Kulturschock durch Migration / Themenabend der Selk / Adrian Giele und Teuta Dushkaja berichten

Fremdheitserfahrung kann jeden treffen

Teuta Dushkaja erzählte von ihrer Arbeit mit Flüchtlingen.

Verden - „Kulturschock durch Migration – wenn Lebensweisen aufeinandertreffen“, unter dieser Überschrift lädt die Ev.-Luth. Zionsgemeinde (Selk) Ende Oktober zu drei Themenabenden ein. Beim Auftakt am Dienstag berichteten Adrian Giele vom katholischen Familienzentrum St. Josef und Teuta Dushkaja, Lehrerin an den BBS Verden, von ihren Erfahrungen und Begegnungen mit Geflüchteten.

Adrian Giele erklärte zunächst, was unter dem Begriff „Kulturschock“ eigentlich zu verstehen ist. Demnach erleben Migranten in der Zeit der ersten Orientierung zunächst eine Phase der Euphorie. Dann folgt die Ernüchterungsphase, die häufig von Orientierungslosigkeit begleitet wird. Die dann folgende Einigelungsphase ist von Gefühlen der Fremdheit und Isolation geprägt. Nach einiger Zeit kommt es zur Besserung, die Fremdheitsgefühle nehmen ab, der Mensch lebt sich in der fremden Kultur ein. Dieses kann aber wiederum zur Folge haben, dass nun die eigene Kultur abgelehnt wird. Der Kulturschock trifft aber nicht nur Geflüchtete, diese „allgemeine Fremdheitserfahrung“ kann auch diejenigen treffen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Giele nannte drei Faustregeln, um mit kulturellen Unterschieden umgehen zu können: den eigenen kulturellen Hintergrund kritisch betrachten, Schwarz-Weiß-Denken vermeiden und und über Erfahrungen und Ängste sprechen.

Des Weiteren berichtete Giele von dem Art-Peace-Projekt „fremde heimat“. Die Zielgruppe sind Flüchtlinge und Einheimische, die sich auf den Weg machen möchten, ihrem Fremdheits- und Willkommensgefühl in Verden nachzuspüren. Mit Methoden aus Kunst und Theater sollen der interkulturelle Dialog und das gegenseitige Verständnis gefördert werden. Mittels Standbildern wurden die Gefühle ausgedrückt. „Ich fühle mich fremd“, steht unter einem Bild. „Viele Flüchtlinge haben Schwierigkeiten, mit den Bürgern in Kontakt zu kommen. Sie leiden unter der Anonymität in Deutschland“, hat Giele beobachtet.

„In Deutschland fühle ich mich zu Hause“, ist dagegen unter einem anderen Bild zu lesen. Besonders im Jugendzentrum und bei der Arbeitsagentur fühlte sich dieser Flüchtling gut aufgehoben. Fremdheitsgefühle können aber auch Deutsche treffen. Ein anders Bild zeigt eine Frau an einer Bushaltestelle, die sich unbehaglich neben einer Gruppe arabischer Männer fühlt, die sich lautstark in ihrer Heimatsprache unterhalten. „Eine fremde Sprache und fremde Gestik kann aggressiv wahrgenommen werden“, weiß Giele. Das Sprechen der Muttersprache vermittele aber ein Gefühl von Heimat. „Vielen fällt der Erwerb der deutschen Sprache schwer.“ Giele schloss mit einem Zitat des Soziologen Armin Nassehi: „Es ist eine komplexe Leistung, diese Fremdheit wegzuarbeiten.“

Adrian Giele erzählte von ihrer Arbeit mit Flüchtlingen. - Fotos: Haubrock-Kriedel

Anschließend berichtete Teuta Dushkaja von ihrer Arbeit mit Geflüchteten. Die 35-Jährige hat selbst einen Migrationshintergrund, floh in den 80er-Jahren mit ihren Eltern aus Mazedonien. Momentan unterrichtet sie im Rahmen des Sprach- und Integrationsprojekts Sprint an den BBS eine Klasse mit 17 Geflüchteten aus fünf verschiedenen Nationen. Das Projekt richtet sich an nicht mehr schulpflichtige Flüchtlinge von 16 bis 21 Jahren. Die Klasse besteht überwiegend aus männlichen Jugendlichen, es gibt nur eine Schülerin. „Ich wurde als deutsche Frau von den jungen Männern zuerst nicht als Lehrerin wahrgenommen, ich musste mir meinen Respekt erst erarbeiten“, so Dushkaja. Mittlerweile sei das Verhältnis zu den Schülern sehr gut. Das einzige Mädchen sei voll integriert. Auch über die Vorfälle in Köln in der Silvesternacht hat die Lehrerin mit ihrer Klasse gesprochen. „Ich habe den Begriff Demokratie erklärt, und dass Frauen sich hier anders kleiden dürfen. Meine Klasse hat das akzeptiert“, betonte Dushkaja. Der Zusammenhalt sei sehr gut, Rivalitäten gebe es nicht. „Sie haben keine Angehörigen hier, sie sehen die Klasse als Familienersatz.“  J ahk

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