Grüner Strom: Viel Luft nach oben

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Mächtige Rotoren auf immer mehr Äckern, aber das reicht noch nicht. Der Landkreis Verden bleibt bei der Stromversorgung auf Kohle- und Atomkraftwerke angewiesen. Auch rechnerisch. Die Eigenversorgung mit Grünem Strom liegt bei 78 Prozent. Allerdings holt die Region rasant auf. Das ergab eine Erhebung dieser Zeitung.

Verden/Achim – Gern die Sonne anzapfen und den Strom speichern, bis er gebraucht wird. Eine einfache Idee, die zunehmend Freunde gewinnt. Die Stadtwerke Achim hatten im Sommer eine Kampagne für Photovoltaik gestartet. „Bei uns können sie qualitativ hochwertige Anlagen kaufen oder pachten, mit oder ohne Speicher“, lautete die Losung, und drei Monate später staunt Vorstandssprecher Sven Feht nicht schlecht. „Die Nachfrage ist da. Unser Vertrieb kommt bei der Vielzahl von Anfragen kaum nach.“ Und damit steht fest: Auch die mehrfach totgesagte unter den erneuerbaren Energien hat noch eine Zukunft. Eine große Zukunft sogar, und das nicht nur in Achim. „Zurzeit dürfte jeder zehnte Haushalt mit einer Sonnenstrom-Anlage ausgestattet sein, in fünf bis zehn Jahren ist es jeder fünfte“, wagt Hermann Karnebogen von der Avacon eine Prognose.

In der regionalen Energiebilanz spielt Photovoltaik trotz bemerkenswerter Zuwachsraten lediglich eine Nebenrolle. Gut fünf Prozent macht diese Form der regenerativen Energien kreisweit aus. Der Anteil sank in den vergangenen Jahren um einen Prozentpunkt. Und dies sogar, obwohl die Zahl der schillernden schwarzsilbernen Flächen auf den Dächern nur eine Richtung kennt: nach oben. Die Ursache hat drei Rotorblätter. Windenergie legt weiter massiv zu. Getrieben von den Kraftwerken in hundert und mehr Metern Höhe stieg der Anteil der Erneuerbaren Energien am Gesamtverbrauch des Landkreises innerhalb von vier bis fünf Jahren um mehr als 50 Prozent. Während das Umweltbundesamt die Eigenversorgung in Deutschland mit 42 Prozent beziffert, liegt diese Quote im Raum zwischen Otterstedt und Otersen nahezu beim Doppelten. Das ergab eine Nachfrage bei den fünf Stromnetzbetreibern im Landkreis, den Stadtwerken Achim mit der Netzgesellschaft Oyten, den Stadtwerken Verden, der Avacon mit einem Einzugsbreich in Dörverden und großen Teilen der Samtgemeinde Thedinghausen, der EWE mit einer Verbreitung in Langwedel, Kirchlinteln und Blender sowie dem Elektrizitätswerk Ottersberg.

Während die Erneuerbaren deutlich zulegten, verändert sich der Stromverbrauch nur geringfügig. Seit Jahren dümpelt er mit leicht rückläufiger Tendenz zwischen Marken von 630 und 680 Gigawattstunden herum. Ein überdurchschnittlicher Verbrauch, den die Netzbetreiber auf ein überdurchschnittliches Aufkommens von Wirtschaftsbetrieben zurückführen. Der Landkreis Diepholz etwa kommt auf einen ähnlichen Stromverbrauch, obwohl im weiten Landstrich zwischen Weser und Dümmer rund 80 000 Menschen mehr leben als im Kreis Verden.

Allerdings sind die Unternehmen nicht nur Stromverbraucher, sie sparen auch. Trotz erheblicher Investitionen und Neuansiedlungen in den Gewerbegebieten fällt der zusätzliche Bedarf an Kilowattstunden nicht signifikant aus. Während diese Werte nicht messbar sind, ist es ein anderer, der einen neuen Trend beschreibt. Viele Betriebe nutzen bereits selbst erzeugten Strom, und so mancher Eigenheimbesitzer tut es ihnen nach. Und das mit wachsender Tendenz, wie ein Blick etwa auf Verden belegt. „Innerhalb der vergangenen drei Jahre ist der gemessenen Eigenverbrauch von 3,9 auf 6,6 Gigawattstunden gestiegen“, sagt Stadtwerke-Prokurist Michael Knezevic. Bemerkenswerter Nebeneffekt: Im gleichen Zeitraum sank der Stromverbrauch im Netz der Kreisstadt um rund fünfeinhalb Gigawattstunden. Selbsterzeugte Elektrizität entstammt den Verdener Zahlen zufolge zu einem Sechstel aus Photovoltaik und zu fünf Sechsteln aus der Kraft-Wärme-Kopplung, dem Betrieb von Blockheizkraftwerken also, die sowohl Wärme als auch Strom produzieren. Allesamt Anlagen, die wegen des Einsatzes von Erdgas oder Heizöl allerdings nicht dem Grünen Strom zugerechnet werden.

Der Eigenanteil dürfte auch in den kommenden Jahren weiter steigen. Häuslebauer etwa sind verpflichtet, Solarpanele aufs Dach zu setzen. Und das rechnet sich sogar. Das Fraunhofer-Institut beziffert die Baukosten für eine solche Anlage im Norden der Republik mit elf Cent pro erzeugter Kilowattstunde. Würde dieser Strom ins Netz eingespeist, fließen lediglich acht Cent zurück in die Kasse. Unrentabel. Aber angesichts von Einkaufspreisen um die 30 Cent pro Kilowattstunde bei Strom aus dem Netz beginnt das Engagement interessant zu werden.

Erhebliche Zuwächse erwarten Experten auch bei der Windenergie. Zwar wurde zuletzt eine Flaute deutlich, in den vergangenen beiden Jahren sind kreisweit kaum neue Anlagen hinzu gekommen, aber ein Wandel zeichnet sich ab. „Die erste Generation geht allmählich vom Netz“, sagt Avacon-Kommunalreferent Karnebogen, „an ihre Stelle treten neue, deutlich leistungsfähigere Generatoren. Sie sind 20 mal leistungsfähiger und kommen zusätzlich auf eine jährliche Betriebszeit, die beim Doppelten der bisherigen Stundenzahl liegt.“

Von Heinrich Kracke

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