Am Feiertag und Silvester versorgen die ehrenamtlichen Mitarbeiter Bedürftige mit Essen und Lebensmitteln

Verdener Tafel auch an Heiligabend

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Gisela Görtz, Gisela Below und Reinhard Wadas sortieren Süßigkeiten für jeden Tafelgast.

Verden - Schon im September lagen die ersten Schokoladenweihnachtsmänner in den Regalen, und in den Einkaufshäusern wird man seit Wochen von kaufwütigen Menschen überrannt. Aber es gibt auch Menschen, die sich kaum ihre Lebensmittel leisten können.

Alleine 1000 Personen – knapp ein Drittel sind Kinder – werden aktuell von der Verdener Tafel mit Lebensmitteln und teils auch mit einem warmen Mittag- essen versorgt. Es geht um Menschenwürde und um ein lebenswertes Dasein. „Was wir hier hören, damit könnte man ganze Bücher füllen“, sagt Gisela Bruns, langjährige ehrenamtliche Mitarbeiterin bei der Verdener Tafel. Bruns weiß, dass die meisten Tafelgäste ihre soziale Not nicht selbst verschuldet haben, und sie ist überzeugt davon, dass es jeden treffen kann. Das sind zum einen Witwen, die sich von ihrer kleinen Rente kaum „über Wasser halten“ können. Aber auch Flüchtlinge und Asylanten oder sozial benachteiligte Menschen haben manchmal nicht mehr als 200 Euro für Essen und Kleidung im Monat übrig.

Für solche Menschen wurde 1997 die Verdener Tafel gegründet, deren ehrenamtliche Helfer werktags im Tafelhaus in der Ulanenstraße warme Mahlzeiten zubereiten und Lebensmittel an berechtigte Mitbürger verteilen. „Auch am Heiligen Abend und an Silvester lassen wir unsere Leute nicht im Stich“, sagt Reinhard Wadas, Vorsitzender des gleichnamigen Vereins. Die Tafel habe an beiden Tagen geöffnet und wenn auch nicht gekocht werde, so würden doch Lebensmittel verteilt. „Für uns sind Heiligabend und Silvester Arbeitstage wie jeder andere auch. Wir haben nur an den Feier- und Sonntagen geschlossen“, so Wadas weiter.

Die Tafel ist aus dem Verdener Alltagsgeschehen nicht mehr wegzudenken und fest etabliert. Seit vielen Jahren werden auch im Wohngebiet Hoppenkamp Lebensmittel und frische Milch an Dutzende bedürfte Familien verteilt. Doch aller Akzeptanz zum Trotz, stellen die Mitarbeiter noch immer Hemmschwellen bei der Inanspruchnahme des Angebots fest. Denn die Zahl derer, die das Angebot nutzen, liegt weiter unter der Zahl derer, die aufgrund ihrer Einkünfte berechtigt sind. „Man schämt sich halt“, bestätigt ein älterer Herr, der den mitgebrachten Leinenbeutel bereits gefüllt bekommen hat: Mandarinen, Bananen, ein Kopf grüner Salat, Joghurt, Brot und Würstchen. „Das werde ich mir schmecken lassen“, sagt der Mann, der nur eine kleine Erwerbsunfähigkeitsrente bezieht. „Das Geld reicht hinten und vorne nicht.“

Ähnlich geht es einer Mittvierzigerin. Sie ist Hartz-IV-Empfängerin und hat drei Kinder zu versorgen. Seit einem halben Jahr kommt die Frau aus dem Ortsteil Dauelsen zum Ausgabetag. In zwei Taschen hat sie ihre Lebensmittel gepackt, darunter auch Joghurt, Obst und Brot. „Damit kommen wir ein paar Tage hin. Weil ich Schulden habe, bleibt einfach zu wenig Geld zum Leben.“ Eine andere jüngere Frau nimmt zum ersten Mal die Hilfe der Verdener Tafel in Anspruch. Sie hat, wie alle, die hier Lebensmittel bekommen, ihre Berechtigung nachgewiesen und nun Früchte, Joghurt, Gemüse und Brot in ihre Einkaufstasche gepackt. „Es fällt mir schwer hier zu sein. Ich schäme mich schon ein bisschen und hoffe, dass mich niemand erkennt.“

Ein 14 Monate altes Kleinkind wartet zu Hause auf die Mama, außerdem zwei Jungs, sieben und acht Jahre alt. Weihnachten? Was ist das?“, fragt die Mittdreißigerin, die weder ihren Namen noch ihren Wohnort nennen will, da niemand weiß, dass sie zur Tafel geht. „Weihnachten fällt bei uns ganz klein aus. Wir gehen zwar in die Kirche und haben auch einen kleinen Weihnachtsbaum, aber ein Geschenk bekommen nur die Großen. Die Kleine weiß ja nicht, dass Weihnachten ist.“ „Hierher kommt keiner, wenn er nicht unbedingt muss“, vermutet Wadas. Die Scheu, Hilfe anzunehmen und sich einzugestehen, dass das Geld vorne und hinten nicht reiche – sei alltäglich.

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