Vortrag im Domherrenhaus

Fesselnde Schicksale: Zwangsarbeit in Verden

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Arbeitskarte der achtjährigen polnischen Zwangsarbeiterin Janina Kschikschafa, die ab Sommer 1943 beim Verdener Landwirt Plahs (heute Niederlassung der Deutschen Bank am Rathausplatz) beschäftigt war.

Verden - Müdigkeit oder Langeweile kamen beim DOZ-20- Vortrag von Dr. Joachim Woock im Domherrenhaus nicht auf. Das Schicksal von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen in Verden fesselte auch nach mehr als zwei Stunden detailreichen Vortrags. Eine Vielzahl von Fotos und Dokumenten machte die Ereignisse gegen Ende des Zweiten Weltkriegs anschaulich.

Woock verwies in diesem Zusammenhang auf die Aussage des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck aus dem Jahre 2016, der im Hinblick auf die Massenverbrechen von einem „Erinnerungsschatten“ sprach. Der Referent war vor längerer Zeit eher zufällig auf das in Verden völlig verschüttete Thema gestoßen. 

Der Lehrer an den BBS machte ehemalige Zwangsarbeiter in Polen und der Ukraine ausfindig und besuchte sie in den Jahren 1989 bis 1991 mit einigen seiner Schüler. Ab 1993 initiierte er zwei Begegnungen mit ehemaligen Zivilarbeitern aus Belgien, Polen, Brasilien und der Ukraine. Das Projekt unter der Schirmherrschaft des Landkreises Verden war damals das erste Projekt dieser Art in der Bundesrepublik.

Mahnmal wird neu hergerichtet

Woocks Initiative hatte dann auch dazu geführt, dass am 9. November 2003 ein alter Reichsbahn-Güterwagen als Mahnmal „Zwangsarbeit im Landkreis Verden“ an den BBS eingeweiht werden konnte. Das bei einem Brandanschlag schwer beschädigte Mahnmal soll bald vom Kreis-Netzwerk Erinnerungskultur neu hergerichtet werden.

Kriegsgefangene und KZ-Insassen seien zwangsweise nach Deutschland verfrachtet worden, berichtete Woock. Zivilarbeiter wurden dagegen mit Versprechungen und Propagandaplakaten angelockt. In den besetzten Gebieten Polens und der Ukraine rief das NS-Regime zur Mitwirkung am „Aufbau eines neuen, besseren Europa“ auf. 

Der mindestens siebentätige Transport in Viehwaggons der Reichsbahn habe dann schnell für Ernüchterung gesorgt. Die Stigmatisierung durch das Abzeichen, das sie tragen mussten, die bürokratischen und unwürdigen Praktiken bei der Verteilung auf die Arbeitsstellen hätten dann ein Übriges getan, berichtete Historiker Woock.

1944 befand sich im Deutschen Reich die ungeheure Anzahl von sechs Millionen Zivilarbeitern (davon 2,4 Milionen Frauen), zwei Millionen Kriegsgefangenen und 400.000 KZ-Insassen. Im Kreisgebiet waren 8.000 Zivilarbeiter und -arbeiterinnen dienstverpflichtet, davon in Verden mindestens 500.

Fast überall Zwangsarbeit

Fast jeder Handwerks- und Industriebetrieb beschäftigte Zwangsarbeiter, auch Kirchen und öffentliche Einrichtungen. Zur Unterbringung wurden sie in „Gemeinschaftslagern“ zusammengepfercht. 130 etwa mussten in einer Baracke der Firma Oscar Schmidt in der Nassen Straße hausen, 55 Polen und Russen in einer Holzbaracke in der Allerstraße am Verdener Hafen, weitere 50 in der Herberge zur Heimat in der Ritterstraße und anderen Orten. 

Neben den „Fremdarbeitern“ war auch ein halbes Dutzend Arbeitskommandos von Kriegsgefangenen, jeweils etwa 40 Mann in Verden, die im Straßen- und Tiefbau auf Baustellen in Dörverden, Langwedel und Etelsen arbeiten mussten.

Weitergehende Informationen zur Zwangsarbeit im Landkreis Verden sind auf Woocks Homepage zu finden: www.regionalgeschichte-verden.de.

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