Polizei Verden

Häusliche Gewalt legt alarmierend zu

Junge Frau mit blauen Flecken
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Bis zum blauen Auge: Die häusliche Gewalt nahm im vergangenen Jahr deutlich zu.

Verden/Achim – Die Fälle häuslicher Gewalt sind im Landkreis Verden dramatisch angestiegen. Im vergangenen Jahr um knapp 30 Prozent. Und die Dunkelziffer dürfte noch wesentlich höher liegen. „Das zieht sich quer durch alle gesellschaftlichen Schichten“, sagt Sebastian Landwehr von der Polizei Verden. Diese alarmierenden Zahlen weist die Kriminalitätsstatistik der Polizeiinspektion Verden/Osterholz auf, die gestern veröffentlicht wurde.

Konkret notierten die Beamten in diesem Segment 451 Straftaten, ein Jahr zuvor waren es noch 350. Auch im Vergleich der letzten zehn Jahre ist dies der höchste Wert.

Vielschichtig die Ursachen der Gewalt in den eigenen vier Wänden. Einerseits der klassische Fall. Der Täter ist eher männlich, vielleicht ist auch noch Alkohol im Spiel, und schon ist es da, das explosive Gemisch, das tragische Zusammentreffen auslöst. „Häufig ist es ein Streit, der in körperlicher Gewalt mündet“, so Landwehr, „genauso kann es aber auch sein, dass eine der Parteien nur leicht gereizt ist, und die Lage trotzdem eskaliert“. Undifferenziert auch, was tatsächlich den Weg auf den Strafanzeigen-Zettel findet. Mal ist es der Faustschlag, mal das Hämatom am Oberarm, mal ein kleines Handgemenge.

Strafen haben allerdings sämtliche überführten Täter zu erwarten. Der Spielraum der Gerichte reicht von der Geldstrafe bis zur Haft, die in Einzelfällen bis zu fünf Jahre betragen kann.

So eindeutig die Zahlen des vergangenen Jahres, so unklar allerdings die Ursachen. „Häusliche Gewalt kann vieles umfassen.“ Tatsächlich machen Hiebe, Tritte oder Klammergriffe einen Großteil der Anzeigen aus. Hinzu kommen allerdings auch sexuelle und psychische Gewalt. Und das macht es schwierig. Die Palette der Anzeigen reiche laut Landwehr bis zur Bedrohung, bis zur Beleidigung.

Allerdings lassen sich die Steigerungen nicht zweifelsfrei auf die Corona-Lockdowns zurückführen. „Ob die Ursache der höheren Fallzahlen an einer vermehrten Bereitschaft zur Erstattung einer Anzeige bei der Polizei oder vielleicht doch an der Pandemie liegt, können wir derzeit nicht mit Sicherheit sagen und daher nur vermuten. Die räumliche Nähe auf ungewohnt lange Zeit scheint aber nach unserer Einschätzung zu einer Gereiztheit innerhalb der Familien zu führen, wodurch mehr Gewalttaten entstehen“, sagt Inspektionsleiter Ingo Jans.

Die Dunkelziffer stelle ein nächstes Problem dar. Experten sprechen von der doppelten Anzahl der Fälle. Im laufenden Jahr erwartet die Polizei allerdings mehr Klarheit. „Eine Dunkelfeldstudie soll Aufschluss bringen“, sagt Polizeisprecher Landwehr, „sie ist schon auf den Weg gebracht“. Bürger würden angeschrieben und anonym um ehrliche Angaben gebeten.

Gegenwärtig könne man nur reagieren. Mal sei es das Opfer selbst, das bei der Polizei anrufe, mal der Nachbar, der nebenan oft zunächst lautstarken Streit und häufig anschließend einen dumpfen Aufprall höre, manchmal melden sich sogar beide, Opfer und Nachbar. „Polizeibeamte fahren dann da hin und gehen den Hinweisen nach.“ Auch Verwandte oder Freunde der Betroffenen zählen gelegentlich zu den Anrufern.

Manchmal werde der Fall vertuscht, vielleicht sogar häufig, man wisse es nicht. „Ich bin gestürzt“, laute jedenfalls eine der Ausreden nach häuslicher Gewalt. „Ich bin die Treppe hinuntergefallen“, eine nächste. Auch in der Notaufnahme oder der Arztpraxis könne man nicht unbedingt zum Verfolgen solcher Straftaten beitragen. Zwar gebe es vereinzelt Absprachen, bei sexueller Gewalt zum Beispiel, aber das bisher auch nur in Großstädten, in Hannover etwa, so Landwehr. Vor Ort seien den Beteiligten meist die Hände gebunden. „Patientenschutz und Schweigepflicht verhindern den kurzen Draht.“ Klartext: Betroffene müssen mehr oder minder selbst die Initiative ergreifen.

Einen Zehn-Jahres-Höchststand im Bereich Verden/Osterholz erreichten Prügel und Schläge zu Hause.

Inspektionsleiter Jans verweist auf einen zweiten Weg: „In Zusammenarbeit mit anderen Behörden, wie beispielweise dem Frauenhaus oder der Beratungs- und Interventionsstelle, dem BISS also, versuchen wir den Menschen verstärkt zu helfen.“ Er, Jans, gehe aber davon aus, die Gewalttaten nehmen mit der „hoffentlich eintretenden Normalität des Alltags wieder ab“.

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