Abhilfe durch IHK-Thesenpapier?

Lastwagen ohne Ende: Eine fast unlösbare Geduldsprobe

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In den Abendstunden sind auf der Rastanlage Gohbach in Langwedel meistens alle Lkw-Parkplätze besetzt. 

Verden - Von Volkmar Koy. Eigentlich schimpfen wir fast alle über sie, auf der Autobahn sorgen sie für Licht- und Hupkonzerte, manche Raststätte ist wegen Überfüllung geschlossen. Und dennoch brauchen wir sie. Ohne sie würde nichts mehr gehen. Gemeint ist natürlich die stetig steigende Zahl an Lastwagen. In einem federführenden Thesenpapier hat sich nun die IHK Stade dieses Problems angenommen.

Die Straßenlogistik sei eine Kernbranche der deutschen Wirtschaft, argumentierten jetzt bei einem Redaktionsbesuch unserer Zeitung Andreas Meyer, Vizepräsident der IHK Stade und Geschäftsführer der Spedition Meyer in Bremervörde, sowie Volker Ziedorn, Verkehrsspezialist der Kammer. Mit dabei auch Kirsten Kronberg, Leiterin der IHK-Öffentlichkeitsarbeit. Ohne Lkw gelangten die Produkte der Industrie nicht zum Kunden, hieß es dazu, außerdem könne der Außenhandel über die Seehäfen nicht funktionieren und würden keine Bestellungen an die Haushalte ausgeliefert

Speditionen und Fahrer sähen sich bei der Erfüllung ihrer Aufgaben jedoch einer Vielzahl von Herausforderungen gegenüber, die den reibungslosen Ablauf der Transportketten beeinträchtigten. Wie Experte Ziedorn erläuterte, habe der Verkehrsausschuss der Industrie- und Handelskammer Stade für den Elbe-Weser-Raum im Mai 2016 eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die die Haupt-Konfliktpunkte herausarbeiten und Lösungsansätze aufzeigen sollte. Dazu seien drei Thesen entwickelt worden, die inzwischen von der IHK-Vollversammlung einstimmig verabschiedet wurden.

VAZ-Redaktionsleiter Volkmar Koy im Gespräch mit IHK-Verkehrsspezialist Volker Ziedorn, IHK-Vizepräsident Andreas Meyer und der Leiterin Öffentlichkeitsarbeit, Kirsten Kronberg (v.l.).

Wie Meyer und Ziedorn betonten, möchte die IHK Stade Politik und Verwaltung ein Gesprächsangebot machen, um Wege zu finden, die Situation für Berufskraftfahrer und Speditionen in Deutschland zu verbessern. Überdies würde das Gespräch mit den anderen sechs niedersächischen Kammern gesucht, um das Thesenpapier auf eine möglichst breite Basis zu stellen.

  • These 1 lautet: „Das über europäische Lenkzeit-Vorgaben hinausgehende deutsche Arbeitszeitgesetz benachteiligt Speditionen aus Deutschland“. Nach den Worten des IHK-Vizepräsidenten seien dabei ganz besonders Fahrer und Speditionen aus den osteuropäischen Ländern im Blick. 
  • In These 2 geht es um die Unternehmen, die nicht regelkonform arbeiten: „Eine Ausweitung und Vereinheitlichung von Kontrollen führt zu gerechteren Marktverhältnissen“. 
  • Unter anderem um den Ausbau und die Sanierung des Fernstraßennetzes geht es in These 3: „Die Anforderungen an Logistik und die infrastrukturelle Ausstattung passen in Deutschland noch nicht zueinander.“

Was zum Teil hochtheoretisch klingt, ist gespickt mit unzähligen Schwierigkeiten, die Fahrer und Speditionen vor fast unlösbare Geduldsproben stellen. IHK-Vizepräsident Meyer könnte aus eigener Erfahrung von zahlreichen zum Teil persönlichen Erlebnissen berichten, konnte sie im Gespräch mit unserer Zeitung aber nur anschneiden: „Das geht bei uns allen los, wenn wir online bestellte Waren zum größten Teil wieder an die Händler zurückschicken.“

Kraftfahrer-Beruf nicht attraktiv genug

Aber auch viele andere Gesichtspunkte schnitten Meyer und Ziedorn an. Der Beruf des Kraftfahrers ist nicht attraktiv genug. Nachwuchs fehlt auch wegen der Abschaffung der Wehrpflicht. Es fehlen ausreichend Parkplätze und sanitäre Anlagen für die Fahrer. Auf den sogenannten Autohöfen wird es teilweise zu teuer. Fahrer werden gezwungen, ihre vorgeschriebenen Pausen auf unwirtlichen Industriearealen einzulegen. Das Speditionsgewerbe ist für Schulabgänger „unsexy“. Meyer: „Fahren Sie mal nach Hamburg-Stillhorn. Diese Autobahn-Rastanlage ist menschenunwürdig.“ Und so weiter, und so weiter.

Die IHK hofft nun, über das Thesenpapier mehr Sensibilität im Sinne der betroffenen Berufskraftfahrer, aber auch der zahlreichen Speditionen in Deutschland zu entwickeln. Vielleicht bleibt auch ein Gedanke darüber hängen, wenn mal wieder auf der A27 oder der A1 unendliche Lkw-Schlangen den Überholvorgang nicht unerheblich beeinträchtigen.

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