Verschickungskinder: Langwedelerin beim ersten Kongress dabei

Zur Erholung in die Hölle

+
Verschickungskinder: Gerda Grabowski hat sich unter dem Kreuz erkannt.

Landkreis – Kränklich und allzu zart war Gerda Grabowski, als sie fünf Jahre alt war. Sie lebte damals, Mitte der 60er-Jahre, mit ihren Geschwistern in schwierigen familiären Verhältnissen in Posthausen. So erklärt sich das Schreiben von der „Jugendabteilung“ der damaligen Kreisverwaltung vom Ende November 1965. Es setzte ihre Mutter in Kenntnis, dass Gerda und ihre ältere Schwester Annemarie für eine Erholungsverschickung vorgeschlagen worden seien.

Sechs Wochen sollte es im Frühjahr ins Nordsee-Kinderhaus Michelmann in Wyk auf Föhr gehen. Was das Kind dort erleben sollte, eine Hölle aus Schlägen, Gewalt und Erniedrigung, weit weg von Zuhause und Familie, war so traumatisch, dass die gestandene Frau um die 60 diese sechs Wochen noch heute weitgehend ausgeblendet hat. „Daran, dass meine Schwester auch da war, habe ich keine Erinnerung“, erzählt Grabowksi.

Wie sie waren viele Kinder zur Erholung in Kinderheime in der ganzen Republik verschickt worden. Die Autorin und Pädagogin Anja Röhl war auch eine Betroffene. Es ist die Anja Röhl, die über ihre Kindheitserinnerungen an Ulrike Meinhof den Roman „Die Frau meines Vaters“ (Edition Nautilus, 2013) geschrieben hat. Vor der terroristischen Karriere mit Andreas Baader in der Rote Armee Fraktion war die Journalistin Meinhof mit Röhls Vater Klaus Rainer liiert.

Das Schreiben aus dem Kreishaus vom 30. November 1965.

Anja Röhl hatte die Verschickungen 1960 und 1963 auf ihrer Webseite erwähnt und erlebte eine enorme Resonanz. „Darauf meldeten sich hunderte Ehemaliger mit ähnlichen Erfahrungen. Viele berichten davon, wie sie verstört, abmagert und verängstigt aus den Heimen zurückkehrten, von Folgeschäden wie Stottern, Verstummen, Essstörungen, Ängste, Erkrankungen und Leistungsabfall in der Schule. „Weil das Echo derart überwältigend war“, so Röhl, „habe ich die Initiative ,Verschickungskinder´ ins Leben gerufen. Es geht hier um Pionierarbeit, der Bedarf nach Austausch ist riesig.“

Röhl berichtet, dass Experten zufolge in der Bundesrepublik 890 Kinderkurkliniken mit einer Kapazität von 56 000 Betten existiert haben. Ganzjährig seien sie im Sechs-Wochen-Rhythmus belegt gewesen, so dass mindestens vier, eventuell bis zu acht Millionen Kinder bis in die 80er-Jahre hinein betroffen sein können.

Vorläufer für die „Kuren“ waren die Kinderlandverschickungen in der Weimarer Republik und unter den Nazis. Die „Verschickungen“ werden wie bei Gerda Grabowski häufig als traumatisierend erinnert, berichtet Röhl. Das Heimpersonal stammte häufig noch aus der NS-Zeit oder war mit dessen Ideologie groß geworden.

„Viele Ehemalige vergleichen ihre Heimwochen mit Gefängnisaufenthalten“, sagt Röhl, „und die Kinder wussten nicht, wofür sie ,bestraft´ wurden.“ Genauso sei es ihr gegangen, berichtet Gerda Grabowski. Mit der Initiatorin meint sie, dass da ein Kapitel der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte noch darauf wartet, aufgearbeitet zu werden. Einen Anfang erhoffen sie sich, durch den Kongress „Das Elend der Verschickungskinder“, der vom 21. bis 24. November auf Sylt stattfinden soll.

Das alte Prospekt des Kinderhauses fand die Langwedelerin wieder.

„Ich freue mich, dass ich daran mitarbeiten kann“, sagt Gerda Grabowski, die heute in Langwedel lebt. Ziel des Kongresses sei, eine Öffentlichkeit für die systematische Misshandlung von kleinen Kindern im Nachkriegsdeutschland herzustellen und einen öffentlichen Diskurs anzustoßen. Man müsse auch „bei den heutigen Kinderkurkliniken das Bewusstsein dafür schärfen, dass das nie wieder geschehen darf, dass man so mit Kindern, die einer Institution ohne Eltern anvertraut werden, nicht umgehen darf“, fasst Anja Röhl zusammen, was sie antreibt.

Gerda Grabowski kann das Anliegen nur unterstützen. Sie kann sich gut vorstellen, dass es noch viele Verschickungskinder gibt und dass sie Interesse an diesem Kongress haben. Mehr dazu können sie im Internet auf der Seite „Verschickungsheime.de“ nachlesen. Dort ist auch Gelegenheit, eigene Erlebnisse beizusteuern. „Viele haben bereits Gebrauch davon gemacht“, weiß die Sozialpädagogin. Offen für Interessierte und Betroffene ist auch ein weiteres Treffen, das bereits am Sonnabend, 7. September, in Berlin stattfinden soll. Die „Initiative Verschickungskinder“ lädt dort um 13 Uhr in die Sekis Selbsthilfe, Kontakt und Informationsstelle ein.  

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

„ABBA – The Tribute Concert“ in der Mensa

„ABBA – The Tribute Concert“ in der Mensa

Kühlschrank und Kühltruhe reinigen

Kühlschrank und Kühltruhe reinigen

Fotostrecke: Werders Pleite gegen den SC Paderborn

Fotostrecke: Werders Pleite gegen den SC Paderborn

Dörflicher Weihnachtsmarkt in Nordwohlde

Dörflicher Weihnachtsmarkt in Nordwohlde

Meistgelesene Artikel

Besuch in der warmen Kaffeestube

Besuch in der warmen Kaffeestube

Weihnachtszauber der Kaufmannschaft beglückt mit Festlichkeit und Rabatten

Weihnachtszauber der Kaufmannschaft beglückt mit Festlichkeit und Rabatten

Auszug aus Pflegeheim droht: 96-Jährige kann Kosten nicht mehr aufbringen

Auszug aus Pflegeheim droht: 96-Jährige kann Kosten nicht mehr aufbringen

Verschickungskinder: Die Hölle im Kurheim

Verschickungskinder: Die Hölle im Kurheim

Kommentare