Arndt Striegler berichtet über den Brexit und die Folgen / Seit 30 Jahren in London

Gelebtes Europa in Verden

Arndt Striegler berichtet über den Brexit aus London.

Verden/London - Von Arndt Striegler (vielen Lesern dieser Zeitung als „ast“ bekannt). „Vermutlich werden Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, zunächst einmal wundern, zu Beginn dieses Artikels die ungewöhnliche Stichmarke Verden/London zu lesen. Zugegeben – London hat erst einmal wenig beziehungsweise gar nichts mit unserem ländlichen Raum zu tun.

Und dennoch hat die Stichmarke in diesem Fall ihre Berechtigung: Als ehemaliger Wahl-Verdener und Niedersachse erlebe ich derzeit die Debatte um den so genannten Brexit, also den möglichen Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU), aus nächster Nähe. Und ich möchte Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in diesem Artikel einen ganz persönlichen Eindruck vermitteln, wie das so geht, wenn die Briten EU-Austritt spielen. Und was das möglicherweise auch für Folgen für unsere Region haben könnte.

Bevor ich loslege, kurz etwas zum Hintergrund: Anfang der 80er-Jahre lernte ich als junger Volontär mein journalistisches Handwerkszeug bei der Verdener Aller-Zeitung und bei Kreiszeitung/Achimer Kreisblatt. Helmut Kohl war gerade Bundeskanzler geworden, Michael Jackson in der Hitparade und bei der Verdener Frühjahrsauktion wurden erneut Best-Ergebnisse erzielt. Eine Auswahl Verdener Bürger besuchte Saumur und der Sommer war ungewöhnlich kalt und regnerisch.

Zeitsprung 34 Jahre nach vorne: Ich lebe und arbeite als Korrespondent für diverse deutsche Medien seit genau 30 Jahren in London. Abends gehe ich in den Pub, am Wochenende trinke ich Five o’ clock tea und meine Passion für den Reitsport pflege ich, indem ich regelmäßig das Geschehen auf den Turnierplätzen und bei den Fuchsjagden in Großbritannien verfolge.

So weit, so gut. Doch am 23. Juni entscheiden die Briten, ob sie nach über 40 Jahren der EU den Rücken kehren wollen oder nicht. Und ich sorge mich. Weniger aus persönlichen Gründen, vielmehr, weil ich tagtäglich erlebe, wie ignorant, weltverschlossen und schlicht dumm – es muss leider gesagt werden – die Mehrzahl der Briten anscheinend über die Zukunft ihres Landes reden und entscheiden.

Verden – egal ob die Stadt Verden oder der Landkreis – ist weltoffen, liberal, fortschrittlich und generell gesprochen aufgeschlossen allem Neuen gegenüber. Britische Streitkräfte waren lange Jahre in Verden stationiert und fester Teil des städtischen Lebens. Das weiß ich, da ich als Lokalredakteur damals oft (und gerne!) über das Leben und über die Sorgen der Briten in unserer Mitte berichtete.

Striegler in der weltberühmten Downing Street.

Große örtliche Unternehmen wie Mars, Block und viele andere unterhalten heute internationale Handelsbeziehungen und der kulturelle Austausch zwischen unserer Region und diversen Partnerstädten in Europa, darunter das englische Warwick, setzen seit Jahrzehnten wichtige Akzente. Kurz: Verden und unsere Region haben und hatten all das, was mir in Großbritannien derzeit fehlt: Weltoffenheit, Toleranz, Weitblick und Menschlichkeit.

Ganz davon abgesehen wissen Verdener, Achimer und andere örtliche Unternehmer seit langem, dass Internationalität und Weltoffenheit knallharte wirtschaftliche Vorteile bringt – gerade für exportstarke Firmen. Bei meiner Recherche für diesen Artikel gab mir beispielsweise ein bekannter Verdener Unternehmer seine E-Mail-Adresse und die endete nicht mit „de“, sondern mit „eu“. Verden in Europa. Und bei meinem Einkauf in der Verdener Innenstadt sah ich am Kiosk einen ganzen Stand mit bunten polnischen und anderen ausländischen Tageszeitungen und Illustrierten. Das ist gelebtes Europa mitten in Verden. Und es signalisiert mir als Besucher sofort, dass ich auch als mittlerweile Fremder durchaus willkommen bin.

„Entwicklung auf der Insel macht mir Angst“

Umso erstaunter bin ich dann, wenn mir Nachbarn in London ernsthaft erzählen, „Ausländer“ würden „uns Briten die Arbeitsplätze weg nehmen“. Oder wenn die britischen Zeitungen ihren Lesern vorgaukeln, auf der anderen Seite des Ärmelkanals stünde eine ganze Armee von einreisewilligen Menschen, die nur darauf warteten, den Engländern die Jobs weg zu nehmen.

Tatsache ist, dass in Calais derzeit weniger als 2 000 Flüchtlinge campieren. Verglichen mit der Größe Großbritanniens – immerhin rund 66 Millionen Einwohner – gibt es im Königreich bis heute kein „Flüchtlingsproblem“. Das Problem ist vielmehr in den Köpfen vieler Briten, die sich bedroht fühlen – von Überfremdung und Globalisierung.

Der Korrespondent vor einer Rolling-Stones-Ausstellung.

 

Tatsache ist auch: Großbritanniens wichtigster Handelspartner ist mit großem Abstand die EU. Mehr als 60 Prozent der von britischen Food- und Spirituosenherstellern erzeugten Waren werden in die EU exportiert. Bei Autos „Made in Britain“ liegt der EU-Exportanteil immerhin bei rund 35 Prozent. Kein Wunder, dass viele britische Unternehmen große Angst vor einem möglichen „No“ am 23. Juni haben. Eine Blitzumfrage dieser Zeitung bei örtlichen Unternehmen ergab, dass das britische Referendum mit großem Interesse und einer gewissen Nervosität beobachtet wird.

Um das alles einmal kurz zusammenzufassen: Als ehemaliger Verdener, der immer wieder gerne in die Reiterstadt kommt, macht mir das, was ich da gerade auf der Insel sehe und höre, richtig Angst. Ein vormals weltoffenes, international orientiertes Land ist drauf und dran, sich zu isolieren, abzukappen vom Rest Europas. Die jüngsten Meinungsumfragen deuten darauf hin, dass es bis zum Wahltag spannend bleiben dürfte. Und während ich diesen Satz aus dem Redaktionsbüro inmitten der Verdener Innenstadt schreibe, denke ich mir: Gut, dass ich – sollten die Briten am 23. Juni tatsächlich für einen Austritt stimmen – immer wieder in Verden eine alte und dann wieder neue Heimat finden könnte...“

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