Markus-Passion des Ensembles Wunderkammer mit der Verdenerin Sarah Perl

Experiment im Fragment

Ihre ganz spezielle Version der Markus-Passion hat das Berliner Ensemble Wunderkammer gerade veröffentlicht.

Verden/Berlin - So kurz vor Ostern wird es schon etwas knapp für Passionsmusiken. Auch wohl für die Aufnahme von Bachs Markus-Passion, die das Berliner Ensemble Wunderkammer unter der Leitung von Peter Uehling gerade veröffentlicht hat. Der nur fragmentarisch überlieferten Vertonung der Leidensgeschichte Christi verleihen Solisten, Sänger und Instrumentalisten – darunter die ehmalige Verdenerin Sarah Perl – eine unerwartete Vollständigkeit und dramaturgische Abrundung.

Wie Renaissance- und Barockfürsten mit ihren Wunderkammern wollen die Gambistin Sarah Perl, Cembalistin Mira Lange, Cellist Martin Seemann und Peter Uehling, Cembalo und Orgel, mit ihrem Ensemble Neues erkunden und in Altem das Besondere entdecken. Waren es in den Curiositäten-Kabinetten vor Jahrhunderten Mitbringsel aus aller Welt so haben sich die Tonkünstler mit ihren Originalinstrumenten die Kammermusik des 17. und 18. Jahrhunderts vorgenommen.

Mit der Markus-Passion packt das Ensemble Wunderkammer eine etwas größere Produktion mit Solisten, Projektchor und Barockorchester an. Anders als bei der festlich glänzenden Matthäuspassion und der stimmungsvollen Johannispassion ist diese Vertonung eine vielleicht nicht so sperrige Aufgabe, dafür aber eine mit ihren eigenen Ecken und Kanten. Schon allein wegen der fehlenden Rezitative, mit denen der Fortgang der Geschichte verloren gegangen ist.

Weil die Texte aber nicht zuletzt mit dem biblischen Evangelium vorliegen, blieb eigentlich nur die Frage, wie sie dargeboten werden sollen. Das Ensemble nahm eine ältere Anregung auf und verpflichtete den Schauspieler Lars Eidinger als Rezitator.

Für eine Studio-Aufnahme wäre das Problem damit gelöst gewesen. Die bei Coviello Classics erschienene Aufnahme wurde aber in der Berliner Ernst-Moritz-Arndt-Kirche live aufgenommen. Woher also sollten Chorsänger und Solisten für ihre Einsätze nach den Vorträgen des Rezitators ihre Töne beziehen? Die Berliner Musiker machten aus der Not eine Tugend und unterlegten die Zitate aus dem Markus-Evangelium mit Tönen: „Die Musik soll nicht schweigen, aber auch den Fragmentcharakter des Werks nicht übertünchen. Deswegen suchte ich eine Vorform von Musik, in der Regel lange Haltetöne und Akkorde, einfache Bewegungen und Rhythmen“, erklärt Uehling im Heftchen.

Das klingt ungewohnt für eine Bach-Passion und versucht gar nicht erst irgendwie barock zu tönen. Und dennoch erinnern gerade die dramatischen Stellen stark an den lautmalerischen Umgang mit den kompositorischen Mitteln der Bachzeit, den der Meister zuweilen selbst eingesetzt hat.

Alles bleibt dem programmatischen Ansatz getreu, könnte man hier als Fazit ziehen. Über den musikalischen Ertrag hätte man damit allerdings nichts ausgesagt. Vom Ergebnis her gesehen ist eine neue Erfahrung entstanden, die sich aus der enormen Spannung zwischen den gekonnt aufgeführten Original-Sätzen und der Rezitation ergibt. Die Produktion des Ensembles Wunderkammer ist also alles andere als museal. Bemerkenswert, wo doch die fürstlichen Raritätensammlungen der Vergangenheit, die für den Namen Pate standen, Vorläufer vieler heutiger Museen waren.

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