Shutdown erhöht den Bedarf an Sozialleistungen

Explosion von Hilfsanträgen

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Mit 30 aktuellen Corona-Patienten beginnt die neuen Woche.

Verden – „Die Qualität unserer sozialen Sicherungssysteme zeigt sich in der Krise“, versuchte Petra Schütte das einzuordnen, was sie in den Wochen der Pandemie beschäftigt. Die Leiterin des Fachdienstes Arbeit im Kreishaus und ihr Kollege im Sozialressort, Bernd Dannheisig, sehen sich in der Corona-Krise vor sehr unterschiedliche Problemlagen gestellt. Von einer explosionsartig steigenden Zahl von Lebensgemeinschaften, die auf Hartz-4 angewiesen sind, berichtete Schütte, und Dannheisig davon, dass der Shutdown drohe, die funktionierenden Hilfsstrukturen im Kreisgebiet zu zerschlagen.

Bis zum Auftauchen des Virus schien die Welt im Fachdienst Arbeit und im kreiseigenen Jobcenter, der Arbeit im Landkreis Verden (ALV), in Ordnung. Seit Jahren sinken die Zahlen von Bedarfsgemeinschaften, die auf Sozialgeld angewiesen sind. „Seit Mitte März haben wir nur noch steigende Zahlen“, berichtet die Fachdienstleiterin dem Sozial- und Gesundheitsausschuss. 650 Neuanträge seien bislang eingereicht worden. Davon seien 200 Selbstständige mit ihren Ein-Mann oder -Frau-Betrieben. 290 seien Betroffene, die wegen Kurzarbeit ohne Unterstützung nicht mehr über die Runden kommen. Die übrigen seien entlassene Beschäftigte, die in der Probezeit oder als Neueingestellte nach Hause geschickt wurden, und Minijobber, die mit dem Job einen wichtigen Teil ihres Einkommens verloren haben.

Nicht alle werden in der Kartei des Fachdienstes oder der ALV bleiben, vermutet Petra Schütte. Man könne damit rechnen, dass viele wieder in ihre Jobs zurückkehren können. „Etwa 30 Prozent haben auch eher versuchsweise den Antrag gestellt. Die ziehen dann die Anträge oft zurück, wenn wir genauer nachfragen. Aber 400 Antragsteller werden bleiben“, nimmt die Fachdienstleiterin an.

Die Zukunft sieht Schütte aber nicht rosig. Sie rechnet wegen der guten Wirtschaftsstruktur in der Region mit einer verzögerten Wirkung der Corona-Krise. „Die Zahlen werden noch deutlich steigen. Gegen Ende des Jahres werden wir wohl wieder bei 4 600 Bedarfsgemeinschaften sein, so wie nach der Wirtschaftskrise 2010“. Das wären etwa 1 300 mehr als vor Corona.

„Eine Zunahme der Anträge haben wir nicht“, stellt Bernd Dannheisig fest. So überraschend sei das allerdings nicht. Die Leistungen zur Grundsicherung bei Erwerbsminderung würden meist Menschen betreffen, die ohnehin nicht mehr im Erwerbsleben sind. Allerdings sei das Aufkommen von Wohngeld-Anträgen im Fachdienst Soziales deutlich gestiegen.

Dannheisig bereitet eine andere Auswirkung des Shutdowns mehr Sorgen. Mit dem Schließen der Behinderten-Werkstätten, Betreutem Wohnen und den Assistenzen in Schulen und ähnlichen Gelegenheiten und Maßnahmen hätten die Honorar-Kräfte der verschiedenen sozialen Dienste plötzlich nichts mehr zu tun und bezögen keine Honorare mehr. „Ich befürchte, dass so unsere guten Strukturen zerstört werden“, sagt Dannheisig. In Niedersachsen werde bereits nach Mechanismen gesucht, mit denen die Kräfte über Abschläge weiter Geld erhalten sollen, um sie nicht zu verlieren. Auch ein „Sozialdienstleister-Einsatzgesetz“ der Bundesregierung versuche, dem Problem beizukommen. Zu welcher Lösung man dann komme, sei noch nicht geklärt, aber im Kreishaus sei man übereingekommen, vorerst weiter zu zahlen, als würden die Maßnahmen und andere Leistungen weiterlaufen.

Ähnlich habe man sich in Absprache mit den Trägern der Suchthilfe geeinigt, berichtet Dannheisig. „Bis jetzt haben wird das ganz gut hingekriegt.“

Intern haben die Fachbereiche im geschlossenen Kreishaus auch einige Veränderungen erlebt. So berichtet Petra Schütte, dass die Zahl der Mitarbeiter im Homeoffice um die Hälfte auf 300 gestiegen ist. Befürchtungen aus dem Ausschuss, dass dann womöglich leere Büros in der Behörde vermietet werden müssten, konnte Landrat Peter Bohlmann aber zerstreuen. Zunächst verbräuchten die Abstands- und Hygieneregeln ohnehin viel mehr Platz als sonst in Büros erforderlich sei. Die Enge im Kreishaus mit vielen mehrfach geteilten Arbeitsräumen sei durch die Arbeit in der eigenen Wohnung nur abgemildert worden. Fachdienstleiterin Schütte erwartet zudem, dass viele Mitarbeiter aus dem Homeoffice auch gern zurückkehren wollen. „Damit fühlt sich nicht jeder wohl“, erklärt sie.

Von Ronald Klee

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