Leuchtende Augen und ein Hauch Weihnacht bei der transkulturellen Handarbeitsgruppe

Fahima und das kleine rote Rentier

Die etwas andere Bescherung am Begegnungsort: Fahima Noori (r.) nimmt ihr Geschenk aus den Händen von Petra Holste (.) und Heike Lohmann entgegen und hatte dann noch eine Überraschung parat.
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Die etwas andere Bescherung am Begegnungsort: Fahima Noori (r.) nimmt ihr Geschenk aus den Händen von Petra Holste (.) und Heike Lohmann entgegen und hatte dann noch eine Überraschung parat.

Verden – Fahima schneit mit leuchten Augen herein. Leuchtende Augen, das ist das einzige, was geblieben ist in dieser Zeit, in der nichts mehr ist, wie es war. Selbstverständlich trägt sie eine Schutzmaske. Muss man ja. Und die Kapuze ist weit über die Stirn gezogen. Es regnet draußen, wo alles stattfindet. Norddeutsches Schmuddelwetter selbst im Advent. Nur ihre Augen, sie leuchten. Und das hat Gründe. Bescherung. Geschenke im Kulturentreff im Kult, im Bistro an der Stadthalle. Fahima und all die anderen schneien herein und zur feierlichen Übergabe wieder hinaus und die lange Reihe der weihnachtlich dekorierten Überraschungstüten weist erste Zahnlücken auf.

  • Zuckerfest oder Weihnachten?
  • Der Handarbeitskreis mit Frauen aus vielen Kulturen entschied sich für Weihnachten
  • Wunderschöne Werkstücke entstanden.

Nicht irgendwelche Geschenke. „Alles ist selbst angefertigt“, sagt Petra Holste. Sie führt Regie an diesem Vormittag im weiten Rund des Kults, in dem Absperrbänder und Spuckschutze das Mobiliar bereichern. „Handarbeit & Austausch für Frauen“ heißt das Angebot im Rahmen des Treffpunkts für alle am Holzmarkt. Wo in früheren Jahren vielleicht eine Weihnachtsfeier stattgefunden hat, gern auch ein Basar, da ist jetzt alles coronakonform auf ein Minimum reduziert. „Sonst haben wir unsere Arbeiten angeboten und aus dem Erlös unsere kleine Feier finanziert“, sagt Holste, „das geht diesmal nicht. Stattdessen beschenken wir uns gegenseitig.“ Liebevoll gearbeitete Handarbeiten finden die Teilnehmer in ihren Tüten, alles Unikate. Und für jeden einen Gutschein von Erasmie, einzulösen in besseren Zeiten, einzulösen nach dem Lockdown.

Basar, Feier, Geschenke – selbstverständlich ist das nicht. Vielleicht sogar überraschend. „Zuckerfest, okay, damit konnten die meisten, die hier begonnen haben, damit konnten sie etwas anfangen. Aber Weihnachten?“, sagt Holste. Und überhaupt. Eigentlich gab es damals keine Vorgaben. „Wir haben uns getroffen, wir haben beraten, was wir überhaupt im Treffpunkt für Alle unternehmen wollen.“ Und da kam aus der Zuhörerschaft der Wunsch nach Handarbeit. Und der Vorschlag, auf das Fest der Feste, das zwar nicht unbekannt, aber doch etwas fremd war, auf das Fest der Feste hinzuarbeiten. Neben allem anderen. Neben den Sprachkursen zum Beispiel. Oder den Fragen zum Kindergartenbesuch oder zum richtigen Ansprechpartner in der Stadtverwaltung.

