Der aus dem Irak stammende Autor Abbas Khider liest aus seinem neuen Roman

Geschichte eines Flüchtlings

Für den 18-jährigen, in Verden lebenden Iraker Karam Yazidkahan, hier in Begleitung von Ludmilla Engelmann, ist Autor Abbas Khider ein Beispiel, wie man seinen Weg in Deutschland finden kann.

Verden - Humor ist, wenn man trotzdem lacht, auch wenn man sich im Zwiespalt zwischen Heimat und Fremde, zwischen Willkommen und Abschiebung befindet. Dieser Devise folgt der aus dem Irak geflohene Autor Abbas Khider in seinem Roman „Die Ohrfeige“, der von Kritikern gelobt wird. Am Dienstagabend hatte die Lesereise für seinen mittlerweile vierten Roman den Nelly-Sachs-Preisträger in die Buchhandlung Heine nach Verden geführt, wo sich der Kreis der Fans durch das sympathische und publikumsnahes Auftreten des Autors sicher nochmals erweitert hat.

Roman, Flüchtlingsroman? Schelmenroman? Was steckt hinter der fiktiven Geschichte „Die Ohrfeige“, die schließlich ein Autor mit Migrationshintergrund verfasst hat. Ein Autor, der aus eigener, teils leidvoller Erfahrung weiß, wie sich ein Flüchtling fühlt. Doch während Khider seine Anerkennung als Flüchtling längst erhalten hat, soll sein Romanheld Karim Mensy abgeschoben werden, zurück in den Irak.

Um dieses Schicksal zu umgehen, plant er mithilfe von Schleusern nach Finnland zu gelangen, doch vorher hat er noch eine Rechnung zu begleichen. Er fesselt seine Sachbearbeiterin an ihren teuren ledernen Bürostuhl, klebt ihr den Mund zu und gibt ihr eine Ohrfeige. Sie hat nun keine Wahl mehr und muss ihm zuhören, wenn er mit einer Wutrede seiner ganzen Verzweiflung Luft macht.

Die Geschichte, die um das Jahr 2000 spielt, sei zwar fiktiv, aber irgendwie auch authentisch, erzählt Khider, noch bevor er im (Vor)Lesesessel der Buchhandlung Platz nimmt, um insgesamt vier Kapitel aus seinem Werk vorzulesen.

Ja, auch er habe während des eigenen Asylverfahrens so manches Mal daran gedacht, einem Behördenmenschen eine Ohrfeige zu verpassen, es dann aber letztlich doch nie getan. „Mir lag schließlich vor allem daran, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Also war ich immer brav“, erzählt er lachend.

Vielleicht nimmt er jetzt mit „Die Ohrfeige“ wenigstens verbal Rache, indem er statt der eigenen Flüchtlingsgeschichte die des jungen Irakers Karim Mensy erzählt und damit allen eine eigene Stimme gibt, über die sonst eher andere bestimmen.

Khider beschreibt die teils skurril anmutenden Erlebnisse eines Flüchtlings, der mit dem Wunsch nach Frieden und einem besseren Leben nach Europa gekommen ist und am Ende doch an dem löchrigen Netz aus Gleichgültigkeit, Bürokratie und Ausgeschlossensein scheitert. Und da der Autor diese Geschichte ausschließlich aus der Ich-Perspektive heraus erzählt, verstärkt sich nicht nur ihr autobiografischer Eindruck, sondern rückt den Leser natürlich auch ganz besonders nah an die Ereignisse heran.

Ja, die Rahmenhandlung des Romans ist ernst. Aber Khider hat die unzähligen monologisierenden kleinen Geschichten, die in „Die Ohrfeige“ stecken, mit soviel warmherzigen Details und Humor ausstaffiert, dass selbst die Traurigkeit ihre Schwere verliert und von Poesie überlagert ist.

Zur Person des Autors: Abbas Khider ist 1973 in Bagdad geboren. 20-Jährig wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten gegen Saddam Hussein inhaftiert und kam für zwei Jahre als politischer Gefangener ins Gefängnis, wo er gefoltert wurde. 1996 gelang ihm die Flucht aus dem Irak und er lebte zunächst illegal in verschiedenen Ländern. Vor 16 Jahren kam er nach Deutschland, wo er auch zu schreiben begann und zwar auf Deutsch und ein Magisterstudium absolvierte. Khider ist seit 2007 deutscher Staatsbürger.

Im Publikum saßen auch der 18-jährige Flüchtling Karam Yazidkahan, der wie Abbas Khider aus dem Irak stammt, und die Verdenerin Ludmilla Engelmann, die ihn seit fünf Jahren in vielen Belangen unterstützt. Für den jungen Mann ist der preisgekrönte Autor ein Vorbild, das ihm viel Mut macht. „Wenn man in Deutschland ein Ziel hat, kann man es auch erreichen“, sagt Karam Yazidkhan.

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