„Jeder Fünfte in Existenznot“

Sektlaune bei Friseuren schon wieder vorbei

Friseur bei der Arbeit.
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Man könne nicht mehr drumherum reden, der Umsatzrückgang sei da: Friseur Davut Deniz in Verden.

Der Run auf die Friseure endete viel schneller als erwartet. Viele melden schon zwei Wochen nach der Wiedereröffnung finanzielle Einbußen. Unter anderem sei der lange Lockdown die Ursache.

Verden/Achim – Vor drei Wochen hatten sie noch frohlockt. Friseure dürfen wieder öffnen. Von Telefonen, die nie still standen, berichteten einige. Andere verschlugen sich zu der Schlagzeile „Freudensträhne beim Kammback“. Nach dem Lockdown das kollektive Locken-Down. Alles passé. Die Sektlaune ist weg. „Das Aufkommen blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück“, sagt Seman Papazoglu, Obermeister der Friseurinnung Osterholz-Verden.

Dem Achimer schwant nichts Gutes: „Vor allem die Neulinge in der Branche kämpfen ums Überleben.“ Er gehe davon aus, sagt Papazoglu, „jeder fünfte Betrieb wird aufgeben müssen.“

Friseur in Verden ernüchtert: Nur „die ersten beiden Wochen liefen gut“

Ein ganz normaler Wochentag in einem Verdener Salon. Davut Deniz hat sich als Herrenfriseur einen Namen gemacht. Mehrere Beschäftigte stehen bei ihm in Lohn und Brot. Die Frisierplätze hell und einladend und auf Abstand und alles coronakonform. Ganz vorne auf dem Tresen das Auftragsbuch. Mehrere Spalten pro Tag, die gefüllt werden wollen. Und genau da sitzt das Problem. „Die ersten beiden Wochen liefen gut“, sagt er, den alle nur Davut rufen, „aber jetzt beginnt es weniger zu werden.“ Er könne nicht mehr drumherumreden, er vor allem als Herrenfriseur nicht, für ihn zeichne sich von Tag zu Tag eines immer deutlicher ab. „Die Umsätze brechen ein. Wir sind vielleicht noch bei 50 Prozent des üblichen Aufkommens.“

Ein nächstes Problem gesellt sich zumindest hier hinzu. Nahe der Ladentür liegen auf einem Tisch Schnelltests. Sei dem Kunden nach Bartschnitt, müsse erst ein solcher Test erfolgen, haben sie dem Salon-Inhaber gesagt. „Aber dieser Prozedur unterziehen sich nur wenige“, heißt seine Erkenntnis. Entweder zu aufwändig, oder aufgrund der unklaren Pandemielage nicht geheuer – der Gründe des Fernbleibens gibt es zwei. „In diesem Bereich ist die Nachfrage fast vollständig zusammengebrochen.“

Alles keine Einzelfälle. Er sei noch bis ungefähr Ostern gut ausgebucht, berichtet Obermeister Papazoglu, aber die Resonanz täusche über das tatsächliche Aufkommen hinweg. „Wegen der Flächenregelung mussten Abstände bei den Frisiertischen geschaffen werden.“ Dass er sich überhaupt noch einer solchen Nachfrage erfreuen könne, verdanke er vor allem der Buchungen im Damensalon. Ähnlich die Lage bei Jens Müller in Verden. „Zumindest für die nächsten Wochen sind nur noch wenige Termine frei.“

Lockdown hinterlässt bei Friseuren seine Spuren

Insgesamt aber hinterließ der Lockdown seine Spuren, wie eine Reihe von Friseuren bestätigen. Und plötzlich bewahrheitet sich, was die Politik schon vor der überraschend eiligen Wiedereröffnung ahnte und woraufhin sie handelte: Das Mähnenproblem drückte. „Zurzeit verschwinden die Kunden im Obergeschoss“, hieß es damals, „künftig halten sie im Salon wenigstens die Hygiene- und Abstandsregeln ein.“ Eine Flucht nach vorn, aber leider von der tatsächlichen Entwicklung schon wieder überholt. „Im langen Lockdown haben sich neue Strukturen gebildet“, beobachtete Papazoglu, „die sogenannte Freundschaft zu Friseuren, sie besteht in vielen Fällen weiter.“ Im Klartext: die Schwarzarbeit.

Und so türmen sich die Probleme. Neben dem neuen Fremdeln der Kunden stelle er einen Trend zur langen Haarpracht fest, gern auch zum Zopf, auch bei Männern. Außerdem fallen die Anlässe weg, die sonst zum zwischenzeitlichen Friseurbesuch führten, die Feste zum Beispiel, die Urlaubsreise. Und auch die aktuelle Finanzhilfe sei nicht im erwarteten Umfange geflossen. „Das kann bei vielen an die Substanz gehen“, sagt Papazoglu. Er sei froh, so der Achimer, dass er auf eine 30jährige Firmengeschichte vertrauen könne, er sei dankbar, dass ihm die Stammkunden die Treue hielten. Aber ungeschoren sei er nicht davon gekommen. 27 Beschäftigte sind an den beiden Standorten in Posthausen und Achim im Einsatz. „Die meisten sind inzwischen in den Salon zurückgekehrt.“ Acht befänden sich aber immer noch in der Kurzarbeit. Und zwei davon haben, so bitter es sei, zwei haben gekündigt und sich anderweitig orientiert. „Sie konnten von den Hilfsgeldern nicht leben.

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