Von der Bäckerei zum Industriebetrieb in Verden

Verdener Keksfabrikant Hans Freitag: Heute wäre er 100 geworden

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Hans Freitag sen. (l.) in der Bäckerei an der Grünen Straße 1946 mit Tochter Renate (r.).

Hans Freitag war Unternehmer aus Leidenschaft. Der Keksfabrikant aus Verden lebte für seine Familie, sein Unternehmen und den Pferdesport. Am Nikolaustag wäre er 100 Jahre alt geworden.

  • Keksfabrikant Hans Freitag sen. wollte in Verden Bäckerei eröffnet
  • Am Ende ist es eine Keksfabrik geworden
  • Mit nur 40 Jahren starb Hans Freitag an einem Herzinfarkt

Verden – Am Nikolaustag wäre er 100 geworden. Tochter Renate Pade erinnert sich an den ersten Verdener Unternehmer, der in der heutigen Siemensstraße 11, damals Friederikenweg 11, seinen Industriebetrieb aufgebaut hatte. Das Schicksal meinte es nicht gut mit Hans Freitag sen. Er starb am 13. Juni 1960 in Turin nach dem dritten Herzinfarkt im Alter von nur 40 Jahren.

Es war ein Leben, das maßgeblich von seiner Familie, seinem Unternehmen und seiner Liebe für die Pferde geprägt war. Anlass für unsere Zeitung, an einen Mann zu erinnern, der ein Unternehmer im wahrsten Sinne des Wortes war.

Ehepaar Freitag aus Verden: Beim Tanz in den Mai kennengelernt

Renate Pade: „Meine Eltern lernten sich im Hotel Grüner Jäger in Verden beim Tanz in den Mai am 1. Mai 1937 kennen, Vater war 17, Mutter 15. Mein Vater hatte gerade seine Lehre bei Bäckermeister Götte, Nikolaiwall, heute Baalk, begonnen. Gleich nach Ende der Lehre wurde er Ende 1939 mit 20 Jahren in den verhassten Krieg eingezogen.“ 

Hans Freitag damals: „Ich musste dienen und an die Front. Ich wollte unbedingt meine eigene Familie gründen, bevor es vielleicht zu spät war.“ So heirateten sie im Januar 1942 und bekamen Tochter Renate (1943), sowie die beiden Söhne Hans jun. (1946) und Joachim (1952). 

Zeitweise musste er mit Verwundungen ins Lazarett. Aus diesem ließ er sich grundsätzlich auf schnellstem Weg „verwendungsfähig Heimat“ entlassen, um in Lüneburg oder Bad Nenndorf in Bäckereien zu arbeiten und um seine geliebte Frau zu treffen. Seine wichtigste Botschaft lautete: „Was immer du tust, tue es mit ganzem Herzen.“

Hans Freitag sucht Bäckerei und landet in Verden

Sofort nach Ende des Krieges suchte Hans Freitag seine berufliche Selbstständigkeit und pachtete eine Bäckerei in Hemslingen bei Rotenburg. Der Inhaber galt als vermisst, kehrte jedoch bald zurück. So übernahm Freitag die Bäckerei Albers/Hollmann, Grüne Straße 24 in Verden – nicht zuletzt Verden, weil seine Frau hier aufgewachsen war.

In dem nach dem Krieg von den Engländern besetzten Niedersachsen gab es nur Roggenmehl, in Hamburg unter den Amerikanern nur Weizenmehl. Freitag hatte die Idee, mit einem Bäckermeister aus Hamburg das Mehl zu tauschen. Zu diesem Zweck fuhr er mit einem Lieferwagen über die damalige Zonengrenze, begleitet von einem befreundeten Polizisten. Durch dessen Anwesenheit wurden die Lieferungen nicht kontrolliert. Von da an gab es in Verden Brötchen aus Weizenmehl, was dazu führte, dass die Warteschlangen vor der Bäckerei an der Grünen Straße bis auf den Domplatz reichten.

Hans Freitag verkauft erstes Speiseeis in Verden

Im Herbst 1946 begann die Firmengeschichte des Unternehmers Hans Freitag sen. Tag und Nacht wurde gebacken. Einige Mitarbeiter schliefen auf beengtem Raum im Haus. Wohnraum war knapp und Flüchtlinge aus dem Osten suchten eine Bleibe auch hier in Verden

Das erste selbst hergestellte Speiseeis wurde im Ausstellungsraum des Ofensetzers Scholz, drei Häuser weiter, verkauft. Auch während der ersten Pferderennen, die schon bald wieder stattfanden, wurde das Eis angeboten. Es ist nicht überliefert, wo Freitag die Eismaschine „organisiert“ hatte, dank der er der erste Speiseeisverkäufer Verdens wurde – die Portion zu einem Groschen. Eiswaffeln oder Plastikbecher gab es noch nicht, so wurde die Kugel Eis auf einem Stück Pergamentpapier verkauft.

