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Flüchtlingen droht Obdachlosigkeit

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Von: Ronald Klee

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200 von 600 Flüchtlingen im Landkreis Verden leben noch in den Wohnungen, die sie vor der Anerkennung bezogen haben.Sie müssen eigentlich ausziehen, aber der Wohnraum ist knapp, sie finden keine Bleibe.

Britta Wahlers steht in ihrem Garten.
Wohnraum für eine Flüchtlingsfamilie sucht die Verdenerin Britta Wahlers. © klee

Landkreis – „Es ist schrecklich, zu denken, dass im Grunde genommen etwa 200 Menschen in unserem Landkreis obdachlos sind, auch wenn sie noch eine Unterkunft haben.“ Britta Wahlers denkt an die geflüchteten Menschen im Landkreis, die mit ihrem anerkannten Bleiberechtsstatus eigentlich rechtlich nicht mehr in der Obhut des Landkreises sind. Sie beziehen Sozialleistungen und können zumindest theoretisch eine Arbeit aufnehmen. Sie gelten als eigenständig und müssten auch ihre Unterbringung, die Anmietung einer Wohnung, selbst regeln.

So weit die Theorie. „In der Praxis ist es für die Geflüchteten enorm schwer, eine Wohnung zu finden“, berichtet Britta Wahlers. Sie hat schon oft versucht, zu helfen. Und manchmal hat es auch geklappt, sie hat eine Wohnung für die Menschen gefunden, die bei ihr Hilfe gesucht haben. „Der Markt ist tatsächlich ausgereizt“, bestätigt die Verdenerin die Situation, die auch Landrat Bohlmann dem Sozialausschuss des Kreistags kürzlich geschildert hatte.

So richtig Sorgenfalten verursacht der Verdenerin die Lage einer Familie in Verden. Eigentlich ist es Politik der Sozialbehörde im Kreishaus, dass Flüchtlinge nicht die Unterkünfte verlassen müssen, wenn sie den Bleiberechtsstatus haben und keine Wohnung finden. Dem Ehepaar mit seinen vier Kindern ist es aber jetzt doch passiert. Zum ersten April müssen sie die Wohnung räumen. Grund, so das Schreiben, sei ein teilweise schlechter Zustand, der nicht behoben werden kann, wenn die Mieter dort leben.

Die ratlose Familie hatte sich mit der Bitte um Hilfe wie viele andere in den zurückliegenden Jahren an Britta Wahlers gewandt. In diese Rolle sei sie damals so reingerutscht, erklärt sie. Als der große Flüchtlingsstrom in die Bundesrepublik und eben auch in den Landkreis Verden kam, hatte sie sich aus ihrer Kirchengemeinde heraus, der Zionsgemeinde der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), wie viele andere um die Menschen gekümmert, die da ankamen. „Ich kam mit einer Gruppe aus Eritrea in Kontakt“, erinnert sie sich an die Anfänge. Und dies Kümmern hat bis heute angehalten. Die Mundpropaganda der Hilfesuchenden untereinander hat immer wiederdafür gesorgt, dass sie mit ihren Sorgen zu Wahlers kamen.

Mit der ehrenamtlichen Aufgabe verwachsen

„Das ist irgendwie meine Aufgabe“, beschreibt Britta Wahlers ihren Dienst an den Menschen. Sie macht das gerne und es tut gut, wenn sie helfen kann. „Die Dankbarkeit, die ich dann spüre, ist die Belohnung“, sagt sie. Mittlerweile ist sie mit ihrer ehrenamtlichen Aufgabe regelrecht verwachsen, und so war es auch eine Art Hilferuf, als sie sich nach einem Bericht über die Wohnraumnot in der Verdener Aller-Zeitung meldete, um von ihren Sorgen zu berichten.

Diese Sorge um die Verdener Flüchtlingsfamilie kann sie derzeit kaum abschütteln, und so durchsucht sie Mietportale, liest Anzeigen und versucht Vermieter zu finden und für ihre Schützlinge zu gewinnen. Aber: „Es ist nichts zu bekommen“, wiederholt sie und mit der Kündigung der Wohnung im Nacken wirkt sie ratlos.

