Geheimnisvolle Orte

Verdener Gefängnis: Schreckenszimmer liegt ganz vorn

Urlaubsmotiv auf Gefängnishof
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Die Geschichte der Freiheit unterhalb der Stacheldrahtrollen ist lang. Wer Glück hat, kann sie bei der Domweih vom Riesenrad aus sehen.

Einladend sehen sie aus. Die Wände der langen Flure zum Beispiel. Sie leuchten in warmen Farben, in weiß, in warmweiß, genaugenommen in altweiß. Bilder hängen an den Wänden. Jetzt wird auch noch das Portal neu gestaltet. Das ist durchaus, ja, ein Blick genügt, wer wollte es bestreiten, ja, es ist einladend.

Verden - Mag paradox klingen, immerhin ist es so etwas ähnliches wie ein Knast, aber ansprechend ist es irgendwie doch, jetzt zwar nicht so verlockend, dass jemand freiwillig einzöge, aber so, dass es auszuhalten ist, und es wird immer einladender, wenn erst die neue Treppe fertiggestellt ist.

„Ich hab Corona. Kann nicht vorbeischauen“

Einladend auch erstmal der Blick Kerstin Buckups. Freundlich empfängt sie Besucher, die gelegentlich hereinschneien. Ganz gelegentlich. Und dann stellt sie zuallererst die Dinge richtig. Knast? Nein, das sei der falsche Ausdruck. Es ist eine Jugendarrestanstalt. „Die Leute sind hier nicht wochenlang, nicht monatelang eingesperrt“, sagt die Leiterin des Hauses. „Sie bleiben ein paar Tage, in der Regel ungefähr eine Woche.“ Junge Leute. Die jüngsten zählen gerade mal 14 Lenze. Das Gros im Alter von 16 bis 20 Jahren. Zu zwei Dritteln männlich, aber unter den drei Abteilungen hinter dem Verdener Landgericht befindet sich auch eine für weibliche Missetäter. Sie werden nicht vorgeführt, meistens nicht, nur in Einzelfällen durch die Polizei. Und nicht in Handschellen. Ihnen ist die Pflicht auferlegt, sich in der Anstalt an der Stifthofstraße zu melden. Manche kommen mit Ausreden. Kürzlich erst wieder. „Ich habe leider Corona. Kann unglücklicherweise nicht vorbeischauen.“ Alles ein fauler Schwindel. „Er erschien dann doch.“

Einige versuchen Zigaretten-Schmuggel

Kerstin Buckup startet mit dem Rundgang. Eine erste Schleuse, die sie aufsperrt. Und bevor es weitergeht, eine nächste Klarstellung. Nicht nur der Begriff „Knast“ sei daneben, sagt sie, es gäbe sogar noch eine Steigerung. Auf dem Weg über die Flure werde man an Beschäftigten vorbeikommen, an Leuten, die in der Arrestanstalt ihren Dienst versehen, manche im Drei-Schicht-Betrieb. Würden sie als Wärter bezeichnet, sie würden es als Beleidigung verstehen, darauf wolle sie schon mal hinweisen. Bediensteter, ja, das sei der Ausdruck, auf den man sich verständigt habe.

Eine erste Zimmertür. Nicht leichtgängig wie in der heimischen Wohnung, sondern eher schwer. Dahinter ein Räumchen, das harmlos daher kommt. Wer diesen Raum verlässt, ist eines besseren belehrt. Es ist das Schreckenszimmer. Leibesvisitation. Neuankömmlinge haben sich der Prozedur zu unterziehen. Die Tasche wird durchsucht. Der erste Schock: Das Handy wandert in die Box, die mit dem Namen des neuen Insassen beschriftet ist und ihm nach dem Arrest wieder ausgehändigt wird. Und gleich hinterher der zweite. Auch die Fluppen verschwinden in dem Kästchen. „Einige versuchen, Zigaretten hereinzuschmuggeln“, sagt Kerstin Buckup, „keine Chance, wir finden sie.“ Bei der Kosmetik schauen die Bediensteten genauer hin und differenzieren. Alles außer Spray ist genehmigt, und Spray auch nur deshalb verboten, weil Alkohol zu den Bestandteilen gehören könnte.

Junge Leute haben sich verewigt

Hinter der nächsten Tür kein Schock mehr. Nur noch Fragen, die zu beantworten wären. Das sogenannte Zugangsgespräch geht über die Bühne. Alkoholprobleme? Drogen? Medikamente? Suizidgefahr? Alles klopfen die Bediensteten ab. Und füllen Fragebögen aus. Und warten auf Antworten, und erhalten sie. Fragen beantworten ist nicht schlimm. Aber es ist erst das zweite Zimmer. Unendlich viele folgen, und erst dann der Hauch von wunderbarer Freiheit. Eine Freiheit, zu der nicht nur der Weg lang ist, sondern auch die Zeit. Mancher muss einen ganzen Tag warten, eher er sie genießen darf.

