Behinderung zwingt Jago Kusche, das Verbot in der Fußgängerzone zu missachten

Grenzfall im Sattel

Kein gängiges Hilfmittel, aber ihm hilft es trotzdem: Jago Kusche kommt mit seinem Fahrrad durch die Verdener Fußgängerzone, nicht immer ungehindert, aber schmerzfrei. - Foto: Klee

Verden - Jago Kusche ist mittlerweile etwas genervt. Wenn er auf seinem Fahrrad langsam aber stetig durch die Fußgängerzone radelt, wird er immer wieder mit wohlmeinenden Hinweisen konfrontiert, dass genau das verboten sei. Und wenn diese Hinweise von Polizeibeamten kommen, drohen ihm sogar Bußgelder. Dabei bleibt dem stark gehbehinderten Verdener kaum etwas anderes übrig, um halbwegs schmerzfrei durch die Fußgängerzone zu kommen.

Handicaps gibt es viele verschiedene. Und viele Menschen haben ein kleines oder größeres Problem, das ihre Möglichkeiten mehr oder weniger einschränkt. Das Sozialgesetzbuch IX definiert Behinderung so: „Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft beeinträchtigt ist.”

Wer mit einer solchen Beeinträchtigung leben muss, aber nicht gerade auf einen Rollstuhl oder einen Blindenstock angewiesen ist, wird in der Öffentlichkeit aber kaum als Mensch mit Behinderung erkennbar. So ist das auch bei Jago Kusche. „Ich bin ein Grenzfall“, stellt der Verdener fest, und er ist überzeugt, dass er kein Einzelfall ist.

Kusche ist einer von gut 7,5 Millionen Menschen in der Bundesrepublik, die laut statistischem Bundesamt einen Schwerbehindertenausweis haben. Fast ein Siebtel von ihnen leidet wie der Verdener an Funktionseinschränkungen von Gliedmaßen. Dass bei ihm im Ausweis ein dickes „G“ für gehbehindert steht, kann niemand wissen. Und dass ihm jeder Gang, der über ein paar Meter hinaus geht, zur Tortur wird, auch nicht. Ein Rollator wäre für den 56-Jährigen keine Alternative, der Fahrradsattel aber entlastet die lädierte Hüfte. Das ist seine ganz individuelle Lösung für sein spezielles Problem.

Jago Kusche wünscht sich nur, dass er nicht immer beäugt wird, wenn er im Schritttempo durch die Stadt radelt, als würde er etwas falsch machen. „Ich rase nicht, aus Gründen der Sicherheit“, stellt er klar.

Ihm gehe es nicht nur um sein persönliches Schicksal. Er will auf Grenzfälle wie seinen aufmerksam machen. Leute, die (noch) ohne gängige Hilfsmittel auskommen, aber dennoch oft eingeschränkt sind in ihren Möglichkeiten. Auch deshalb engagiere er sich im Kreisbehindertenbeirat. Behinderung habe auch etwas mit der Gesellschaft zu tun und mit dem, wie sie mit den Handicaps ihrer Mitglieder umgeht.

Dass die Barrieren die Handicaps der Menschen erst zu Behinderungen machen, verdeutlicht die Definition im Online-Lexikon Wikipedia: „Behinderung bezeichnet eine dauerhafte und gravierende Beeinträchtigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe beziehungsweise Teilnahme einer Person, verursacht durch das Zusammenspiel ungünstiger Umweltfaktoren (Barrieren) und solcher Eigenschaften der behinderten Person, die die Überwindung der Barrieren erschweren oder unmöglich machen.“ 

kle

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