Gegen Gewalt in der Geburtshilfe

Expertinnen beklagen Hebammenmangel und fordern bessere Bezahlung

Vier Frauen unterschiedlichen Alters schauen lächelnd in die Kamera.
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Gewalt in der Geburtshilfe habe ganz klar strukturelle Ursachen, sagen Andrea Müller, Kathrin Ahrens, Antje Jäger und Gabriele Stenz (v.l.).

Der 25. November ist der „Roses Revolution Day“. Ein Aktionstag gegen Gewalt in der Geburtshilfe. Ein Tag, der Frauen dazu ermutigen soll, an den Orten, wo sie diese Gewalt erfahren haben, eine Rose und vielleicht sogar einen persönlichen Brief abzulegen.

Eventuell werden am 25. November, dem „Roses Revolution Day“ gegen Gewalt in der Geburtshilfe, auch Blumen vor der Aller-Weser-Klinik (AWK) in Verden liegen. Nicht, weil Gebärende dort angeschrien, bedroht, geschlagen worden wären. Aber vielleicht, weil eine Frau sich unter der Geburt nicht genügend umsorgt gefühlt hat. Weil die diensthabende Hebamme zeitgleich noch weitere Patientinnen zu betreuen hatte. Weil eine Ärztin, ein Arzt eine Entscheidung getroffen hat, die nicht den Vorgaben der Schwangeren im Geburtsplan entsprach. Denn auch dies sind per Definition Formen der Gewalt.

Etwa 650 Kinder werden jedes Jahr in der AWK in Verden geboren. „Ich denke nicht, dass es eine Frau gab, die extrem unzufrieden war“, sagt Kathrin Ahrens mit Blick auf die Mütter, die diese Kinder zur Welt brachten. „Und Abweisungen durch Nichtbesetzungen von Schichten kann sie an einer Hand abzählen“, ergänzt sie. Viel häufiger komme es vor dass die AWK Frauen in den Wehen von anderen Kliniken aufnähme.

Geburtshilfe in der AWK genießt einen guten Ruf

Die Gynäkologin ist Oberärztin in der Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Eine toughe Frau, selber zweifache Mutter, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Etwas zu beschönigen, ist ihre Sache nicht. Wenn sie über die AWK sagt: „Wir stehen sehr viel besser da als andere Kliniken in der Umgebung“, dann tut Ahrens dies mit Überzeugung. Auch, weil sie den Vergleich hat zu anderen Krankenhäusern, in denen sie bereits gearbeitet hat.

Auf Einladung von Gabriele Stenz, tätig in der Hebammenausbildung, sitzt Kathrin Ahrens an diesem Morgen mit Andrea Müller, stellvertretende Leitende Hebamme in der AWK, und Antje Jäger, die als freie Hebamme auch Hausgeburten im Kreis Verden begleitet, an einem Tisch. Anlass ist besagter „Roses Revolution Day“.

Den Frauen ist es wichtig zu betonen, dass die Geburtshilfe der AWK einen guten Ruf genießt. Dass die Kaiserschnitt-Rate bei niedrigen 25 Prozent liege, ist laut Ahrens „ein gutes Qualitätsmerkmal“. Dass in der AWK nachts neben einer Hebamme zusätzlich auch eine Pflegehelferin Dienst hat. „Da sind wir verwöhnt“, stellt Andrea Müller fest. „Relativ“, fügt Kathrin Ahrens hinzu und macht damit deutlich: Auch in Verden ist noch Luft nach oben, werden Hebammen oder Entbindungshelfer gesucht.

Mangelnde Eins-zu-eins-Betreuung in diesen besonderen Stunden einer Geburt ist oft einem Mangel an Hebammen geschuldet. Und dass Kliniken Stellen nicht besetzen können, liegt auch am wenig attraktiven Tarifgehalt. Obwohl die Ausbildung inzwischen einem dualen Studium gleicht. Trotz der großen Verantwortung, die diese Tätigkeit mit sich bringt.

