Kindheit ist keine Krankheit / Fachvortrag von Dr. Michael Hauch

Es fehlt die Leichtigkeit

Kinderarzt Dr. Michael Hauch aus Düsseldorf referierte im vollbesetzten Kreistagssaal. - Foto: Haubrock

Verden - Bei immer mehr Kindern wird heute eine Entwicklungsstörung festgestellt, eine Ergotherapie oder die Behandlung beim Logopäden ist fast schon normal. Doch ist das wirklich immer notwendig?

Dr. Michael Hauch, seit über 20 Jahren niedergelassener Kinderarzt in Düsseldorf, sagt eindeutig nein. „Kindheit ist keine Krankheit“, lautete der Titel seines Fachvortrags, zu dem die Familienwerkstatt Landkreis Verden, der Fachdienst Jugend und Familie und die Fokus Sozial- und Dienstleistungs gGmbH am Mittwoch in den Kreistagssaal eingeladen hatten. Dass dieses Thema viele bewegt, zeigte die Teilnehmerzahl, der Saal war voll besetzt.

„Die Erziehung findet mit Blick auf die Zukunft statt, doch was ist wichtig für morgen?“, fragte Hauch zu Beginn. Dadurch, dass die Welt unübersichtlich geworden sei, verändere sich auch der Blick auf die Kinder. 2015 hätten 10,9 Millionen Kinder 25 Millionen Therapieeinheiten bekommen. 40 Prozent der Jungen und 30 Prozent der Mädchen bekommen in den ersten 15 Lebensjahren eine Form der Heiltherapie. „Viele Eltern kommen ohne Kind in meine Praxis und wollen eine Verordnung für eine Therapie, damit das Kind der Norm entspricht. Ich bin quasi der Rezeptautomat“, berichtete der Arzt.

Ein Kind sei heute häufig die einzige Konstante im Leben der Eltern. „Das Kind muss gelingen, es steht daher von Anfang an unter Beobachtung.“ Oft seien Eltern überfordert und verunsichert und kämen daher voller Angst in die Praxis, wenn der Nachwuchs schreit oder nicht durchschläft. Auch würden Müttercafés und Krabbelgruppen in regelrechte Wettbewerbe ausarten, wessen Kind am meisten kann. Dazu komme, dass schon der Druck in der Kita groß sei. Erzieherinnen seien verpflichtet, Dokumentationsbögen zu führen. Passe ein Kind nicht in die Norm, folgte unweigerlich der Gang zum Therapeuten. Zu groß ist die Angst, etwas zu versäumen. Dabei sei die Therapie auch eine Belastung für Eltern und Kinder, die Eltern werden zu Co-Therapeuten.

Doch hält die Medizin, was die Ärzte versprechen? Was sagen die Tests aus und wer interpretiert sie? Hauch machte deutlich, dass Kinder sich individuell entwickelten. Auch seien sie oft nicht motiviert, wenn sie getestet würden. „Jedes Kind ist einzigartig mit individuellen Kompetenzen“, betonte Hauch. Außerdem gebe es keine Studien, die die Wirksamkeit der Therapien validieren. Der Mediziner berichtete von Kindern aus seiner Praxis, die Entwicklungsdefizite auch ohne Therapie aufholten, sobald sie Liebe und Zuwendung bekamen.

Laut einer Studie bereuen heute 20 Prozent der Väter und 19 Prozent der Mütter ihre Elternschaft. „Es gibt eine wachsende Anzahl von Eltern mit Beziehungsstörungen. Sie verlassen sich nicht mehr auf ihre Intuition, sondern blicken nur auf die Defizite“, erklärte Hauch. Durch den Anspruch „ich will das perfekte Kind“, fehle die Leichtigkeit und die Gelassenheit, abzuwarten. Zudem würden Gefahren weiträumig umschifft. „Ich sehe kaum Kinder mit aufgeschürften Knien in der Praxis.“ Die Eltern müssten auch nicht wie Animateure ständig Programm machen, Langeweile sei manchmal notwendig. Wichtiger als die Kinder zum Chinesischkurs und Kinderyoga zu kutschieren, sei Zeit miteinander zu verbringen. „Eltern müssen nicht perfekt, sondern authentisch sein“, betonte Hauch.

Das Allerwichtigste für ein Kind sei der Bindungsaufbau. Ein Vertrauensverlust in den ersten Monaten sei prägend für das ganze Leben. „Eltern brauchen mehr Vertrauen in die Welt des Kindes. Dann wird es seinen Weg finden. Vielleicht nicht als Rechtsanwalt oder Arzt, sondern als glücklicher Gärtner. Machen Sie ihrem Kind den Weg frei, aber planieren Sie ihn nicht“, riet der Mediziner. Zudem ermahnte er die Eltern, nicht nur an die Zukunft zu denken. „Kinder haben einen Recht auf den heutigen Tag und Kindheit ist keine Krankheit.“ - ahk

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