Fast 40. 000 Euro zuviel

Gutachter ermittelt Fehler bei Berechnungen von Kreditzinsen der Kreissparkasse Verden

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Gerhard Stelter hat den Gutachter Rackowitz den Verlauf seines Kredites nachrechnen lassen.

Landkreis - Von einer Klageflut kann bislang keine Rede sein. Nachdem die Verdener Aller-Zeitung von fehlerhaften Zinsberechnungen beim Thedinghauser Landwirt Johann Grothenn berichtet hat, sind beim Verdener Landgericht keine neuen Prozesse anhängig, in denen Kunden der Kreissparkasse zuviel gezahlte Kreditzinsen zurückfordern.

Das ermittelte der Pressesprecher des Gerichts, Nikolai Sauer. Auch in der KSK, gebe es keine Anfragen, teilt die Leiterin Unternehmenskommunikation, Beate Patolla mit. Dass das, was der Landwirt aus Dibbersen erlebt hat, kein Einzelfall war, könnte ein weiteres Gutachten vermuten lassen. Der ehemalige Geschäftsführer der Morsumer Firma Polar Fenster, Gerhard Stelter, hat nachrechnen lassen und sein Gutachter stellte ähnliche Fehler fest.

In 13 Jahren soll Gerhard Stelter 37 840,66 Euro zuviel Zinsen gezahlt haben. Das war das Ergebnis, nachdem der Osnabrücker Kreditsachverständige Dieter Rackowitz die Kontenverläufe des Kaufmanns ausgewertet hatte. Überrascht ist er nicht über sein Ergebnis. Rackowitz hat Hunderte solcher Gutsachten erstellt. Was er dabei festgestellt hat, hat ihn dazu veranlasst, den gemeinnützigen Verbraucherschutz-Verein Liquikon zu gründen. Er will aufklären und Bankenopfern zu ihrem Recht verhelfen, sagt er.

Handwerk und Landwirtschaft besonders betroffen

Dieter Rackowitz ist überzeugt, dass weder Johann Grothenn noch Gerhard Stelter Einzelfälle sind: „Die Falschberechnungen der Kreditinstitute in Deutschland sind flächendeckend und systematisch zu betrachten.

Besonders betroffen seien Betriebe in Handwerk und Landwirtschaft, weil die bei relativ geringem Kapital viele Geschäfte über das laufende Konto abwickeln müssten. Häufig sei dann überzogen und dabei wirke sich die nicht korrekte Anpassung aus, wenn die Leitzinsen gesenkt werden. Insofern sind Landwirt Grothenn und Stelter typische Beispiele.

„Man entwendet dem Mittelstand sein Eigenkapital“, ordnet Rackowitz die wirtschaftliche Bedeutung ein. Für ihn beschränkt sich die die fehlerhafte Anpassung nicht auf eine spezielle Bank. Das Problem sei in der gesamten Branche zu finden.

Für Kreissparkasse sei das aktuell kein Thema, weil die Kunden offenbar nicht anfragen, teilt Dr. Beate Patolla mit. Darüber hinaus weist das Unternehmen in seiner Stellungnahme darauf hin, dass das Verfahren der Berechnung bei Krediten mit variablen Zinssätzen transparent sei: „Wenn der Zinssatz steigt oder fällt, erhält der Kunde eine schriftliche Information. Und anders als bei Festzinsvereinbarungen kann ein Kunde mit einem variablen Zins sofort darauf reagieren und das Darlehen ganz oder teilweise zurückzahlen oder in eine Festzinsvereinbarung umwandeln.

Die Mehrzahl der Kunden habe in der Regel bei Darlehen eine Festzinsvereinbarung, sodass sie das Thema variabler Zins überhaupt nicht betreffe. „Firmenkunden vereinbaren aber auch gerne einen variablen Zins, weil er ihnen bestimmte Vorteile bietet, beispielsweise kann man das Darlehen jederzeit zurückzahlen, wenn die Auftragslage gerade gut ist.“

Probleme mit der Liquidität

Gutachter Rackowitz hat dennoch Fehler in den Zinsberechnungen für Gerhard Stelter gefunden. Und für den Ex-Polar-Geschäftsführer sind sie besonders ärgerlich. Den Kredit über 100.  000 Euro, so berichtet er, habe er damals auf Druck der Banken aufgenommen, um das Geld in den Betrieb seines Arbeitgebers zu stecken. Eigentlich eine eher ungewöhnliche Lösung, wenn ein Unternehmen ins Schlingern gerät.

Das eigentlich gut gehende Unternehmen hatte damals Probleme mit der Liquidität. Nachdem Auftraggeber von Großprojekten, die Rechnungen in Millionenhöhe nur zögerlich bezahlten, war Ebbe in der Kasse. Den Hausbanken Kreissparkasse und Volksbank war dann offenbar wohler, wenn Geschäftsführer Stelter enger an die Firma gebunden wird. Mit den 100. 000 Euro wurde der Bruchhauser Minderheitsgesellschafter bei Polar und die Firma hatte erstmal Luft auf dem Konto. Als dann dennoch alles den Bach runter ging, war Stelter als Mitgesellschafter im Boot, verlor seinen Job und hatte Schulden am Hals. Und weil er immer noch darum kämpft, auf die Füße zu kommen und die Zwangsversteigerung seines Hauses zu vermeiden, ist dieser Kredit aus mehreren Gründen von großer Bedeutung für Gerhard Stelter. 

kle

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