Hebammen kehren als Leiharbeiterinnen für mehr Geld zurück

„Immer mehr Hebammen gehen darum zu Leiharbeitsfirmen“, berichtet Andrea Müller. Dann könne es durchaus passieren, dass eine solche Geburtshelferin über den Zeitarbeitgeber an die alte Wirkungsstätte zurückkehre, allerdings erheblich mehr verdiene. „Dafür ist dann Geld da“, sagt Müller frustriert. „Das zeigt die ganze Absurdität des Systems“, findet Kathrin Ahrens.

Höhere Gehälter und im zweiten Schritt ein höherer Stellenschlüssel in den Kliniken sind denn auch die Kernforderungen, die die vier Expertinnen formulieren. Hinzu kommt der Ruf nach einer besseren Kinderbetreuung, viele Hebammen sind Mütter. Aber welche Kita, welcher Hort richtet ihre Angebote nach Schichtdiensten?

Ein entscheidender Faktor: Zeit haben für die Gebärende

„Jede Geburt ist einzigartig und jede gebärende Frau hat ein Recht auf eine individuelle, ihren Bedürfnissen entsprechende Begleitung“, nennt Gabriele Stenz die Begründung für die Forderungen. Antje Jäger, Kathrin Ahrens und Andrea Müller können das nur unterstreichen.

Jede der vier Expertinnen weiß, wie wichtig es für die Gebärenden ist, wenn sie sich Zeit für sie nehmen können. Dabei zu sitzen, die Frau zu beobachten, festzustellen, dass die Geburt voranschreitet, auch wenn es nicht so scheint, das kann einen Kaiserschnitt verhindern. Abgesehen davon, dass es sich dabei um einen chirurgischen Eingriff handelt, der Risiken beinhaltet, fühlen sich Frauen bei dieser ungewollten Sectio um das ersehnte Geburtserlebnis gebracht.

Auch mangelnde Aufarbeitung kann zu Traumata führen

Andere lehnen beispielsweise einen Dammschnitt kategorisch ab. Doch es gibt Geburtsverläufe, wo ein solcher Eingriff angezeigt ist. Als Ärztin hat Kathrin Ahrens die Erfahrung gemacht, das erklärende Worte bei der Geburtsnachbesprechung das Empfinden von Gewalt abschwächen oder gar verhindern können. In der Regel habe sie darüber hinaus die Zeit dafür zu fragen: Wie war’s?, berichtet die Oberärztin. Auch das sei wichtig, denn „manchmal ist es für uns nicht sichtbar, dass etwas für die Frau schlimm war“.

„Wenn Kliniken keine Zeit haben, etwas aufzuarbeiten, dann bleibt die Frau allein“, weiß Antje Jäger. Das Ergebnis sind Traumata, die bei manchen Frauen bei einer erneuten Schwangerschaft den Wunsch nach einer Hausgeburt weckt, für die im Kreis Verden auch nicht ausreichend Hebammen zur Verfügung stehen.

Bedarf an Hausgeburten steigt

Bis zu zehn Hausgeburten jährlich begleitet Antje Jäger aus dem Nachbarkreis Rotenburg im Landkreis Verden. Ähnliches berichten Kolleginnen. Anfragen gebe es „bis zum Abwinken“, sagt sie. „Aber wir können uns natürlich nur vertreten, wenn wir den Weg schaffen“, betont sie.

Den Weg schaffen, hin zu mehr Geld, besseren Arbeitsbedingungen, zu mehr Zufriedenheit bei Fachpersonal und Patientinnen, das treibt die Frauen um. „Eigentlich müssten wir streiken gehen“, sagt Andrea Müller mit einem Lächeln, das wissen lässt: Das würde sie nicht tun, zu groß ist das Pflichtgefühl.

Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das es zu lösen gilt. Zumal die Forderung nach angemessenem Gehalt und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht allein von Hebammen, sondern von vielen Erwerbstätigen formuliert wird.

Von Katrin Preuß

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