Nuria schlug seinerzeit die Handarbeit vor. In Afghanistan ist sie geboren. Eine ganze Weile lebt sie schon in Verden. Auf Fotos ist sie zu sehen. Sie und das gelbe Kinderkleid. Sommerliches Gelb, kunstvoll eine Bärentatze eingestickt, leicht tailliert, so richtig für die schönsten Tage des Jahres, für die großen Ferien, für den Strand. Das Kinderkleid gewann Form unter Nurias Händen. Und schon war eine ganze Veranstaltungslinie geboren. Neben den Gesprächsrunden, neben den Spielenachmittagen, an denen auch mal Mensch ärgere Dich nicht auf den Tisch kommt, oder die 32 Skatkarten, neben der gemütlichen Kaffeerunde also auch die Handarbeit. Reine Frauensache. Aus afrikanischen Ländern stammen die Teilnehmerinnen, aus Kurdistan, oder was davon übrig geblieben ist, aus Syrien, aus Afghanistan. Die meisten sind aus Afghanistan. Einige sind auch in Verden geboren. Herma zum Beispiel. Alle reden sich mit Vornamen an. Herma strickt am liebsten Socken. Unter anderen Händen erblicken Schals das Licht der Welt, oder Stulpen, oder Seife. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Und manche, sage wir es so, manche mit einem Einschlag aus dem Morgenland. Nicht mit Myrrhe oder Weihrauch, und schon gar nicht mit Bethlehem, aber mit einem kunstvollen Strickmuster aus arabischer Welt oder manchmal mit der Kunstfertigkeit, die in Kindertagen erlernt worden ist. Und irgendwie passt es dann ja auch zu Weihnachten, auch wenn es nicht beabsichtigt ist. Und nicht beabsichtigt sein sollte.

„Projekt Vielfalt“ heißt diese Veranstaltungsserie. Vom Land Niedersachsen ist sie gefördert. In Verden ist daraus der Kulturentreff geworden. Die Grundideen gehören nicht zu jenem Vokabular, das unter dem Titel „leichte Sprache“ zusammengefasst ist. Schaffung eines sozialen und geschützten Ortes als Treffpunkt für alle Menschen in Verden, das ist einer der Ansprüche, die gestellt wurden. Partizipativ, inklusiv und freiwillig soll es sein, die Vermeidung von gesellschaftlichem Ausschuss steht auf der Prioritätenliste ganz vorn. Vielfalt als Chance, um Ressentiments abzubauen. Alles hehre Ziele, alles aber auch graue Theorie. Mit Leben wollen sie erfüllt sein.

Und das sind sie, gewiss. Fragt sich nur, wie lange. Förderungen haben nichts Weihnachtliches, sie gelten nicht ewig, auch die des Landes Niedersachsen nicht. „Drei Monate läuft die Förderung noch“, sagt Petra Holste. Sie habe inzwischen die lose Zusage, es laufe weiter. Aber absolut sicher ist das nicht. Und auch nicht, wo die Treffen dann stattfinden können. Auch das wäre noch abschließend zu klären.

Der kommende Veranstaltungsort, vielleicht ja das Kult, er wäre gerüstet zumindest für Weihnachten. Fahima gehört nicht nur zu den Beschenkten an diesem grauen Vormittag in der Adventszeit, sie hat auch selbst eine Überraschung mitgebracht. Das war ihr wichtig. Ein weiches Geweih kommt zum Vorschein, als sie ihre Tasche öffnet. Und eine Stupsnase, und dann steht es in voller Pracht auf dem Tresen. Rudolf. Das Rentier. Aus feinem Draht ist es geflochten, aus sehr feinem rostfarbenen Draht. Eine rote Nase, eine Rednose, das muss nicht sein. Fahimas Rentier trägt eine rote Schleife. Eine Weihnachtsschleife. Und plötzlich ist in allen Blicken ein Leuchten. Und in jenem von Fahima ein ganz besonders. Was beweist, es braucht weder Ochs noch Esel, es kann gern auch ein Rentier sein. Und schon ist sie da, die ganz besondere Weihnachtsstimmung. Und sie bleibt. Das tierische Kunstwerk hat schnell einen schönen Stammplatz im Kult bezogen.

Von Heinrich Kracke

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