64 Jahre nach dem ersten Bild des Doms von oben

Verdener Luftfahrt-Verein: Pilot Erich Schwinge sagt leise Tschüs - und lässt sich fliegen

Erich Schwing als Co-Pilot
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Ab sofort nur noch Co-Pilot: Erich Schwinge lässt sich nur noch fliegen.

Verden – Über dem edlen Rost schließt sich der Kreis. Über dem weithin sichtbaren grünen Belag, über der Patina. Über dem Dom. Als der Verdener Luftbildfotograf Erich Schwinge im August in den Motorsegler stieg und auf der Startbahn 13 abhob und den Sommer in der Region in den Fokus nahm, da steuerte er dorthin, wo alle schon mal waren, die das Ganze mit gehörigem Abstand von oben betrachteten, da steuerte er die Aller an und den Dom.

  • Im Verdener Luftfahrt-Verein dürfte Erich Schwinge so etwas wie eine Legende sein. Seit 64 Jahren hebt der leidenschaftliche Pilot regelmäßig ab, um Verden von oben zu bewundern und vor allem zu fotografieren. Doch nun ist Schluss. Der 81-Jährige ist zwar topfit, aber irgendwann ist es Zeit, den Steuerknüppel loszulassen. Kein Grund, traurig zu sein, denn fliegen wird Erich Schwinge weiterhin - als Co-Pilot wird er dann auf den Auslöser der Kamera drücken.

Und drückte auf den Auslöser. Und versendete das Bild an die Zeitungsredaktionen. Und schrieb eine einzige Zeile. „Schicke ich ein Luftbild vom sommerlichen Verden“, schrieb er. Dass es ein ganz besonderes Foto war, schrieb er nicht. Es war das letzte Luftbild, das er als aktiver Pilot übermittelte. Nach 64 Jahren. „Ich habe beschlossen, ich gebe die Fliegerei auf“, sagt Erich Schwinge.

Erich Schwinge hat selbst den Entschluss gefasst

Wohlgemerkt, er hat es beschlossen, er, und nicht die anderen. Normalerweise sind Flugmediziner jene, die fliegerische Karrieren beenden. Alljährlich müssen Piloten eine perfekte Gesundheit nachweisen, um als verantwortlicher Luftfahrzeugführer ins Cockpit zu klettern. Erich Schwinge wartete nicht, bis sie ihm schlechte Nachrichten überbrachten. „Ich bin lange genug geflogen“, sagt der 81-Jährige, „ich hab‘ irgendwann gesagt, es reicht.“ Schluss nach 6 700 Flügen im Segelflugzeug, Schluss nach 1 375 Starts im Motorflugzeug, Schluss nach 2 293 Stunden in der Luft. Irgendwo eine Zäsur also. Nur die vielen Erinnerungen, die sind nicht verloren.

Schon vor 64 Jahren den Verdener Dom von oben fotografiert

Der Verdener Dom vor 64 Jahren, fotgrafiert von Erich Schwinge bei seinem ersten Flug.

Einen Flugplatz gab es damals noch nicht, aber eine Idee

Sein allererstes Luftbild also. Einen Flugplatz gab es noch nicht, aber immerhin eine Idee. „Wir haben Versuche in den Allerwiesen gestartet“, sagt Erich Schwinge. Der Verdener Luftfahrt-Verein, der nach seiner Wiedergründung 1950 zunächst eine Modellflugabteilung in einer Werkstatt an der Fischerstraße unterhielt, „da war ich natürlich immer dabei“, sagt Schwinge, „ich bin vier Monate nach der Vereinsgründung eingetreten“, der Luftfahrerclub also, er kam in den Genuss eines richtigen Flugzeuges, eines Segelflugzeuges, der damalige Verdener Verleger Hans-Heinrich Söhl hatte ein solches Gerät mit Flügeln erworben. „Wir hatten ein Flugzeug und die Rotenburger eine Startwinde.“ Also habe man sich zusammengetan und sei an der Aller fündig geworden, ungefähr im Bereich zwischen Eisenbahnbrücke und Hönisch. Und eines Tages habe der Verdener Segelflugsport Konturen angenommen und mit ihm gleich die Luftbildfotografie. „Wir sind gestartet, ich bin mitgeflogen, ich habe auf den Auslöser gedrückt.“ Als er ein paar Wochen später die Papierabzüge in der Hand hielt, da sah er die Welt noch einmal von oben. Den Dom, das Gaswerk an der Nordbrücke, der Gasometer an der Aller, das Bollwerk.

Das letzte Foto als Pilot: Der Dom von oben, wie er sich heute zeigt-

„Wir waren es leid, sonntags um sechs loszufahren“

Es sollten für längere Zeit die letzten Luftbilder gewesen sein, die er selbst geschossen hat. Und das hat Gründe, die eng verzahnt sind mit der Fliegerei in Verden, oder besser: mit der Landerei. „Die Allerwiesen waren nicht schlecht, aber wir konnten uns nicht mit den Grundeigentümern einigen. Es waren zu viele.“ Erst einige Zufälle später gewann die Idee neue Konturen.

Landung vor 64 Jahren auf den Aller-Wiesen.

