Neues Hochwasser-Kompetenzzentrum Verden errechnet Extrem-Lagen

Fluten von Dörverden bis Uphusen

Die Stadt Verden bei einem der  kleineren Zehn-Jahres-Hochwasser der Aller.
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Auch die kleineren Zehn-Jahres-Hochwasser wie jenes von 2011 pflegen weite Landstriche zu beanspruchen, hier die Aller mit Nord- und Südbrücke bei Verden.

Verden/Achim – Uphusen? Schade drum! Blender oder Hönisch? Am besten, schon mal eine Arche zimmern! Als das neue Hochwasser-Kompetenzzentrum (HWK) Verden die Ausmaße eines Supergau, pardon: eines Supergah, errechnete und anschließend in Blau auf eine Landkarte übertrug, da spätestens stand fest, im Landkreis Verden wird keine Gemeinde trockenen Fußes davon kommen, und die beiden Städte Achim und Verden ebenfalls nicht.

Muss niemanden sonderlich beunruhigen? Das haben die Menschen im Ahrtal auch geglaubt. Die Verdener Hochwasser-Behörde reagiert jetzt jedenfalls mit ersten Vorschlägen für ein Bändigen der Wassermassen, falls es denn zum größten anzunehmenden Hochwasser kommen sollte. In den Fokus geraten besonders die Flächen hinter den Deichen.

Und schon wimmelt es nur so vor Fachausdrücken. Retention heißt das Zauberwort, Wasserwirtschaftler bezeichnen damit nach Wolkenbrüchen das Abmildern von Flutwellen und in deren Folge Überschwemmungen. „Mit dem Retentionskataster liefert das Land Maßnahmen-trägern wie den Gemeinden, Städten und Landkreisen ein wichtiges Hilfsmittel für ihre Bemühungen um ein stetiges Verbessern des Hochwasserschutzes“, sagt die Direktorin des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), Anne Rickmeyer. Die Behörde ist Betreiber des im vergangenen Jahr gegründeten Verdener Kompetenzzentrums, in dem die von der EU geförderten methodischen und ingenieurhydrologischen Arbeiten zur Ermittlung der Suchräume für potentielle Retentionsflächen umgesetzt wurden.

Überschwemmungsgebiet Aller-Weser-Dreieck

Besonders viele Landstriche, auf denen sich das Wasser zusätzlich ausbreiten könnte, finden sich im Raum Verden/Achim. Das gesamte Aller-Weser-Dreieck gehört dazu, die westlichen Uferlandschaften der Weser zwischen Hoya und Bremen ebenfalls, außerdem die östlich der Weser gelegenen Wiesen und Äcker zwischen Dauelsen und Baden sowie im Bereich Bollen. Sogar im Nordkreis böten sich Ausdehnungsgebiete an, die Weiden nämlich zwischen dem Wümme-Südarm und der Eisenbahnlinie Hamburg_Bremer auf ganzer Länge zwischen Ottersberg-Bahnhof und Sagehorn kämen in Frage.

Jetzt also fix die Deiche zurücklegen, und schon wäre die Region auch vor Extrem-Hochwasser geschützt? „Jedes Erweitern der Hochwassergebiete würde helfen“, sagt Wilfried Seemann, der Leiter des Verdener Kompetenzzentrums, „aber es würde die Lage nur ein wenig, es würde sie nicht grundlegend entspannen.“

Das mit Abstand größte Risikogebiet Niedersachsens

Auch wenn Schluchten und Berge nicht unbedingt zum Landschaftsbild des Landkreises Verden gehören, eher gar nicht, hat die Region hochwassermäßig Karriere gemacht. Träfe der Fluten-Supergah ein, so erstreckt sich rund um die Mittelweser und die Allermündung das mit Abstand größte Risikogebiet Niedersachsens.

Die gigantische Fläche von Hodenhagen bis Stuhr, von Bruchhausen-Vilsen bis Achim, sie nimmt nicht zufällig Rekorddimensionen ein. Hier treffen eben die Wassermassen der beiden größten Ströme des Landes zusammen.

Wiederherstellung ehemaliger Flussauen

Behördenleiter Seemann schlägt allerdings nicht unbedingt ein Handeln ausgerechnet im Raum Verden/Achim vor. „In Richtung Oberlauf erschließen sich sowohl an der Weser als auch an der Aller ebenfalls denkbare Hochwassergebiete. Zum Beispiel bei der Schaffung von Poldern, bei der Wiederherstellung von ehemaligen Flussauen oder auch bei der Suche nach Ausgleichsflächen für andere Projekte.“

Riesiges Risikogebiet: Das neue Hochwasser-Kompetenzzentrum Verden der Landesbehörde für Wasserwirtschaft und Küstenschutz bildete den Einzugsbereich des Supergah ab, des größten anzunehmenden Hochwassers. Grafik: NLWKN

Unklar allerdings, in welcher Häufigkeit die unterschiedlichen Hochwasserstärken eintreten. Auch hier geht das Kompetenzzentrum wissenschaftlich vor, heißt, mit Fachausdrücken. Gemessen werden die Fluten in HQ, einer Formel aus Hoch(-wasser) und Abflusskennzahl Q. Den Supergah bezeichnen die Wasserwirtschaftler als HQextrem, was als sehr unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen gilt. Eine nächste Stufe heißt HQ100. Damit sind sogenannte Jahrhunderthochwasser gemeint. Diesen Maßstab wenden Deichverbände, aber auch Kommunen wie die Stadt Verden gegenwärtig an. Ein Szenario, das als wahrscheinlicher gilt, aber nicht zu dem Irrglauben führen darf, es trete in hundert Jahren nur einmal auf. „Möglich ist es immer mal wieder“, so Seemann.

Führt das neue Hochwasser-Kompetenzzentrum Verden: Wilfried Seemann.

Als noch schwieriger gilt die Einschätzung zukünftiger Entwicklungen. Eine erste Tendenz liefern die Klimabeobachter der Behörde: Hochwasser fallen in den nächsten Jahrzehnten nicht höher aus, aber sie treten häufiger auf. Auch nicht sonderlich beruhigend.

Von Heinrich Kracke

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