„Careleaving“: SOS-Kinderdorf Bremen veranstaltet Fachtag zum Thema in Verden

Hilfe für junge Volljährige ist oft nur Glücksache

Dirk Nüsken forderte eine bessere Begleitung des Übergangs in die Selbstständigkeit für die Careleaver. - Foto: Mild/SOS-Kinderdorf

Verden - Erwachsenwerden ist eine große Herausforderung. Und das noch mehr, wenn man statt in der eigenen Familie in einer Einrichtung der Jugendhilfe groß geworden ist. Das wurde auf dem Fachtag des SOS-Kinderdorfs Bremen, „Careleaving – das Leben nach der Jugendhilfe“, in Verden deutlich. Denn der Start ins selbstständige Leben erfolgt für die sogenannten „Careleaver“ nicht nur früher als gewöhnlich, sondern oft ohne den Rückhalt durch eine Familie. Die Teilnehmer plädierten deshalb für eine bessere Begleitung des Übergangs in die Selbstständigkeit.

„Erwachsenwerden hat mit dem 18. Geburtstag in der Regel wenig zu tun“, konstatierte Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Dirk Nüsken. Der Careleaver-Experte warf die Frage auf, warum von den Betroffenen bereits oft mit 18 absolute Selbstständigkeit erwartet werde, während die anderen durchschnittlich erst im Alter von 24 Jahren das Elternhaus verlassen.

Und auch wenn der Anspruch auf „Hilfen für junge Volljährige“ seit den 90er-Jahren im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert sei, würden sie noch zu selten beantragt und gewährt. „Oft ist der tatsächliche Hilfebedarf der jungen Menschen weniger ausschlaggebend dafür, ob ein Careleaver weiter begleitet und betreut wird, als die Jugendhilfepraxis vor Ort“, beklagte Nüsken. Er machte die regionalen Unterschiede am Beispiel der Städte Herdecke und Gummersbach deutlich: Während es in der einen Gemeinde de facto keine Hilfen zur Erziehung für 18- bis 21-Jährige gebe, würden in der anderen fast genauso viele junge Volljährige wie Minderjährige begleitet. Nüsken: „Man könnte sagen, es ist Glückssache.“

Von Glück in diesem Sinne konnte auch Careleaverin Daniela aus der SOS-Jugendwohngemeinschaft in Verden berichten. Für sie kam der Schritt in die eigene Wohnung kurz vor dem 19. Geburtstag. Als sie mit der neugewonnenen Selbstständigkeit überfordert war, bekam Daniela die Möglichkeit, zurück in eine betreute Wohngemeinschaft zu ziehen.

„Vor meinem Auszug war immer jemand da, alles war organisiert und geregelt“, erinnerte sich Daniela, „in der eigenen Wohnung musste ich mich dann plötzlich neben meiner Ausbildung um meine Finanzen, die Wohnung, den Haushalt und alles andere kümmern.“ Dazu kam die Einsamkeit, die für die junge Frau nach dem Leben in einer großen Gemeinschaft völlig ungewohnt war. „Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit bekommen habe, noch einmal zurück in die Jugendhilfe zu gehen und erst einmal meine Ausbildung abzuschließen, bevor ich wieder einen neuen Versuch in der Selbstständigkeit gewagt habe“, so Daniela heute.

Die Jugendhilfe für junge Menschen bis zum berufsqualifizierenden Abschluss zu verlängern, ist deshalb auch eine der Forderungen von Nüsken. Andere Länder machen es vor: In Großbritannien läuft die Jugendhilfe in der Regel bis zum Alter von 21 Jahren, bei noch laufender Ausbildung bis zum Alter von 24 Jahren, in Norwegen ist Jugendhilfe bis zum Alter von 23 Jahren vorgesehen. Aus Sicht von Nüsken wäre die konsequentere Verlängerung der Jugendhilfe in Deutschland auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive sinnvoll, um Ausbildungsabbrüchen, Arbeits- und Wohnungslosigkeit vorzubeugen. Daneben fordert er flexiblere Übergänge, die Rückkehroptionen – wie bei Daniela – offen lassen. Denn schließlich hätten andere junge Erwachsene bei persönlichen Krisen oder Umbrüchen auch immer die Möglichkeit, ins Elternhaus zurückzukehren.

In Verden herrschen dafür bereits gute Voraussetzungen: „In dem Haus, in dem auch unsere SOS-Jugendwohngemeinschaft untergebracht ist, haben wir zwei Wohnungen, in denen die jungen Menschen selbstständig wohnen können, aber gleichzeitig den Rückhalt und die Betreuung durch uns bekommen, wenn sie sie brauchen“, berichtete Pädagoge Martin Busch. „Darüber hinaus haben wir in der Regel die Möglichkeit, die jungen Menschen dann auch im eigenen Wohnraum nachzubetreuen, so dass der Übergang wirklich behutsam erfolgt und auch die Bezugspersonen konstant bleiben.“

Dass ein Großteil der Betreuerinnen und Betreuer der Jugendwohngemeinschaft selbst aus Verden kommt, mache es zudem leichter, die jungen Menschen in der Kreisstadt zu verankern, ihnen Anlaufstellen zu zeigen und Netzwerke zu öffnen. Auch das seien wichtige Faktoren, die zum Gelingen der Selbstständigkeit beitragen.

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