Der Westener Bäcker Wolfgang Hoffmann setzte sich für einen Startplatz in Verden ein. Er, der spätere Kreishandwerksmeister war begeisterter Motorflieger, er wurde irgendwo im sandigen Gelände nördlich Scharnhorsts fündig. Ferner brauchten die britischen Streitkräfte einen Platz für Kurierflüge. Und die Verdener Segelflieger waren es leid, sonntagmorgens um sechs mit dem Fahrrad aufzubrechen, um am Flugbetrieb in Rotenburg teilzunehmen. „Uns Segelfliegern war der Platz in Scharnhorst eigentlich zu kurz, aber besser als gar nichts.“

Landung auf den Allerwiesen, im Hintergrund die Verdener Eisenbahnbrücke

1960 war der große Tage gekommen. Erste Starts und Landungen auf der von britischen Raupen frisch planierten Piste. Der Segelflug entwickelte sich nicht schlecht. Erich Schwinge hatte inzwischen den Pilotenschein in Händen, der legendäre Jürgen Dellinger gesellte sich hinzu, später Konstrukteur bei Focke-Wulff. Und bis zum ersten Flug Willy Bollers war es auch nicht mehr weit. Nur die Luftbildnerei, daran haperte es. Und das hatte nächste gute Gründe.

„Unsere Flugzeuge damals die Ka8 oder die K6, gern auch das Grunau-Baby oder der Spatz, sie alle verfügten über gute Steigwerte in der Thermik“, sagt Erich Schwinge, er schmunzelt, „kein Problem also, in Höhen von 1 500 oder 2 000 Meter zu kurbeln.“

800 Meter über der Stadt – das ist für Luftbilder viel zu hoch

Nur für eines eigneten sie sich nicht. Für Fotos mit dem Dom von oben. „Wer mit diesen Fliegern zum Ausflug über die Stadt startete, und das haben wir natürlich oft gemacht, der wagte sich nur so weit vor, dass er sicher nach Scharnhorst zurückkehren konnte, selbst dann, wenn sich keine Thermik-Bärte auftun.“ An eine eiserne Regel habe man sich gehalten. „Die Sicherheitshöhe über Verden beträgt 800 Meter.“ Und das, sagt Schwinge, ist für Bilder von oben viel zu hoch. „300 Meter oder weniger sind ideal.“

Blick auf Verden in die Georgstraße, wie sie von oben vor 64 Jahren aussah.

Der Fotoapparat verstaubte dennoch nicht. Erlaubte es sein Engagement als ehrenamtlicher Fluglehrer, dann saß er alleine im Segelflieger. „Von heutigen Nonstop-Flügen über 600 oder 700 Kilometern allein mit den Kräften der Aufwinde waren wir natürlich weit entfernt“, sagt er, „aber 300 Kilometer, das haben wir geschafft.“ Auch er. Und vergessen ist nichts. „Über Rinteln bin ich nach Braunschweig geflogen, alles mit der Ka8, und wieder zurück.“ Und das sagt er nicht nur, er kann es auch belegen. Dank Kamera, die sein ständiger Begleiter war. „Um unsere Flüge für Meisterschaftsteilnahmen zu dokumentieren, mussten wir markante Wegpunkte fotografieren.“

Fotos von Aller, Amazon, Abriss und Achim-West

Erst als er den Weg vieler Verdener Piloten gegangen war, rückte das Luftbild wieder mehr in den Fokus, als er zusätzlich zur Segelflug-Lizenz auch den Motorflug-Schein erwarb. Und als dann auch noch mit der Grenzöffnung vor 30 Jahren die Genehmigungspflicht für Luftbildaufnahmen fiel, da war der Weg endgültig frei.

Ob Stadionausbau, Autobahn-Arbeiten oder Schleusen-Sanierung an der Weser, ob Abriss der Kaufhalle in Verden, Neubaugebiet an der BBS, die neue Eisenbahnbrücke über die Aller, Amazon in Uesen oder das gewaltige Gewerbegebiet Achim-West – nichts entging ihm. „Weit mehr als 1 000 Bilder dürften sich angesammelt haben.“ Alle säuberlich archiviert, alle zusammen ein Geschichtsbuch der etwas anderen Art, das der langjährige Pädagoge an den Berufsbildenden Schulen erschaffen hat. Wie sich was wo im Landkreis verändert hat, kann er mit einem Klick belegen. Und wer nichts Konkretes sucht, wird ebenfalls fündig. Schon vor vier Jahren hatte er die Diaschau „Rundflug um Verden“ vorgestellt.

Wann immer sich die Möglichkeit bietet, sitzt Erich Schwinge im Flugzeug.

So richtig komplett an den Nagel gehängt hat Schwinge die Luftbildnerei nicht. Wann immer sich die Möglichkeit bietet, sitzt er im Flugzeug. Allerdings nicht mehr links im Cockpit, als verantwortlicher Flugzeugführer. Er sitzt rechts. Und in einer Hand die Kamera. „Ich fliege gern mit“, sagt er.

Auch sonst kein Gedanke an den Ruhestand. „Ich schreibe gerade an einem Buch über die Fliegerei in Verden. Einige Archive habe ich dafür durchblättert.“ Das Jahr 2021 wäre ein schönes Jahr zur Veröffentlichung des Werkes. Die Fliegerei an der Aller feiert den 120. Geburtstag. Im Jahr 1901 erhob sich der erste Heißluftballon über der Südbrücke. Aber das ist eine andere Geschichte.

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