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„Die Turbinen sind Häckselmaschinen für den Aal“

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Von: Heinrich Kracke

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Mann mit Schale am Wasser.
Inzwischen ein wiederkehrendes Bild: Aale werden in die Weser gelassen, hier Glasaale. Am Sonnabend folgt eine nächste Aktion. © Bartz

Drama um die Aale in der Weser: Die Fischereigenossenschaft Verden erhebt schwere Vorwürfe gegen die Betreiber der Wasserkraftwerke. „Die Turbinen sind Häckselmaschinen“, heißt es.

Verden/Achim – Gerd Schröder ist ein Mann der klaren Worte. Als Samtgemeindebürgermeister in Thedinghausen schon, jetzt als Vorsitzender der Fischerei-Genossenschaft Verden. Und da treibt ihn der Aal um, der Brotfisch der Weser, wie er sagt, und dessen Bestand im Strom. Gewachsen sei der Aal-Besatz in den vergangenen zehn Jahren deutlich, aber er liege längst noch nicht auf dem Stand früherer Jahrzehnte, und schon gar nicht auf dem Stand früherer Jahrhunderte. Und das hat Gründe. Oder vielmehr einen Grund, der sich mehrfach findet. Die Wasserkraftwerke und deren schwere Turbinen. Schröder: „Das ist kein grüner Strom, der da erzeugt wird, es ist roter Strom. Blutroter.“

Ein nächster ökologischer Sündenfall tritt damit im Landkreis Verden immer mehr in den Fokus. Allerdings sind auch die Wasserkraftwerke nicht untätig geblieben. Vor gut einem Jahrzehnt stellte die Statkraft mit Hauptsitz am Wehr in Dörverden und Ablegern an allen Wasserkraftwerken der Mittelweser auf ein „aalschonendes Betriebsmanagement“ um. „Das Aal-Frühwarnsystem Migromat besteht aus einem flusswasserdurchströmten Becken, in dem Aale gehalten werden“, sagt Axel Schröder von Statkraft in Dörverden. „Sobald sich die Aktivität der Aale im Becken messbar erhöht, steht eine Abwanderung der Flussaale bevor. Das Frühwarnsystem löst automatisch den aalschonenden Betrieb der Laufwasserkraftwerke aus.“ Dies sei im Migrationszeitraum der Aale von September bis ungefähr Februar der Fall. Ferner habe Statkraft weitere Maßnahmen ergriffen. Eine „fischfreundliche Turbine“ sei entwickelt und installiert, die Öffnungsgrade der Turbinen seien über die Jahre vergrößert worden und aktuell forsche das Unternehmen etwa an einem Abstiegssystem für Fische. Nach über zehn Jahren Betrieb ziehe Statkraft ein positives Fazit: „Über 98 Prozent der Aale schwimmen unbeschadet durch die Laufwasserkraftwerke von Statkraft auf ihrem Weg in die Nordsee.“

Der Fischereigenossenschaft genügen diese Maßnahmen nicht. Das Betriebsmanagement sei zwar eingeführt, ob es irgendetwas bewirke, sei nicht bewiesen, sagt Schröder. Zweifel seien aus guten Gründen erlaubt. „Berufsfischer finden immer noch viele zerstückelte Aale in Reusen und Netzen.“ Seine Forderung deshalb: „Die Turbinen sind Häckselmaschinen. Sie müssen im Falle der Wanderungen komplett abgestellt werden.“ Denkbar sei darüber hinaus eine Lösung wie an Main und Mosel. „Da hat sich das Aal-Taxi etabliert. Der Fisch wird an den Wasserkraftwerken vorbeigebracht. Die Aktion wird von Kraftwerksbetreiber RWE bezahlt.“

An der Mittelweser habe sich der Betreiber noch nicht in die Pflicht nehmen lassen. Ein Transport finde in begrenztem Umfange dennoch statt. Schröder: „Berufsfischer beginnen damit, die Aale zum Teil schon vor Hameln abzufangen und sie bei Dedesdorf an der Unterweser wieder einzusetzen.“ Rund viereinhalb Tonnen Fisch seien auf diese Weise gefahrlos in Richtung Nordsee gelangt.

Eine nächste Maßnahme sei das Zuführen von Jungtieren. Schon im März landeten mehr als 300 000 Glasaale für 34 000 Euro in Weser, Aller und Eyter. Kommenden Sonnabend wird mehr als eine Tonne Farmaal den Fluten in Eissel und Uesen übergeben. Diesmal knapp 300 000 Exemplare zum Preis von knapp 75 000 Euro, die zu großen Teilen von der EU und dem Land Niedersachsen gefördert werden, aber auch die Vereine buttern in diesem Jahr erhebliche Eigenmittel in den Brotfisch. Alles keine zu vernachlässigenden Minderheiten, die sich hier stark machen. Im Kreis Verden seien bemerkenswerte 7 300 Angelscheine ausgegeben, so Schröder.

Und längst nicht das erste Mal, dass Jungtiere der Weser übergeben wurden. Die regelmäßigen Auffrischungen, zuweilen jedes Jahr, Auffrischungen, an denen sich auch Statkraft schon beteiligt hat, sie führten zu einer Erholung des Bestandes. Zwar hat niemand gezählt, was und in welcher Anzahl sich im Wasser tut, aber immerhin liegen Fangzahlen des Speisefisches vor, was als Beleg für dessen Verbreitung herangezogen werde. Demzufolge wurden vor zehn Jahren rund 3,3 Tonnen pro Jahr im Landkreis Verden gefangen, aktuell sind es schon 5,2 Tonnen, davon 2,4 Tonnen durch Berufsfischer. Die Zahlen lägen inzwischen deutlich über den Werten etwa der 80er-Jahre (1987: 3,7 Tonnen), damals, als die Weser noch unter den Salz-Abwassern der Kali-Werke in der Ex-DDR litt. An ursprüngliche Werte gelange sie aber längst noch nicht.

Zwar trage der Aal zum ökologischen Gleichgewicht in der Weser bei, er halte den Bestand anderer Fischarten im Zaum, er ernähre sich unter anderem von der eingewanderten Schwarzmundgrundel, aber am wichtigsten sei weiterhin seine Funktion als Speisefisch. Hauptsächlich als Räucheraal komme er auf den Tisch. Ein Vergnügen allerdings, das inzwischen ins Gerede gekommen ist. Vor allem Schwermetalle aus dem Harz-Bergbau, immer noch nicht ausgespült, nehme der Aal auf. In Bremen hieß es vergangenes Jahr schon, der Fisch sei mit Vorsicht zu genießen. Der Fischereiverbands-Vorsitzende reagiert gelassen: „Alles unterhalb der Grenzwerte. Da müsste man schon jeden Tag ein Pfund Aal zu sich nehmen, um irgendwelche Nebenwirkungen zu spüren.“

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