Hans Freitag will Bäckerei - am Ende wird es eine Keksfabrik

Renate Pade: „Mein Vater wollte unternehmerisch wachsen und nicht mehr an Sonn- und Feiertagen backen müssen, deshalb plante er den Bau einer Brotfabrik. Die Baugenehmigung wurde durch die Bäckerinnung verhindert. Die niedergelassenen Bäcker kommentierten: Unsere Nachfolger sollen nicht in einer Brotfabrik arbeiten müssen. Vaters Antwort lautete: Dann baue ich eine Keksfabrik. Man hatte nichts mehr einzuwenden.“

Im Herbst 1948 wurde der erste Ofen für das Keksebacken in der neu gebauten Halle am Friederikenweg 11 in Verden in Gang gesetzt und angeheizt. Schon 1953 wurden die ersten Artikel für eine Handelsmarke mit der Edeka-Gruppe entwickelt. Freitag hatte sich gleich am Anfang für den Schwerpunkt Handelsmarken entschieden, so besteht auch heute noch nach über 70 Jahren der weitaus größte Teil des Umsatzes daraus. Ende 1959/1960 kamen Marken für Rewe, Lekkerland, Gedelfi und andere hinzu.

Keks Freitag: 45 Wohnungen für die Mitarbeiter gebaut

1949 baute Freitag das Elternhaus am Andreaswall und ab 1955 45 Wohnungen. Die ersten Wohnungen wurden für Lkw-Fahrer und andere Mitarbeiter gebaut, denn die Wohnungsnot war immer noch groß in Verden, obwohl es keine Kriegszerstörungen gab.

Was immer du tust, tue es mit ganzem Herzen, Unternehmer Hans Freitag sen.

Schon als Jugendlicher hat Hans Freitag die zwei Pferde, die den Brotwagen seines Vaters zogen, so oft wie möglich zur Weide geritten. Oder er hat mit der Kutsche Brot ausgeliefert. Schon bald nach der Niederlassung mit der Bäckerei kaufte er sein erstes Rennpferd. Auch ein lebendes Pony stand 1948 in der Grünen Straße unter dem Weihnachtsbaum.

Familie Freitag reitet für Verdener Schleppjagd-Reitverein

Als Renate Pade elf und ihr Bruder Hans acht Jahre alt waren, kaufte ihr Vater für beide und sich selbst je ein Reitpferd. Sie ritten alle drei im Verdener Schleppjagd-Reitverein in der Abteilung, Jagden und bald kleine, ländliche Turniere. Während Vater und Sohn weiter Jagden oder spazieren ritten, wurde die Tochter Renate von Helga Köhler unterrichtet und neben der Schule als Springreiterin ausgebildet. 

So war die Familie von 1956 an jedes Wochenende unterwegs auf großen nationalen und internationalen Turnieren. Eines der Lieblingspferde ihres Vaters war Bacchus, mit dem Alwin Schockemöhle 1957 das Hamburger Springderby gewonnen hatte. Am Montagmorgen nach dem Derby gab es seinerzeit ein Abschiedsspringen in Kostümen. Aus lauter Freude über den Sieg seines Bacchus hat ihr Vater sich eine Jacke und Mütze des Hotelkochs geliehen, damit am Springen teilgenommen und es mit null Fehlern beendet.

Am Montag nach dem HH-Derby gab es 1957 ein Abschiedsspringen in Kostümen.

Keks Freitag in Verden: Tagesproduktion von Tonnen von Keksen

Obwohl er im März 1960 einen Herzinfarkt erlitten hatte, wollte er im Juni unbedingt mit nach Turin zum großen offiziellen Springturnier. Einen Infarkt konnte man zur damaligen Zeit nicht wirklich behandeln. Es hieß nur: viel Ruhe, wenig bis keine Arbeit oder Aufregung. Renate Pade in der Erinnerung: „Mein Vater fuhr mit uns gegen ärztlichen Rat in das geliebte Turin und erlitt dort seinen nächsten, letzten Infarkt.“

Gestartet mit nur einem Sack Mehl und einem Sack Zucker, die er von seinem Vater 1946 zur Eröffnung der Bäckerei in der Grünen Straße bekommen hatte, überließ er seiner Witwe nach nur 14 Berufsjahren eine Fabrik in Verden mit rund 100 Mitarbeitern und einer Tagesproduktion von Tonnen von Keksen. Zuversicht hat er seinen Kindern im höchsten Maß übermittelt. „So haben wir Hinterbliebenen genug Mut gehabt, für und mit dem Betrieb weiterzumachen“, sagt Renate Pade heute.

Keks Freitag gibt es noch immer. Zuletzt hat Keks Freitag ein Produktionswerk in Schneverdingen gekauft.

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