Frauenhausleiterin Ulla Schobert berichtet vor Versicherungsvertretern

Häusliche Gewalt wird digitaler

Ulla Schobert und zehn Männer stehend, im Freien.
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Mit beeindruckenden Fakten war Ulla Schobert in die Runde der Versicherungsvertreter gekommen.

Verden/Intschede – Einen tiefen Einblick in die Arbeit des Verdener Frauenhauses gewährte Ulla Schobert den Agenturvertretern der VGH aus dem Landkreis Verden. Mit beeindruckenden Fakten gab die Leiterin der Einrichtung einen Überblick über die aktuelle Entwicklung und das Bild, das die häusliche Gewalt heute prägt.

Dass dies Treffen in einem Intscheder Bauernhof-Café fast genau auf den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen fällt, war nicht wirklich beabsichtigt gewesen. „Es war ein Vorschlag aus der Familie“, erklärte Carsten Markwort als Sprecher der zehnköpfigen Runde den Grund, den Kontakt mit der Leiterin des Schutzhauses aufzunehmen, das diese Aufgabe für das gesamte Kreisgebiet seit vielen Jahren erfüllt. „Wir treffen uns regelmäßig und hatten diesmal die Idee, Geld aus einem Werbetopf für einen guten Zweck zu verwenden“, berichtete Markwort. So richtig habe das Ergebnis der Werbung in den vergangenen Jahren nicht überzeugt, und so seien sie übereingekommen, „etwas Sinnvolles zu tun.

1000-Euro-Spende für das Frauenhaus

Der Gast der Runde, Ulla Schobert, nahm den Scheck über 1500 Euro gerne entgegen. „Wir haben wegen der Corona-Maßnahmen immer noch erhöhte Ausgaben“, erklärte sie. Außerdem verschlinge bereits die Planung des Gewaltschutzzentrums, das das in die Jahre gekommene Frauenhaus ersetzen soll, viel Geld. „Wir könnten noch mehr Unterstützung gebrauchen.“

2020 Anstieg von häuslicher Gewalt um 29 Prozent

Passender hätte die Verabredung mit der Frauenhausleiterin aber nicht nur wegen der Zuwendung kaum sein können. Aktuell legte die Polizeiinspektion Verden/Osterholz Zahlen vor, die einen Anstieg von häuslicher Gewalt im vergangenen Jahr um 29 Prozent belegen. Das sei der höchste Wert im Vergleich der zurückliegenden zehn Jahre. Als Sprecher der Inspektion vermutet Ingo Jans einen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie: „Die räumliche Nähe auf ungewohnt lange Zeit scheint aber nach unserer Einschätzung zu einer Gereiztheit innerhalb der Familien zu führen, wodurch mehr Gewalttaten entstehen.“

Eine nahezu gleich lautende Erklärung hatte Ulla Schobert bereits im vergangenen Jahr für ihre Beobachtung, dass das Frauenhaus in der Krise stärker belegt ist. Auch gegenüber den Vertretern der VGH Versicherungen berichtete sie von einer hohen Auslastung des Hauses. Wohnungen mussten hinzugemietet werden, um dem erhöhten Bedarf wegen der Corona-Hygiene-Regeln gerecht zu werden.

Gewalt in Beziehungen auf hohem Niveau

Groß war aber auch das Interesse ihrer Gastgeber an der gesellschaftlichen Entwicklung, in der sich die Gewalt in den Beziehungen auf hohem Niveau hält. Und das trotz wachsender Gleichberechtigung und einer größeren wirtschaftlichen Selbstständigkeit von Frauen. „Das Schamgefühl von Frauen ist größer geworden“, hat Ulla Schobert beobachtet. Das gelte gerade, wenn sie auch im Berufsleben Verantwortung tragen. Das Ergebnis sei dann, dass sie noch länger versuchen, die Gewalt zu ertragen, und dass die Übergriffe intensiver werden.

Zunehmende Rolle von psychischer Gewalt

Ganz anders die Täter. Da halte sich die Scham zunehmend in Grenzen. Mehrfach hätten sie schon versucht, sich per Gegenanzeige, dass sie von Mitarbeiterinnen des Frauenhauses angegriffen worden seien, gerichtlich aus der Affäre zu ziehen. Dies sei die eine Seite, die andere sei, dass die nicht so offenkundige, psychische Gewalt eine zunehmende Rolle spielt. Das fange mit der Isolation des Opfers an und setze sich mit Kontrolldruck, Erniedrigungen und Erpressungen fort. „Gewalt wird digitaler“, hat Schobert beobachtet. Vom Versuch der Beeinflussung über elektronische Kanäle bis hin zu Ausspäh-Software nutzen die Täter eine große Bandbreite. Da sei auch die begrenzte Rückverfolgbarkeit der Daten unbefriedigend.

Diese Entwicklung habe auch schon in den täglichen Erfahrungen im Schutzhaus zu handfesten Problemen geführt, wenn die Männer die Frauen in der Einrichtung aufgespürt und terrorisiert haben. Den oft schwer traumatisierten und verunsicherten Frauen dann das Gefühl von Sicherheit geben zu können, sei manches Mal eine Aufgabe, die nicht ohne die Unterstützung einer Therapeutin und der Polizei gelöst werden könne.

Gute Zusammenarbeit mit den Ordnungskräften

Die Zusammenarbeit mit den Ordnungskräften bezeichnete Schobert als gut. Und auch Ingo Jans verwies auf die Vernetzung der Hilfsangebote: „In Zusammenarbeit mit anderen Behörden, wie beispielsweise dem Frauenhaus oder der Beratungs- und Interventionsstelle (BISS), versuchen wir, den Menschen verstärkt zu helfen.“

Häusliche Gewalt in allen sozialen Schichten

„Zwei Drittel der Frauen melden sich nach einem Polizei-Einsatz, ein Drittel meldet sich selbst“, belegt Schobert das mit Zahlen. Große Bedeutung haben für sie die Vernetzung der öffentlichen Stellen und das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass mitten in der Gesellschaft, in allen sozialen Schichten die häusliche Gewalt vorkomme. Deshalb sei es wichtig zu reagieren, wenn man Anzeichen bemerkt oder einen Verdacht hat. „Seien Sie aufmerksam“, appellierte sie an die Männerrunde.

Und offenbar hatte die engagierte Rednerin ihre Zuhörer überzeugt. Sie schlugen selbst vor, in den Geschäftsstellen die Flyer von BISS und Frauenhaus mit den Anlaufstellen und Notrufnummern für die Frauen auszulegen.

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