Schmerzensgeld für 36-Jährige

Sturzfalle Verdener Bahnhofsvorplatz bleibt umstritten: Hinterhältige Bebauung

Bahnhofsvorplatz mit Staudenbeet im Vordergrund
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Treppengeländer wurden eingezogen, Staudenbeete betonen Gefahrenstellen. Dem Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter reicht das noch nicht. „Wir bleiben am Ball“, heißt es.

Das Oberlandesgericht Celle lässt kein gutes Haar am Verdener Bahnhofsvorplatz. Es erkennt einer damals 36-Jährigen, die gestürzt war, Schmerzensgeld zu. Die Stadt Verden hat inzwischen Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Aber der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter sieht sich noch nicht am Ziel.

  • In letzter Instanz das Schmerzensgeld verdoppelt.
  • Nachträglich Treppengeländer und Staudenbeete eingebaut.
  • Körperbehinderten-Verband verlangt weitere Maßnahmen.

Verden – Die Stufen am Verdener Bahnhof und kein Ende. Während längst Sträucher in Beeten auf dem Vorplatz eingezogen sind, ist über die ursprüngliche Gefahrenlage noch kein Gras gewachsen. Wie jetzt bekannt wurde, hat das Oberlandesgericht Celle einer Geschädigten, die auf dem Platz gestürzt war, ein Schmerzensgeld in Höhe von 2 000 Euro zuerkannt.

Die Zeitschrift Leben & Weg des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter hat das Thema aktuell aufgegriffen. Ursprünglich war die Stadt Verden vor dem Landgericht noch zur Zahlung von 1 000 Euro aufgefordert worden, dagegen legte sie Berufung ein. Die Celler Richter gingen nicht gerade zimperlich mit den anfänglich umgesetzten Gestaltungsplänen um: Mit einer solchen hinterhältigen Bebauung müsse man im normalen öffentlichen Raum nicht rechnen, heißt es unter der Überschrift Tatbestand.

Bahnhof Verden: 36-Jährige stürzt und verletzt sich

Ereignet hatte sich der Sturz vor drei Jahren. An jenem Januarabend war eine damals 36-Jährige mit der Bahn aus Langwedel nach Verden gekommen. Für das letzte Stück nach Hause wollte die Verkäuferin sich ein Taxi nehmen, stürzte aber auf dem Weg dorthin. „Jugendliche haben mir noch hochgeholfen, weil ich alleine nicht aufstehen konnte“, berichtete sie vor Gericht. Per Taxi sei es dann ins Krankenhaus gegangen. „Abrissfraktur am linken Unterarm“ hieß es in einem Abschlussbericht. Sie sei monatelang krankgeschrieben gewesen.

Anwalt der Stadt Verden: Bahnhofsvorplatz „hinreichend beleuchtet“

Der Anwalt der Stadt Verden stellte sich auf den Standpunkt, der Bahnhofsvorplatz sei hinreichend beleuchtet und die abgetreppte Gestaltung für jeden Passanten erkennbar gewesen. Die Frau sei ortskundig und es sei anzunehmen, dass sie den fraglichen Bereich auf dem Weg zur Arbeit zweimal täglich passiere. Per farblicher Gestaltung sei deutlich auf Unebenheiten hingewiesen. Die Beleuchtung sei oberhalb der geforderten DIN-Norm ausgelegt. Argumente, die dazu beitrugen, dass zwar ein Schmerzensgeld gewährt wurde, im übrigen die Hälfte dessen, was die Frau ursprünglich gefordert hatte, der Rest der Klage aber abgewiesen wurde.

Bahnhof Verden: Sturz des Mannes kein Einzelfall

Der Sturz der 36-Jährigen blieb kein Einzelfall. Neun Monate später die nächste Schlagzeile. Ein Ehepaar aus Hannover war per Zug angereist. Man wolle auf dem Aller-Radweg die Gegend erkunden. Das Vorhaben endete auf dem Verdener Bahnhofsvorplatz. Vom Eingang aus betrachtet, sehe der Platz durchaus schön und anmutig aus, so die Hannoveraner. Lediglich die als Muster gekennzeichneten Treppenstufen würden aus diesem Sichtfenster schlicht nicht wahrgenommen. Als sie in Richtung Windmühlenstraße weiterziehen wollten, passierte es. Die Frau stürzte, zum Glück war nichts gebrochen. Ihr Mann wurde deutlich. „Keinen Tag länger kann die Situation so belassen werden“, sagte er, und: „Da stellen sich mir die Nackhaare hoch.“ Er fordere umgehend provisorische Warnstreifen, die von oben, also aus Richtung Bahnhofsgebäude auch zu erkennen seien. Vor allem Senioren und Nicht-Ortskundige nähmen das Ganze nicht als Gefahr wahr.

Treppenanlage am Bahnhof Verden mit Staudenbeeten umgebaut

Inzwischen hat die Stadt Verden reagiert: Die Treppenanlage wurde mit vier Staudenbeeten umgebaut, deutlich erkennbare Treppengeländer sorgen für mehr Sicherheit. „Das ist im Verwaltungsausschuss so vereinbart worden“, heißt es aus dem Rathaus. Auch die Landesnahverkehrsgesellschaft, aus deren Töpfen großenteils der Bahnhofsumbau bezahlt wurde, spielte mit.

Dem Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter reicht das Maßnahmenpaket nicht aus. Der Bahnhofsvorplatz in seiner jetzigen Gestaltung genüge laut Leben & Weg in keiner Weise den einschlägigen DIN-Normen zur barrierefreien Gestaltung von öffentlichen Plätzen. Er weise zusätzlich Mängel unter dem reinen Sicherheitsaspekt für die Nutzung durch Jedermann auf. Im Ergebnis handele es sich hierbei geradezu um einen perfekten Fall für eine Verbandsklage, da Mängel kaum deutlicher dokumentiert werden können.

BSK will sich weiterhin für Fall des nicht barrierefreien Bahnhofsvorplatzes Verden einsetzen

„Der BSK wird sich weiterhin für den Fall des nicht barrierefreien Bahnhofsvorplatzes in Verden einsetzen, denn es kann nicht sein, dass zum einen Menschen mit Beeinträchtigung benachteiligt werden und zum anderen Gesetze existieren, die derart unverbindlich formuliert sind, dass gerade das wichtige Thema Barrierefreiheit vernachlässigt wird“, so Julia Walter, Referentin für Barrierefreiheit beim BSK.

Der Fall in Verden zeige erneut, dass Barrieren die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung ausgrenzen, diese im täglichen Leben eingeschränkt werden und die Gefahr von Unfällen für alle erhöht sei.

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