stadtgebiet Verden. Der Kreis ist auf eine gewisse Art geschlossen und einer Tradition verbunden: „Die Anteile sind an den Besitz bestimmter Häuser geknüpft“, erklärt Mahnken. Einfach eintreten in die Gemeinde geht also nicht. Und: Lässt sich denn mit dem Besitz überhaupt Geld verdienen? Mahnken lächelt und winkt erneut ab. „Das Gebiet ist zwar relativ groß, aber erwirtschaften lässt sich mit den Weiden und Wiesen bis heute kaum etwas. Das ist nicht wirklich lukrativ.“

Viel spannender hingegen war das, was sich in den 1960er-Jahren und nachfolgend zu Beginn einer jeden Weidensaison am Klusdamm abspielte: „Die Pächter der Weiden rückten alljährlich im Frühjahr mit ihrem Vieh an“, erinnert sich Mahnken. Man kann es sich gut vorstellen und es muss ein besonderes Schauspiel gewesen sein, wenn der Magistrat der Stadt Verden, Amtstierarzt und Vertreter der Realgemeinde auf dem Klusdamm, in Höhe des Pfadfinderheims, den Auftrieb empfingen. „Der Amtstierarzt war nicht ohne Grund dabei. Er hat kontrolliert, ob die Tiere auch alle gesund sind“, berichtet Mahnken.

Den ganzen Sommer über weideten die Tiere unter den wachsamen Augen eines Hirten auf dem Areal. Wer sein Vieh auf den Wiesen grasen ließ, wusste der Geschäftsführer genau. Er kannte die meisten mit Namen, schließlich kauften viele beim ihm in der Großen Straße ein. Mahnken spricht Platt, er verstand sich gut mit den Bauern.

Zurück auf der Südbrücke, in die Gegenwart. Dieses Mal türmen sich Wolken auf, der Wind pfeift, zum Glück ist es trocken. Selbst das raue Wetter hat in der Umgebung seinen Charme. Hinten, in der Ferne liegt das Gebäude, das die Verdener Imker sanieren und in das sie im August einziehen werden. Auch zu dem Haus gibt es nicht nur eine Geschichte. Fest steht aber, dass dort nicht der Hirte wohnte, obwohl immer vom Hirtenhaus die Rede ist. „Der lebte vielmehr ein paar hundert Meter entfernt, nahe der Wätern, an der Verbindung Auf der Wiehe. Den Stall gibt es noch“, weiß Mahnken.

Die künftige Heimat der Imker hingegen beherbergte viele Jahre unterschiedliche Familien, darunter auch die von Irmgard Schneider (wir berichteten). „Bis Ende der 1960er-Jahre war das Haus bewohnt, dann war Schluss“, erinnert sich Mahnken. Keine sanitären Anlagen, kein fließendes Wasser, kein Strom, kein Komfort. „Das ist zwar ein schöner Flecken, aber zum Wohnen war das nicht mehr zeitgemäß“, so der ehemalige Geschäftsführer.

Obwohl es Ansätze für Verbesserungen gab. Die Realgemeinde hat noch versucht, Grundstück und Gebäude mit Versorgungsleitungen zu erschließen, dann aber aus Kostengründen davon Abstand genommen. „Unter oder über der Aller ging nicht und der Weg bis zur Brücke und dann bis in die Stadt war finanziell unattraktiv“, so die Berechnungen der Verantwortlichen.

Mahnken selbst sah in den Jahren danach noch regelmäßig nach dem Rechten. Auch nach der Schließung seines Geschäftes und seinem Rückzug in den Ruhestand kümmerte er sich weiterhin um die Buchführung der Realgemeinde Süderstadt. Vor eineinhalb Jahren, nach 50 Jahren im Amt, gab er den Posten dann an Friederike Fischer ab. Die Verdenerin, Nichte von Carl-Christian Hesse, führt nun die Bücher der circa 30-köpfigen Gemeinschaft. „Ich bin da auch eher so reingerutscht, mache es aber gern, und wenn Fragen auftauchen, dann wende ich mich an meinen Vorgänger“, erzählt Friederike Fischer. Den Vorsitz der Realgemeinde hält Carl Hesse jun., ihr Cousin aus Hönisch.

Das Haus in den Allerwiesen blieb allerdings ungenutzt – bis die Imker an die Realgemeinde herantraten. „Wir sind natürlich sehr froh, dass da nun wieder Leben einkehrt“, freut sich Mahnken. Und auch seine Nachfolgerin kann ihm nur zustimmen. „Was Besseres konnte uns nicht passieren“, so Geschäftsführerin Fischer.

Auch die Realgemeinschaft weiß sie hinter sich: „Die Pacht für das Haus fließt in die Renovierung“, so ein Beschluss. Ob das Geld gut angelegt ist? Davon können sich die Mitglieder bei der Eröffnung überzeugen. „Eingeladen sind wir“, freut sich Mahnken auf das Wiedersehen mit der Vergangenheit.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Prächtige Hortensien? Mit diesen Tricks klappt es bestimmt

Prächtige Hortensien? Mit diesen Tricks klappt es bestimmt

Spanien: Wo Formentera sogar Mallorca schlägt - und wo nicht

Spanien: Wo Formentera sogar Mallorca schlägt - und wo nicht

Brütende Hitze in Deutschland - Zum Wochenstart Abkühlung

Brütende Hitze in Deutschland - Zum Wochenstart Abkühlung

Brandschutzprüfung: Polizei bricht in „Rigaer 94“ Türen auf

Brandschutzprüfung: Polizei bricht in „Rigaer 94“ Türen auf

Meistgelesene Artikel

Bundesregierung vereinbart 190 Millionen für Lärmschutz und Co

Bundesregierung vereinbart 190 Millionen für Lärmschutz und Co

Bundesregierung vereinbart 190 Millionen für Lärmschutz und Co
Selbstversuch: „Eine Woche ohne Plastik“

Selbstversuch: „Eine Woche ohne Plastik“

Selbstversuch: „Eine Woche ohne Plastik“
Tauziehen um alte Halle startet neu

Tauziehen um alte Halle startet neu

Tauziehen um alte Halle startet neu

Kommentare