Für die große Familie ist es natürlich besonders schwierig. Der Vater der Kinder habe einen Arbeitsplatz in Hoya, erzählt sie, und das Glück, dass er eine Mitfahrgelegenheit gefunden hat, mit der er die Firma erreichen kann. Der Lohn reicht aber nicht, sodass die Familie weiterhin einen Teil ihres Einkommens aus Sozialleistungen bestreitet. „Aufstocker“ heißen solche Bedarfsgemeinschaften im Jobcenter.

Der Landkreis hatte eine Lösung versucht, berichtet Wahlers. Aber die angebotene Wohnung in Otterstedt ging nicht. Der Job in Hoya wäre unerreichbar gewesen und die Kinder, die gerade in Verden anfingen, Fuß zu fassen, würden herausgerissen.

Wahlers betont, dass die Zusammenarbeit mit dem Leiter des Fachdienstes Soziales, Karsten Bödeker, und seinen Mitarbeitern bisher konstruktiv war, aber die Abteilung sei an eine Grenze gestoßen. Regelmäßig, so hatte Bödeker berichtet, kommen 40 bis 50 Flüchtlinge im Monat.

Wie meist die Empfänger von Sozialleistungen zählt auch die Flüchtlingsfamilie nicht zu den begehrtesten Mietern. „Und es gibt viele Bewerber“, betont Wahlers. Das mache es nicht leichter. Zumal es Wohnungen gebe, die eine so große Familie aufnehmen könnten. „Bei drei Zimmern gibt es schon rechtliche Grenzen, wegen Überbelegung“, sagt Wahlers. Und zu groß dürfe die Wohnung sowieso nicht sein, weil dann meist der Preis für die Regeln der Behörde zu hoch ist.

Jobcenter muss Okay zum Mietvertrag geben

Das Jobcenter müsse immer auch sein Okay zum Mietvertrag geben, berichtet Wahlers. Das allein sei schon so ein Problem, das sie in der Vergangenheit öfter eingeholt habe. Bis die Zustimmung auf das Angebot vorliege, das der Vermieter dann extra anfertigen müsse, könne die Wohnung vergeben sein. Manchmal ist es denn auch die Bürokratie selbst, die den Geflüchteten und ihren Helfern das Leben schwer macht. „Anfangs waren da viele, die sich eingesetzt haben. Mittlerweile haben sich einige frustriert zurückgezogen“, weiß Britta Wahlers.

Sie erinnert sich an ein Schreiben, das während des Lockdowns an ein Kleinkind gerichtet war. Ihm sei darin eine Ordnungswidrigkeit vorgeworfen worden, weil die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert worden sei. Hintergrund war offenbar, dass die Formalität in der Ausländerbehörde wegen des Corona-Stillstands über Wochen liegengeblieben war. Die aufgeregten Eltern befürchteten, dass ihr Kind abgeschoben würde. „Das war mal eine Sache, bei der ich schnell beruhigen und helfen konnte“, erzählt Wahlers.

Helfer sind oft Einzelkämpfer, manche geben frustriert auf

In Verden seien die Helfer, die sich wie sie kümmern, oft Einzelkämpfer. Einen Flüchtlingsrat oder eine Organisation wie „Ankommen in Thedinghausen“ gebe es nicht. Wahlers weist aber auf das DRK und die Stadt Verden hin, die Ehrenamtliche unterstützen. „Es gab bis zur Pandemie auch Veranstaltungen, organisiert von der Beauftragten der Stadt Verden, Mareike Tari, zum Austausch, auch Vorträge zu relevanten Themen. Ebenso beim Roten Kreuz.“ Die Pandemie habe dann auch hier vieles verhindert. Die Sprachcafés etwa, die immer einen Austausch zwischen den Ehrenamtlichen ermöglichten. „Die Arbeit der Integrationsberatung beim DRK und auch beim diakonischen Werk möchte ich ausdrücklich loben! Da sind Leute mit viel Herz und Engagement dabei!“

Für den Fall, dass jemand ihr bei der Wohnungssuche für die Verdener Flüchtlingsfamilie helfen kann, ist sie unter der E-Mail-Adresse Familie.verden@outlook.com zu erreichen.

Von Ronald Klee

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