Gruppe von Gemeindemitgliedern aus Verden wird Zeuge der alten Kunst

Glocke für St. Andreas ist gegossen

In der Glockengießerei fließt die geschmolzene Bronze. Im Hintergrund sieht man die zusehenden Gäste.
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Die Bronze für die Glocke fließt.

Verden – „Das geht natürlich nicht so einfach, wie eine andere Besorgung mit leichter Hand.“ Die Pastorin der St.- Andreas-Gemeinde, Bettina Kattwinkel-Hübler, deutet an, dass der Weg zu einem vollständigen Geläut der Kirche nicht alltäglich ist. Nach sechs Jahren Bemühungen, Planungen und Gesprächen, nicht zuletzt zur Klärung der Finanzierungsfragen, ist die neue Glocke gegossen. Das Ereignis konnten Mitglieder der Gemeinde bei einer Tour ins Münsterland miterleben.

Die alte Glocke muss in Rente gehen

Die dritte Glocke im Turm der Andreaskirche hat eine lange Geschichte. Fast so lang wie der Sakralbau selbst. Sie hat vieles überstanden, sogar den Zweiten Weltkrieg. Damals war sie wegen ihres historischen Wertes nicht für die Waffenproduktion eingeschmolzen worden. Aber auch an einer Glocke nagt der Zahn der Zeit und so musste die Gemeinde erkennen: „Nun muss sie langsam in Rente gehen. “ Und der Kirchenvorstand, so Kattwinkel-Hübler, habe sich auf den Weg gemacht, eine neue dritte Glocke für St. Andreas anzuschaffen. Spenden wurden eingeworben, Pläne zum Umbau des Glockenstuhls erstellt, weitere kleine und große Schritte seien nötig gewesen.

Ein großer Schritt wurde am vergangenen Freitag getan. In der Glockengießerei Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher im Landkreis Borken wurde die Glocke für St. Andreas gegossen. Etwa zwei Dutzend Interessierte aus der Gemeinde nutzten die Gelegenheit, bei der Firma Petit & Gebr. Edelbrock das Ereignis mitzuerleben, das auch Pastorin Kattwinkel-Hübler als beeindruckende Handwerkskunst beschreibt.

Seit mehr als 300 Jahren Glockengießer

Das Unternehmen im westlichen Münsterland hat schon eine lange Tradition. Sie hat ihren Ursprung schon Mitte des 17. Jahrhunderts, gegen Ende des 30-jährigen Krieges, zwölf Generationen Familiengeschichte sollen es sein. Die handwerkliche Kunst der Glockengießer hat sich in den mehr als 300 Jahren nicht entscheidend geändert. So erinnert die Darstellung der Firma auf ihrer Internetseite auch in vielen Punkten an das, was Friedrich Schiller in seinem Lied von der Glocke beschreibt.

„Der Glockengießer errechnet nach Ton, Durchmesser und Gewicht die „Rippe“, das Profil der künftigen Glocke. Danach wird die Innenform aus Ziegeln aufgemauert und mit Lehmschichten solange belegt, bis die Form der Schablone entspricht. Ebenso in zahllosen Lehmschichten entsteht auch die äußere Kontur, die „falsche Glocke“. Sie sei schon ein genaues Modell der künftigen Glocke, erklärt das Unternehmen. „Alle Formarbeiten nehmen viel Zeit in Anspruch, da jede einzelne Lehmschicht trocken sein muss, bevor die nächste aufgetragen werden kann.“

Wenn dann der dicke und in sich feste „Mantel“ auf der falschen Glocke aufgebracht ist, hat sie ausgedient und wird von der Innenform weggeschlagen. Mit dem Mantel ist ein Innenraum entstanden, der mit Bronze ausgegossen werden kann.

Frisch, Gesellen, seid zur Hand!

Das war der Stand, als die Besucher aus Verden in der Gießerei eintrafen. „Fest gemauert in der Erden / Steht die Form aus Lehm gebrannt./Heute muss die Glocke werden! / Frisch, Gesellen, seid zur Hand!“ heißt das bei Schiller, und wie beim Klassiker erwartete die Gäste eine schweißtreibende Prozedur: „Von der Stirne heiß / Rinnen muss der Schweiß.“ Die Glockengießerei schreibt: „Stunden vorher wird der Schmelzofen aufgeheizt und mit der Glockenspeise, bestehend aus 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn, beschickt. Bei etwa 1100 Grad Celsius hat die Bronzeschmelze die erforderliche Gusstemperatur.“

Tage brauche die Bronze, bis sie ausreichend abgekühlt ist und die Glocke ausgegraben werden kann. Beim Geläut für St. Andreas wird es am 11. August so weit sein. Sie werde aus dem Mantel herausgeklopft, berichtet Bettina Kattwinkel-Hübler. „Schwingt den Hammer, schwingt, Bis der Mantel springt! / Wenn die Glock’ soll auferstehen, Muss die Form in Stücken gehen“, beschreibt das Schiller und die Pastorin ergänzt: „Erst dann wird zu sehen sein, ob der Guss gelungen ist.“

Auch das können Verdener miterleben. Die Pastorin bietet Interessierten die Teilnahme an: „Wer Interesse hat, zu diesem Termin mit dabei zu sein, wende sich an Claudia Wittboldt-Müller“, teilt sie mit. Zu erreichen sei sie telefonisch unter 04231/63443.

Ende August, Anfang September sollen dann die Arbeiten am Glockenstuhl beginnnen. „Mitte September wird die Glocke in den Turm eingebracht.“ Am 3. Oktober, so die Pastorin, soll es einen Festgottesdienst mit der Glockenweihe geben.  kle

Die Besucher von St. Andreas vor der Glockengießerei in Gescher.

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