Eltern und Schulleiter auf Distanz

Verden und Achim: Scharfe Kritik an Selbsttests für Schüler

Schüler mit Test-Stäbchen in der Nase.
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Schüler sollen ab dieser Woche kostenlose Schnelltests selbst durchführen. Das stößt im Landkreis Verden und zwölf weiteren Regionen auf scharfe Kritik.

Der Schnellschuss des niedersächsischen Kultusministers gerät zum Boomerang. Gegen den Selbsttest für Schüler regt sich im Raum Verden/Achim und zwölf weiteren Regionen in Niedersachsen scharfer Widerstand.

Verden/Achim – „Alles sehr unglücklich“, urteilt ein Schulleiter. „Es regt sich Widerstand“, heißt es aus Elternkreisen. Massiven Gegenwind erntet der Selbsttest für Schüler, der ab der dieser Woche auf freiwilliger Basis flächendeckend an den Lehreinrichtungen auch im Landkreis Verden möglich ist. Sowohl der bürokratische Aufwand als auch der Schnellschuss-Charakter stoßen auf Unverständnis, gelinde gesagt. Und der Umgang mit eventuell positiv getesteten Schülern sowieso.

„Eine durchstrukturierte Organisation gibt es nicht. Ich konnte mir bisher nicht vorstellen, dass wir in einem Land wie Deutschland so schlecht organisiert sind.“ Barsche Worte findet beispielsweise der Schulleiter des Achimer Cato-Gymnasiums, Dr. Stefan Krolle, für den Umgang mit der Pandemie und jetzt eben für den Selbsttest an Schulen, über den er per Mail aus dem Kultusministerium informiert wurde. Jenes Paket aus Hannover, das nicht weniger als 14 Anhänge mit allen denkbaren Details enthält, aber die Schulen im Unklaren lässt, welche Form der Selbsttest sie erhalten, und überhaupt, und ob nicht nach Ostern zwar vielleicht ebenfalls Selbsttests ausgeliefert werden, diese aber von einem anderen Hersteller sein können.

Er habe, sagt Krolle, die Informationen „schulscharf“ an Schüler, immerhin 1289 an der Zahl, an Eltern, an Lehrer, an schulbegleitende Mitarbeiter, er habe es weitergeleitet. Ordnungsgemäß. Alles weitere lasse er auf sich zukommen. „Ich will erstmal die Kiste mit den Tests hier haben“, sagt Krolle, „dann zeige ich sie den Lehrern.“ Bevor Schüler unter Lehreraufsicht mit dem Stäbchen in der Nase herumrudern, hätte er noch Fragen. „Wie ist es um den Haftungsausschluss bestellt?“, ist eine davon. Und warum bei den umfangreichen Hygiene-Auflagen, die sonst so gefordert sind, warum es da genüge, die gebrauchten Schnelltests lediglich in einer „nichtzerreißbaren“ Plastiktüte zu entsorgen, erschließe sich ihm ebenfalls nicht.

Unterschiedlich reagierten einer Umfrage von Kreiselternratsvorsitzender Silke Garbelmann die Eltern der Schüler. Von „einem Versuch ist es wert“ bis zur völligen Ablehnung war alles dabei. Eine Mehrheit allerdings favorisierte die Variante, den Test wie bei Grundschülern zu Hause durchzuführen und bei positivem Ergebnis die Betroffenen gleich einem PCR-Test zu unterziehen. Sie unterstütze ein solches Vorgehen, so Garbelmann. „Die Proben werden im vorderen Nasenbereich genommen. Das Ergebnis ist sehr unzuverlässig. Das kann schnell zu einer Problemwelle führen.“

Sie wolle sich den Fall einer Positivtestung gar nicht ausmalen. Da werde der betroffene Schüler aus der Klasse ins Medizinzimmer geführt, müsse dort warten, bis ein Elternteil eintreffe, und werde dann aus der Schule geführt. „Fehlt nur noch Teeren und Federn.“ Schon der Testvorgang an sich sei unausgegoren. „Da werden die Schüler, die eine Einverständniserklärung der Eltern mitbringen, vor die Klasse gebeten, und prökeln vor allen anderen in ihrer Nase herum?“

Die breite Front im Landkreis Verden gegen die Landes-Initiative ist kein Einzelfall. „Am Donnerstag-Abend haben Elternschafts-Vorsitzende aus 13 Kreisen online getagt“, sagt Silke Garbelmann, „das Ergebnis fiel einhellig aus: Abgelehnt!“ Und die Begründung auch: „Der Selbsttest gehört nicht in die Schule. Lehrer sollen lehren.“ Sie, Garbelmann, gehe davon aus, diese Version des Selbsttests scheitere an der Realität.

Von Realität ist in der kreisweit größten Schule noch überhaupt nicht die Rede. Nicht weniger als 3150 junge Leute wollen an der BBS Verden von den rund 170 Lehrkräften und 30 schulbegleitenden Mitarbeitern angeleitet werden. „Das ginge ja noch“, sagt Schulleiter Stefan Frese: „Aber die Dokumentation ist das Problem.“ Das Einverständnis müsse nicht nur vorliegen, sondern auch niedergeschrieben sein, das verweigerte Einverständnis ebenfalls, dann das Ergebnis des jeweiligen Tests, und alles habe anonymisiert nach Hannover übermittelt zu werden. Frese macht nur noch in Ironie: „Das passiert, damit der Wert X aus dem Test in Relation zu Y aus den Einverständniserklärungen und Z aus den Nichteinverständniserklärungen gesetzt werden kann.“

Er wolle sich wenigstens dafür einsetzen, den Papierkram so papierlos wie möglich zu gestalten, wenigstens das, so BBS-Leiter Frese. Die bürokratische Informationsflut an die Eltern mit einer unübersichtlichen Anzahl an Anhängen wolle er dabei noch gar nicht mal thematisieren. Elternratsvorsitzende Garbelmann hätte aber auch dafür eine Lösung: „Ein Youtube-Video hätte es auch getan.“

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