Heute vor 125 Jahren verstarb am 14. April 1890 der in Verden aufgewachsene Dr. Marcus Lehmann / Rabbiner und Zeitungsherausgeber

Ein bedeutender Vertreter des Judentums in Deutschland

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Dr. Marcus Lehmann.

Verden - Von Jürgen Weidemann. Heute vor 125 Jahren verstarb am 14. April 1890 der in Verden aufgewachsene Dr. Marcus Lehmann, der im 19. Jahrhundert als Rabbiner, Zeitungsherausgeber und Schriftsteller ein bedeutender Vertreter des Judentums in Deutschland war.

Marcus Lehmann wurde am Tag der Silberhochzeit seiner Eltern am 10. Januar 1831 als jüngstes von acht Kindern des Ehepaares Lehmann in Verden geboren. Die Mutter, Röschen Lehmann, stammte aus Bruchhausen-Vilsen, der Vater Asher Lehmann war in Oberfranken aufgewachsen und lebte als Händler seit Ende des 19. Jahrhunderts in Verden. Er war einer der ersten Juden, der sich dauerhaft in Verden niederlassen durfte und handelte hier mit Fellen, Lederwaren, Uhren und Getreide. Als junger Mann war Asher Lehmann nach Prag gewandert, studierte dort bei bekannten Rabbinern jüdische Religion und finanzierte seinen Lebensunterhalt mit den Einkünften aus Handels- und Hausierergeschäften, außerdem war er als Schächter und Hauslehrer tätig.

Asher und Röschen Lehmann gaben ihrem jüngsten Sohn den Namen Meir („der Leuchtende“), den Vornamen Marcus (auch Markus) nahm der Rabbiner Lehmann aufgrund behördlicher Vorgaben erst Jahre später an. Marcus Lehmann war der erste Verdener Jude, der am Domgymnasium sein Abitur machte. Er war offensichtlich ein sehr guter Schüler, weil er am Ende der 11. Klasse für zwei Jahre vom Schulbesuch beurlaubt wurde. In diesen zwei Jahren studierte er in Halberstadt bei Dr. Esriel Hildesheimer, der ein bekannter Rabbiner in Deutschland war.

Lehmann entdeckte dort auch seine Liebe zum Theater und verfasste zahlreiche kleine Theaterstücke. Nach seiner Rückkehr nach Verden legte er erfolgreich seine Abiturprüfung ab, obwohl er am Unterricht der 12. und 13. Klasse am Domgymnasium gar nicht teilgenommen hatte. Anschließend studierte Marcus Lehmann zunächst bei Dr. Hildesheimer in Eisenstadt sowie in Prag jüdische Religionswissenschaften, belegte aber auch andere Veranstaltungen, so in Philosophie und Geschichte. In Prag wurde er zum Rabbiner ordiniert. Lehmann setzte seine Studien in Berlin und Halle fort und promovierte dort mit einer Arbeit über den Philosophen Locke. Auch in Prag und Berlin beschäftigte sich Lehmann mit dem Theater und stand nach Aussagen seines jüngsten Sohnes eine Zeitlang vor der Frage „Rabbiner oder Dichter?“ Lehmann entschied sich dann für den Beruf des Rabbiners.

In Berlin lernte Lehmann seine spätere Frau Therese Bondi aus einer alteingesessenen Mainzer jüdischen Familie kennen. Das Paar heiratete 1856 und hatte drei Kinder.

1854 wurde Dr. Lehmann als Rabbiner nach Mainz berufen. Hier, wie auch in anderen Teilen Deutschlands, gab es seit Jahren gravierende Auseinandersetzungen innerhalb der jüdischen Einheitsgemeinden über religiöse Fragen und die Ausgestaltung des Gottesdienstes. In dieser Zeit begannen sich die Mitglieder der einzelnen jüdischen Gemeinden auseinander zu entwickeln, konnten aber aufgrund der Gesetzgebung nicht einfach ihre eigene Gemeinde bilden. Erst 1876, nach einer entsprechenden Gesetzesänderung, an deren publizistischer Vorbereitung auch Lehmann mitgewirkt hatte, konnte die Trennung formal durchgeführt werden.

Auf der einen Seite gab es die reformorientierten-liberalen Juden, die sich in vielen Fragen des religiösen Lebens an ihre nichtjüdische christliche Umwelt anpassten. So wurde die Konfirmation eingeführt, in der Synagoge wurde die Orgel gespielt, die Predigt erfolgte in Deutsch und sogar der Sabbat sollte vom Samstag auf den Sonntag verlegt werden. Die neo-orthodoxen Gruppen lehnten diese Änderungen ab und vertraten weiterhin die Werte und Normen des traditionellen Judentums. Zum Selbstverständnis der Vertreter der Neo-Orthodoxie gehörte aber auch das Engagement für die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft und die Bedeutung der umfassenden weltlichen Ausbildung von Rabbinern an deutschen Universitäten.

Lehmann war einer der ersten Vertreter dieses neuen wissenschaftlich vielfältig ausgebildeten Rabbinertyps und wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einem der bedeutendsten Vertreter der Neo-Orthodoxen in Deutschland. Gleich nach seiner Berufung nach Mainz gründete er dort eine kleine Religionsschule, die ab 1869 auch allgemeinbildende Schule wurde und je zur Hälfte von jüdischen Kindern und nichtjüdischen Kindern (vorwiegend Katholiken) besucht wurde und bis 1933 existierte.

Lehmann war nicht nur als Rabbiner tätig. 1860 gründete er die Wochenzeitschrift „Der Israelit – Ein Centralorgan für das orthodoxe Judenthum“. „Der Israelit“ gehörte zu den wichtigsten und größten Presseorganen in der vielfältigen jüdischen Presselandschaft in Deutschland. Er existierte 78 Jahre bis wenige Tage vor der „Reichskristallnacht“ im November 1938. Zeitweise erschien diese Zeitung auch in hebräischer und jiddischer Sprache. Lehmann setzte sich in seiner Zeitung mit der Gestaltung des Gottesdienstes und den Ideen der reformorientierten Juden auseinander, kritisierte den aufkommenden rassischen Antisemitismus und veröffentlichte hier neben religionswissenschaftlichen Abhandlungen auch zahlreiche Romane und Erzählungen aus der jüdischen Geschichte. Sie erfreuten sich großer Beliebtheit und erschienen später in Buchform, wurden in zahlreiche Sprachen (Englisch, Französisch, Ungarisch, Hebräisch) übersetzt und noch in den letzten Jahrzehnten nachgedruckt. Lehmanns religionswissenschaftlichen Abhandlungen wurden ebenfalls häufig erst nach seinem Tod publiziert, auch von ihnen gab es immer wieder Nachdrucke.

Dr. Lehmann erhielt zahlreiche Rabbinerberufungen in andere, sehr viel größere neo-orthodoxe jüdische Gemeinden (nach Berlin, St. Petersburg), die er ablehnte. Seine kleine jüdische Gemeinde in Mainz ermöglichte es ihm, Zeit und Kraft auch auf seine anderen Tätigkeiten als Zeitungsherausgeber und Schriftsteller zu konzentrieren. Marcus Lehmann verstarb im Alter von 59 Jahren am 14. April 1890 in Mainz, heute vor 125 Jahren.

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