Gericht: Täter nach U-Haft auf freiem Fuß

Mit Hammer auf Frau eingeschlagen

Verden - Mindestens elf Mal hatte ein 68 Jahre alter Angeklagter aus Drebber (Kreis Diepholz) im August 2015 in Emtinghausen-Bahlum (Kreis Verden) auf seine ehemalige Lebensgefährtin mit einem Schweißerhammer eingeschlagen. Er handelte in Tötungsabsicht, habe dann aber freiwillig und damit strafbefreiend von dem Opfer abgelassen, urteilte gestern die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Verden. Verurteilt wurde der Rentner wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren und neun Monaten Haft.

Ein Schock für das immer noch unter Angstzuständen leidende Opfer dürfte der Umstand sein, dass mit Verkündung des Urteils der Haftbefehl aufgehoben worden ist. Der zur Urteilsverkündung in Hand- und Fußschellen vorgeführte Angeklagte war damit nach sieben Monaten Untersuchungshaft wieder ein freier Mann.

Der Haftgrund der Schwerkriminalität bestehe mit dem Urteil nicht mehr und von einer Fluchtgefahr sei nicht auszugehen, erklärte der Vorsitzende Richter Volker Stronczyk. Auflagen könne er nicht erteilen. Dies sei nur bei einer Bewährungsstrafe möglich, so der Jurist. Er appellierte aber an den Angeklagten, zu der 60 Jahre alten Geschädigten, mit der der Angeklagte über zwei Jahre liiert war, keinen Kontakt aufzunehmen. „Sie müssen akzeptieren, dass sie nichts mit ihnen zu tun haben will“, betonte Stronczyk unter Hinweis auf die vorherigen Ausführungen der Anwältin des Opfers. „Das beruht auf Gegenseitigkeit“, erwiderte der Angeklagte.

Rechtsanwältin Ines Landwehr hatte im Auftrag ihrer Mandantin einen Täter-Opfer-Ausgleich abgelehnt. „Sie möchte kein Geld und keinen Kontakt“, sagte die Anwältin in ihrem Plädoyer. Dann wandte sie sich direkt an den Angeklagten, fast so, als hätte sie die Aufhebung des Haftbefehls geahnt: „Sie spielen in ihrem Leben keine Rolle mehr und nach der Entlassung aus der Haft will sie keine Kontaktaufnahme.“ Rund zwei Stunden später war der 68-Jährige ein freier Mann.

Anders als Oberstaatsanwältin Antje Bertrang, ging die Rechtsanwältin nicht von einer Tat im Affekt aus und sah auch keinen freiwilligen Rücktritt vom Versuch. Der 85 Jahre alte und kranke Vater ihrer Mandantin habe durch sein beherztes Eingreifen weitere Schläge verhindert. Auf dessen Hof war der Angeklagte am 27. August 2015 plötzlich mittags aufgetaucht, hatte die Frau in eine Scheune locken wollen und als sie dies abgelehnt hatte, sich einen Hammer geholt und auf sie eingeschlagen.

Vier Jahre Haft hatte die Oberstaatsanwältin beantragt. Mit Ausnahme der kleinen Differenz beim Strafmaß folgte das Gericht vollständig den Ausführungen Bertrangs. Entsprechend kurz fasste sich der Vorsitzende bei der Urteilsverkündung. Es sei eine spontane Tat gewesen, Gewaltdelikte seien dem Angeklagten wesensfremd, so Stronczyk. Nur knapp 14 Tage vor der Tat hatte die Frau die Beziehung, die von Misstrauen und Eifersucht geprägt gewesen sei, beendet.

Das Gericht ließ eine verminderte Schuldfähigkeit wegen einer erheblich verminderten Steuerungsfähigkeit gelten. Verteidiger Franz-Josef Averbeck hatte eine zweijährige Bewährungsstrafe beantragt. Diese kam für das Gericht schon wegen der schweren Verletzungen und psychischen Folgen des Opfers nicht in Betracht.

Erst, wenn das Urteil rechtskräftig ist, wird der Mann zum Haftantritt geladen. - wb

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