Andere Parteien versuchen es dezenter

FDP-Plakatierungswelle löst in Verden Debatte aus – „Ich finde es zum Kotzen“

Parteiplakate entlang einer Straße.
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Rotgelb, so weit das Auge reicht: Auch am Nordertorkreisel hat die FDP die Farbenhoheit übernommen. Andere Parteien stehen hier zwar ebenfalls mit ihren Plakaten, aber dafür muss der geneigte Autofahrer schon sehr genau hinsehen.

Verden – Plötzlich sieht Verden anders aus. Wo sonst vielleicht dunkelrote Häuserfassaden das Bild bestimmen, eventuell noch grünes Blattwerk oder gelbe und weiße Hinweisschilder, da ist zurzeit alles in ein gelbrotes Farbenmeer getaucht, pardon: in ein gelb-magenta-farbenes. Gefühlt jede Straßenlaterne, jeder Baumstamm, hält plötzlich für leuchtende Plakate her.

Die FDP beherrscht das Verdener Stadtbild im Sommer 2021. Gut vier Wochen vor der Kommunalwahl sind die Liberalen so frei, während alle anderen politischen Richtungen noch zaghaft reagieren, manchmal gewollt, wie sie sagen, manchmal äußeren Zwängen gehorchend, einer kaputten Druckmaschine zum Beispiel.

FDP verteidigt ihre Offensive

Die Freidemokraten verteidigen ihre Offensive. „Wir wollten auffallen, wir fallen auf“, sagt etwa Fraktionschef Henning Wittboldt-Müller. Jeder halt so, wie er es für richtig halte. Personalfotos bleiben im Kopf, argumentiert er. „Wenn der Wähler einen nicht sieht, wählt er einen auch nicht.“ Und das Kalkül, das dahinter steckt: „Wir wollen mindestens wieder drei Sitze im Stadtrat erringen, vier wären besser.“

Ganz anders die CDU. Zwar lächelt Andreas Mattfeldt den Autofahrern an allen Ecken und Enden zu, aber das ist Bundestagswahl, für die Kommunalwahl gibt man sich zurückhaltender. „Wir werden in den nächsten Tagen einige wenige Bauzaun-Plakatwände belegen, und uns in Ortschaften, in denen diese Möglichkeit nicht besteht, mit doppeltem Din-A-0 an die Wähler wenden, aber das ist es auch schon“, sagt Stadtverbandsvorsitzender Lars Brennecke. Auf Laternen-Plakate verzichte man bewusst, sagt Brennecke, das sei schon in der Bevölkerung positiv aufgefallen.

SPD: Wir wollen die Stadt nicht überschwemmen

Ähnlich die sozialdemokratische Denkweise. „Wir wollen die Stadt nicht überschwemmen“, sagt Eva Hibbeler. Bei der stellvertretenden Stadtverbandsvorsitzenden laufen die Wahlkampffäden zusammen. Wie schon vor fünf Jahren setze man auf Plakate mit allen Kandidaten, auf eigene Kopfplakate nach FDP-Muster verzichte die SPD bei der Stadtratswahl. Vor fünf Jahren seien noch mehr als 40 Kandidaten abgebildet, jetzt habe man sich auf 33 beschränkt. Den Vorwurf aus der Bevölkerung, die SPD agiere mit „Wimmelbildern“, auf denen nichts richtig zu erkennen sei, lässt sie nicht gelten. „Die Leute stehen davor und lesen es.“ An den Bauzäunen könne zudem mit größeren Motiven gearbeitet werden.

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Gemischte Gefühle begleiten die Strategie der Grünen. „Forscher sagen, Wahlplakate sind nicht wahlentscheidend, aber sie sorgen für Präsenz in den Köpfen“, sagt Fraktionschef Rasmus Grobe. Verständigt habe man sich deshalb auf eine Mischung mit Kopf, Namen und Slogan. Die ersten Zehn der Kandidatenliste seien auf den Grünen-Plakaten zu sehen, deren Name ebenso, und das Motto auch, das der jeweilige Aspirant verkörpere. „Priorität Klimaschutz“ heiße es da, oder „Radfahren besser machen.“

Die Freien Wähler wollen derweil mit Personen-Plakaten operieren, wie Kai Rosebrock, Gruppenchef von Freien Wählern und Linke, auf Nachfrage erklärt. Dies allerdings mit angezogener Handbremse. „Der Plakatwald kotzt mich an.“ 150 Standorte wolle die Partei bestücken. „Das muss reichen.“ Allerdings dauere es noch ein wenig. „Die Druckerpresse war kaputt, die Plakate werden zum Wochenende erwartet.“

Bei der Nachhaltigkeit sieht sich die CDU ganz vorn

Nachhaltigkeit spielt eine immer größere Rolle in den Wahlüberlegungen. Ganz vorn sieht sich die CDU. „Diesen Plakatwust machen wir nicht mit, bewusst nicht“, so Brennecke. Im Zwiespalt sehen sich die Grünen. „Früher gab es die Wahlwände. Das war die nachhaltigste Lösung“, so Grobe, „solange es keine Vereinbarung über Art und Umfang der Wahlwerbung gibt, sind die Plakate das einzige Mittel, sichtbar zu werden.“ Und selbst die FDP schafft den Spagat vom Plakatwald zur Nachhaltigkeit. „Als wir uns für die Porträts entschieden haben, ahnten wir ja, welches Echo wir auslösen“, so Wittboldt-Müller, „aber man darf nicht vergessen: wir haben keine Bauzäune, wir haben kein Mitteilungsblatt. Und im übrigen sind unsere Plakate aus recyceltem Papier, das wieder dem Kreislauf zugeführt wird. Darauf haben wir Wert gelegt“. Der Werbeetat sei jedenfalls, sagt Wittboldt-Müller, nicht höher als in früheren Jahren.

Tatsächlich streuen vor allem die großen Parteien ihre Broschüren flächendeckend im ganzen Stadtgebiet. Die SPD zum Beispiel. „Der Rotdorn ist schon vor vier Wochen erschienen“, sagt Hibbeler, „jetzt folgt noch ein Flyer mit unserem Wahlprogramm.“ Ein beträchtlicher Aufwand zur Bürgerinformation, der nur mit großer Man-Power zu bewältigen sei. „Das wird vorrangig von den Kandidaten an alle Haushalte verteilt.“ Sogar das Tapezieren der wiederverwendbaren Plakate werde in Eigenregie erledigt. Beim Etat bewegten sich die Sozialdemokraten auf dem Niveau früherer Wahlen. „Wir legen jedes Jahr von den Mitgliedsbeiträgen eine Summe zurück,“ so Hibbeler, „damit wir beim Urnengang nicht blank sind.“

An manchen Laternen ist kaum noch Platz. „Einfach die anderen Plakate hochschieben“, laute deshalb für Wahlkämpfer die Devise, heißt es.

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