Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff über „Das letzte Jahrhundert der Pferde“

Von der Geschichte besiegt

Ina Rohlfing und Rainer Kiel vom Deutschen Pferdemuseum im Gespräch mit Ulrich Raulff (re.). Der Autor führte durch einen kurzweiligen Abend. - Foto: Niemann

Verden - Kaum 60 Jahre hat es gebraucht, um die kulturhistorisch gewachsene Symbiose zwischen Mensch und Pferd zu zerstören. Wie und warum das Bündnis zu Ende ging und welche Folgen das auf die Gesellschaft hat, hat der Marbacher Kulturwissenschaftler, Autor und Direktor des Deutschen Literaturarchivs Ulrich Raulff in seinem vielbeachteten und von Kritikern als Pioniertat gelobten Sachbuch „Das letzte Jahrhundert der Pferde“ hinterfragt, aus dem er am Mittwochabend in der Stallgasse im Deutschen Pferdemuseum vor interessiertem Publikum las.

Das Pferd ist Teil der Kulturgeschichte, wurde zur Arbeit, im Krieg oder für Transporte eingesetzt. Es stand Jahrtausende für Kraft und Geschwindigkeit ebenso wie für Schönheit und Eleganz. Letzteres bis in die heutige Zeit hinein, in der es fast nur noch als Sportpartner oder gar als Prestigesymbol dient. Denn die Ära, in denen Mensch und Pferd eine enge Beziehung zueinander hatten, ist vorbei.

Wer in eine Veranstaltung mit Ulrich Raulff geht, bekommt viel für sein Eintrittsgeld. Denn der 65-Jährige versteht sein Handwerk und ist schon vom Unterhaltungswert her ein Erlebnis für sich. Gewürzt mit Anekdoten und Geschichten, so verlief die Lesung, die eigentlich mehr eine informativ-unterhaltsame Erzählstunde war und zu der die Pferdefreunde trotz Fußball sehr zahlreich erschienen waren.

So durfte auch die Geschichte über die englische Queen nicht fehlen. Gemeinsam mit ihrem Mann hatte sie im Jahr 1965 die Schillerstadt Marbach besucht. Von der Schillerhöhe aus hat sie angeblich ihre Blicke schweifen lassen über das Neckartal und ihre Begleitung gefragt: „Where are the horses?“ Sie wähnte sich demnach in einem anderen Marbach, in Marbach auf der Schwäbischen Alb, wo das württembergische Haupt- und Landgestüt ansässig ist.

„Diese Geschichte hält sich hartnäckig. Aber ich bin Historiker und wollte natürlich wissen, ob sie stimmt“, so Raulff, der daraufhin Zeitzeugen befragt hat. Das Ergebnis: Die Geschichte, die sich seit Jahrzehnten erzählt wird, haben zwei Journalisten unmittelbar nach dem Besuch der pferdevernarrten Queen frei erfunden.

Einlässe wie diese waren die Würze in Raulffs Vortrag, wenn er von den vielen Facetten und Bündnissen berichtete, die das Verhältnis zwischen Pferd, Mensch und Geschichte geprägt haben.

Raulffs sprach aber auch von den dunklen Seiten, wo der Mensch die Pferde nicht nur geliebt, sondern sie auch misshandelt, ausgebeutet oder getötet hat. In der Großstadt des 19. Jahrhunderts etwa haben die edlen Vierbeiner als Omnibus- und Tramppferde eine „Pferdehölle“ erlebt, sind in Kriegen elend zu Tode gekommen oder wurden noch bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Bergbau unter Tage als Grubenpferde „verheizt“ und auch als Rennpferde wurden sie unter Qualen gepeitscht und getrieben.

Und doch entwickelte der Mensch zum Pferd eine so innige Beziehung wie zu sonst keinem Tier. Mit Kompetenz und Sachkenntnis, aber auch mit Humor fesselt Raulff sein Publikum, wenn er detailreich reflektiert, wie die zunehmende Technisierung und Mechanisierung den Einsatz der Pferde immer mehr ersetzt. Das Pferd, so sein Fazit, wurde von der Geschichte besiegt. „Noch 1950 gab es 1,5 Millionen Pferde in Deutschland, 20 Jahre später waren es nur noch 250.000“, sagt Raulff, der den der immens schnellen Industrialisierung geschuldeten Exodus selbst miterlebt und verfolgt hat. Raulffs Fazit: „Das Pferd ist mit Abstand der größte Besiegte unserer jüngsten Geschichte.“ - nie

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