Erstmal die nächste Schleuse. Hier beginnt der Sicherheitsbereich. Den langen Gang also entlang. Junge Arrestanten haben sich auf einer Pinnwand verewigt. Nicht mit Strichlisten, nicht mit sorgsam gezogenen kleinen Linien in Fünfer-Bündeln, jede für einen Tag. Einfach nur mit ihrem Namen. Joella, Fabienne, Keagan. Aber auch das ist vergänglich. Regelmäßig kommt weiße Farbe drüber. Datenschutz. Bedienstete schufen auf andere Weise Bleibendes. Farbeimer trugen sie heran, Pinsel schwangen sie. „Es sollte auf den Gängen hell und freundlich werden“, sagt Frau Buckup, „es wurde hell und freundlich.“ Nur die Zellentüren, sie blieben dunkel. Dunkelgrüner Stahl, der die finstere Farbe gar nicht gebraucht hätte, sie sehen auch so furchteinflößend aus. Allein der schwere Riegel. Er muss gar nicht ausprobiert werden, er lässt schon vom Anblick keine Zweifel. Da gibt es kein Entkommen, das ist es, was dieser Riegel aussagt. Gleich daneben eine kleine Klappe. Eine Kontrollöffnung. Auch nicht gerade einladend.

Komplett eingerichtet: Eine der Arrestzellen im Verdener Gefängnis.

Bis zu schwedischen Gardinen alles da

Knarzend gibt eine dieser Türen den Blick frei. Bis hinüber zu den schwedischen Gardinen alles da, was den Aufenthalt erträglich macht. Bett, Regal, Tisch, Stuhl, und auf der gegenüberliegenden Seite Waschbecken und Toilette. Auch hier warme Farben. Wird schon nicht langweilig werden bis zum Ende des Arrestes, danach sieht es aus. Nettes Pläuschchen mit dem fast gleichaltrigen Zimmer- und Leidensgenossen, zur Not ein paar Stunden fernsehen, kann ja nicht so schlimm sein. Tja. Damit ist sie da. Nach dem Handyverbot und dem Rauchverbot und dem Bierchenverbot die Enttäuschungen Nummer vier bis sechs. Nein, nichts vergessen. Die acht Quadratmeter sind vollständig eingerichtet. Laptop? Sorry, leider verboten. Fernseher? Ebenfalls nicht erlaubt. Pläuschen mit dem Nachbarn, nein, nur unter Aufsicht. Plötzlich ist das, was allgemein Freiheit heißt, weiter entfernt als viele denken. Dabei liegt sie nur ein paar Meter weg. Ein paar Meter, am Ende des Ganges. Alles in Sichtweite.

Plötzlich der Griff zu dem, was als uncool gilt

Wer freundlich fragt und pfleglich damit umgeht, der erhält doch so etwas wie Hafterleichterung. „Ein Radio stehen wir jedem zu“, sagt Kerstin Buckup. Und noch ein Schmankerl halten die Bediensteten bereit. Eines, das den Neulingen zwar nicht fremd, aber der Umgang damit ihnen unbekannt ist. Schulverweigerer gehören zu einer durchaus nennenswerten Gruppe, die hier einziehen. Auf die Spitze getrieben haben sie es, jetzt werden sie eingebuchtet. Und plötzlich greifen sie zu dem, was ihnen bisher nur als langweilig und uncool bekannt war. Sie greifen zum Buch. „Viele fangen mit Comics an“, sagt Frau Buckup, „mit Tim und Struppi, das steht bei den Jungen ganz oben auf der Liste, Tom Sawyer ist ebenfalls angesagt, bei den Mädchen Rubinrot, Saphirblau.“ Hinterher sagen einige, es ist das erste Buch, das sie gelesen haben.

Elfeinhalb Stunden passiert gar nichts

Gelesen in den Abendstunden. Um Punkt 19 Uhr ist Einschluss. Bis morgens um 6.30 Uhr kann die Zeit lang werden, ungefähr so lang wie der Weg in die Freiheit, elfeinhalb Stunden, in denen nichts passiert. Nicht mal ein Schnarchen. „Gewiss, wir haben einige Zellen für eine Doppelbesetzung vorgesehen, aber das genehmigen wir nur in ganz seltenen Fällen“, so Buckup, „wenn unsere 28 Plätze komplett vergeben wären, müssten wir sie auch nutzen, aber wir liegen bei einer Auslastung von rund 50 Prozent.“ Und in Corona-Zeiten ist Doppelbelegung ohnehin ein Tabu.

