Corona-Stress äußert sich durch mehr Gewalt in den Familien

Frauenhilfe am Limit

22 Menschen im Landkreis werden aktuell wegen Covid-19 behandelt.
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22 Menschen im Landkreis werden aktuell wegen Covid-19 behandelt.

Verden – Die Maßnahmen zur Eindämmung der Virusinfektionen mit geschlossenen Schulen und Kitas oder Folgen mit wirtschaftlichen Sorgen wegen Kurzarbeit oder Jobverlust haben den Stress in den Familien erhöht. Die schon lange befürchtete Zunahme von Übergriffen in dieser Situation wird jetzt unübersehbar. „Das Frauenhaus und die Biss-Beratung gegen häusliche Gewalt arbeiten in diesen Tagen der Corona-Krise am Limit“, berichtet Leiterin Ulla Schobert. Die Zuflucht für die Opfer und ihre Kinder ist voll belegt und die Beratungsstelle suchen mittlerweile doppelt so viele Frauen auf wie sonst.

„Beide Stellen sind sehr belastet“, sagte Ulla Schobert gestern auf Nachfrage. Mit unabhängig voneinander eingesetzten Teams hatten beide Einrichtungen versucht, ihre Hilfe in der Pandemie so coronasicher wie möglich zu machen. Das habe bislang auch ganz gut geklappt, resümiert Schobert. Aber jetzt könnten beide Teams gut noch tätige Unterstützung gebrauchen. „Nach den Anfängen, im April, stieg die Zahl der Frauen, die sich in der Biss-Stelle selbst gemeldet haben, um 30 Prozent. Ende Mai waren es 50 Prozent und jetzt haben wir doppelt so viele“, berichtet die Frauenhausleiterin. Der Effekt sei zunächst mit Verzögerung eingetreten. Schobert erklärt sich das mit einer Starre durch die völlig neue Situation in der Pandemie und natürlich, dass viele Frauen nach dem Shutdown keine Kontakte mehr hatten und „nicht mehr rauskonnten“ . In einem durchschnittlichen Jahr suchen 250 bis 270 Betroffene den Rat der Fachfrauen. „Vier bis fünf Meldungen in der Woche sind das“, berichtet Schobert. Jetzt geschehe das ein- oder zweimal am Tag.

Auch Polizeisprecherin Sarah Humbach bestätigt, dass die Ordnungshüter häufiger als sonst wegen häuslicher Gewalt zu Hilfe gerufen werden. „Einen Anstieg verzeichnen wir, allerdings ist es noch zu früh von einem Trend zu sprechen“, ist sie vorsichtig mit der Interpretation der internen Statistik. Es gebe immer Schwankungen und für eine sichere Aussage sei der Vergleichszeitraum zu kurz.

„Wir können nur zählen, was uns angezeigt wird“, erklärt die Sprecherin weiter. Gerade in diesen Fällen scheuten aber die Opfer häufig davor zurück, ihre Lebenspartner anzuzeigen. So müsse man damit rechnen, dass ihre Kollegen bei weitem nicht zu allen Vorkommnissen gerufen werden. Sarah Humbach appelliert deshalb auch an Freunde oder Nachbarn, vorsichtshalber die Ordnungshüter zu rufen, wenn sie fürchten, dass gerade geschlagen oder sonst Gewalt ausgeübt wird.

„Gleich zu Beginn der Krise haben wir uns mit der Polizei verständigt, dass in solchen Fällen vorzugsweise der Schläger von der Wohnung verwiesen werden sollte“, berichtete Schobert. So sollte verhindert werden, dass die Opfer und ihre Kinder nach Übergriffen plötzlich Obdach suchen müssten.

Auch wenn sie dann im Frauenhaus Zuflucht finden, gehe das nicht ohne Infektionsschutz. „Wir mussten bereits zwei zusätzliche Wohnungen anmieten, um genügend Unterkünfte bieten zu können“, berichtet Schobert. Die Apartments und ein abgetrennter Teil des Frauenhauses selbst dienen dann als Übergangsstation, wo die Frauen zwei Wochen wie in Quarantäne bleiben, bevor sie Räume in der Einrichtung beziehen können. „Einfacher macht das die Arbeit aber nicht“, merkt Schobert an. In der sowieso schon belasteten Situation seien die Frauen dort auch noch viel auf sich gestellt und benötigten viel Zuwendung.

Bewältigen können die Mitarbeiterinnen das alles nur mit einer Unzahl von Überstunden. Schon die Anmietungen bedrohen das Budget, an zusätzliche Mitarbeiterinnen sei gar nicht zu denken. Aber der Mangel sei ohnehin nicht einfach mit neuen Kräften zu beseitigen. Da sei neben der Aufarbeitung der persönlichen Probleme der Schutzsuchenden so viel Wissen über Rechte, wie dem Gewaltschutzgesetz, aber auch die verschiedenen Hilfsmöglichkeiten nötig. „Wir haben gerade in letzter Zeit auch richtig schwierige Fälle“, fasst Schobert zusammen.

In der hochbelasteten augenblicklichen Situation kann Ulla Schobert die gute Zusammenarbeit mit dem Landkreis schätzen. „Wenn ein Problem auftaucht, finden wir Ansprechpartner und Hilfe“, betont sie. Dies Verhältnis, und die vergleichsweise gute Ausstattung der Einrichtung, die ebenfalls im Wesentlichen dem Landkreis zu danken ist, ermöglichen eine Arbeit, die in anderen Einrichtungen kaum zu leisten wäre.

Von Ronald Klee

15 neue Infektionen in sieben Tagen. Die Entwicklung im Vergleich.

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