Filmreife Geschichte und Kulisse

Beeindruckende Kulisse am Verdener Bahnhof: Das ehemalige Kraftfutterwerk von Anton Höing.
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Beeindruckende Kulisse am Verdener Bahnhof: Das ehemalige Kraftfutterwerk von Anton Höing.

Wer sich per Bahn von Norden Verden nähert, dessen Blick bleibt, kurz vor dem Bahnhof, an einem mächtigen Gebäudekomplex hängen. Turmhoch ragen die Silos des ehemaligen Kraftfutterwerks Anton Höing in den Himmel. Wie gemacht für eine Filmkulisse. Die Geschichte des Unternehmens würde sogar den Stoff dafür bieten. Der Verdener Friedrich Brinkmann war über ein Jahrzehnt Prokurist der Firma und erinnert sich an viele Details. In vier Teilen erzählt er davon.

Verden – „Gebaut für die Ewigkeit.“ Friedrich Brinkmann blickt auf das Bild, das ihn über Jahrzehnte begleitet hat. Es ist eine Luftaufnahme, die das ehemalige Futtermittelwerk Höing zeigt. Jeder Verdener kennt den Komplex, aber auch jeder Zugreisende, der nach Verden kommt oder durch Verden fährt. Direkt am Gleis ragt das Bauwerk senkrecht in den Himmel. „Stahl und Beton, um das abzureißen, müsste gesprengt werden. Das traut sich keiner, und die Bahn würde dem sicherlich auch nicht zustimmen“, so Brinkmann. Eher düster, aber auch ein bisschen bunt die Fassade, Spuren eines mühsamen Versuchs, etwas Farbe auf den grauen Beton aus der Vergangenheit zu bringen.

Der Verdener Friedrich Brinkmann kennt auf dem Gelände jede Ecke. Insgesamt 32 Jahre, mit einer kleinen Unterbrechung, hat er für das Unternehmen gearbeitet, 20 Jahre davon als Prokurist.

Höing, so erzählt Brinkmann, kam im Jahr 1919 nach Verden. „Seine eigene Firma gründete er 1921 an der Lindhooper Straße“, weiß Brinkmann. Die Firma wuchs und brauchte mehr Platz. Das Gelände an der Bahn passte offensichtlich in Höings Konzept. Ursprünglich der Sitz einer Brauerei, schlug der Kaufmann zu, als das Areal 1931 zum Verkauf stand. „Für Verden war die Ansiedlung damals sicherlich ein Glücksfall, sollte sich Höing doch zum größten Arbeitgeber in den kommenden Jahrzehnten entwickeln“, erzählt Brinkmann.

Schon als Kind stand Brinkmann staunend vor den großen Silos. „Dass ich da mal arbeiten würde, war aber damals noch kein Thema.“ Krieg herrschte, der Unternehmer Höing selbst, so wusste Brinkmann, musste nicht an die Front. „Futtermittel wurden gebraucht, also war der Geschäftsmann unabkömmlich“, hieß es damals.

Brinkmann besuchte zu der Zeit die Schule, erst die Grundschule, dann die Verdener Mittelschule. Abitur machen, das kam damals noch nicht infrage. „Die Plätzen an den Verdener Gymnasien waren begrenzt und begehrt.“ Brinkmann wusste aber mit Zahlen umzugehen. Rechnen, die Mathematik, das war sein Ding. Auch später, in der Berufsschule. Die Hoffnung auf eine Lehrstelle nach der Schulzeit, Ende 1949, nur wenige Jahre nach Kriegsende, war eher gering. „Wer eine bekam, der konnte sich glücklich schätzen, und als ich die Zusage von Höing in Händen hielt, war die Freude natürlich groß. Da habe ich sofort zugegriffen.“

Der Azubi-Brinkmann verstand sich mit dem Unternehmer Höing bestens. Das Geschäft selbst entwickelte sich in den Jahren prächtig. Höing bezahlte gut, die Produktion des Futtermittels wuchs auf jährlich bis zu 30 000 Tonnen. „Angestellt waren in dem Unternehmen circa 300 Mitarbeiter“, erinnert sich Brinkmann.

Dicht an den Bahngleisen, war das Unternehmen mit einem direkten Gleisanschluss in der Lage, per Schiene das Kraftfutter auf den Weg zu den Kunden zu bringen. Aber nicht nur Güterzüge rollten. „In den Anfängen, bis Anfang 1960, haben wir über die Aller an- und abgeliefert“, weiß Brinkmann. Was zur Produktion notwendig war, kam an der Nordbrücke an, meist ein Lastkahn aus Celle von der dortigen Ratsmühle. „Da gab es damals, wo dann die Stadtwerke und heute die Lebenshilfe untergebracht sind, einen Kran, der die Ware löschte, die dann per Lkw ins Werk gefahren wurde.“

Viel spannender war für den jungen Azubi allerdings die Verschiffung des Futtermittels am Verdener Bollwerk. „Die Sackware wurde ebenfalls mit unseren Lastwagen angeliefert.“.Spektakulärer war für den jungen Mann allerdings, wenn der Chef ihn anwies, die Fahrt mit dem Auto zu begleiten. „Bei uns auf dem Hof der Firma stand ein Opel 49. Für mich war es das größte Erlebnis, mit dem Auto durch die Stadt zum Bollwerk zu fahren. Wer konnte das schon, damals in den 1950er-Jahren“, lacht Brinkmann. Unten am Bollwerk wartete bereits der Lastkahn. „1000 Tonnen Futtermittel als Sackware rollten über das Laufband in den Bauch des Schiffes“, erzählt Brinkmann.

Fortsetzung und Teil 2:

Drei Briefbomben: Zwei Tote und ein gescheitertes Attentat in Verden im Jahr 1951 sorgen bundesweit für Entsetzen.

Von Markus Wienken

Viele Erinnerungen an das Höing-Unternehmen: Friedrich Brinkmann machte seine Ausbildung in dem Betrieb und war Prokurist des Unternehmens.

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