Und dann schreiben sie ihre Geschichte nieder

Einladend? Das Besprechungszimmer, das gleichzeitig auch Besucherzimmer ist.

Und dann steht endlich der Freiheit nichts mehr im Wege? Steht es doch. Eine Tür, hinter der mal keine Zuchtmittel lauern, eine Tür, hinter der eine Welt liegt, die vielen vertraut ist. Vielen der jungen Leute. Eine Tafel an der Stirnseite. Stühle und Tische davor. Ein Klassenraum. Und der Eindruck täuscht nicht. Hier wird an fünf Tagen die Woche gelernt. Am häufigsten steht das Fach Deutsch auf dem Stundenplan. „Wir haben zwei Aufnahmetage pro Woche“, sagt Kerstin Buckup, „heißt also, die Bildungsmaßnahmen sind von einem Kommen und Gehen geprägt.“ Erdkunde stehe zwar auch auf dem Stundenplan, müsse auch, weil die Arrestanten abends um 18 Uhr gemeinsam die Nachrichten im Fernsehen verfolgen, da könne es nicht schaden, wenn sie wissen, wo die einzelnen Schauplätze auf dem Globus liegen, sogar Religion werde gegeben, Religion bis hin zum Islam, eine ausgebildete Islam-Theologin stehe zur Verfügung, das Schulfach Religion mit einem Ausflug in die Themen Toleranz und Verständnis, aber am häufigsten sei eben das Fach Deutsch vertreten. Innerhalb des gut dreistündigen Bildungsangebotes am Vormittag vor allem, aber mit Auswirkungen auch auf den Nachmittag, auf die Stunden, in denen Reflexionen auf die Missetaten auf dem Programm stehen, nicht mit erhobenem Zeigefinger, meist in Gruppengesprächen. Man finde zusammen, man stelle fest, die Auslöser für den Arrest ähneln einander. Die jungen Leute erzählen davon, die jungen Leute schreiben ihre Geschichte sogar nieder. Deutsch kann da nicht schaden. Geschichten, die in der Personalakte landen. Einige erzählen von Mobbing,

Die Rückfallquote liegt bei 20 bis 30 Prozent

Schulverweigerer zum Beispiel, von Förderklassen und von Fairplay, an dem es gemangelt habe. Andere berichten über Alkohol in ihrem Umfeld, nicht unbedingt in der Familie, sondern in dem Umfeld, in dem sie leben, Alkohol, Drogen, sehr häufig Gewalt. Wieder andere vermögen ihre Geschichte kaum in Worte zu fassen, Migranten zum Beispiel. „Sie sind oft schwer in der Lage, darüber zu sprechen.“ Über Flucht, über traumatische Erfahrungen, über Leben und Tod. Aber dann schreiben sie doch. Und irgendwie hilft es. Die Rückfallquote gilt als unterdurchschnittlich. „Sie liegt bei 20 bis 30 Prozent“, sagt Buckup.

Vielleicht ganz gut also, dass am Ende des Ganges die Freiheit winkt. Jeden Tag Punkt 13 Uhr. Dann geht es hinaus. Dann ist Freistunde. Nicht hinaus spazieren in die Fußgängerzone, sondern hinaus in den Hof, der sich am Ende der Haftanstalt öffnet.

Am Ende des Ganges ein Hauch Parthenon

Ein Hof mit wunderschöner Aussicht. Wer bei der Domweih im Riesenrad unterwegs ist, hatte vielleicht die Gelegenheit einen Blick hineinzuwerfen. Und gleich wieder hinaus. Denn die schöne Aussicht, sie liegt hinter dem Mauerdurchbruch. Ein Hauch Parthenon ist zu sehen, Griechenland von der schönsten Seite, ein talüberspannendes Viadukt, ein bisschen Ephesos und ganz viel Mittelmeer. Alles hinter der Mauer. Ein mediterranes Motiv, das von Urlaub und Entspannung im Süden erzählt. „Wir verdanken es einem Comic-Zeichner,“ sagt Kerstin Buckup. Vor einem Vierteljahrhundert entfaltete er sich an der Wand des Gefängnishofes. Damals, als das Gemäuer noch der U-Haft diente. Allerdings hat nicht nur das faszinierende Freiheitsbild die Zeiten überdauert, sondern auch ein typisches Gefängnis-Accessoire, eine hohe Stacheldrahtrolle, ein martialisches Instrument, das jeden Gedanken an Flucht begräbt. Die Hofmauern krönt dieser Stacheldraht. „Wir würden am liebsten auf dieses Relikt aus alten Zeiten verzichten,“ sagt Frau Buckup, „wir bräuchten es nicht.“ Stacheldraht passe eigentlich nicht ins Konzept. Schade aber auch nicht.

Der Türriegel erlaubt keine Zweifel: Hier gibts kein Rauskommen.

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