Schattenseiten aufzeigen

Neues Entwicklungskonzept für Verden: Mit dem Finger in der Wunde

Die Hamburger Straße in Verden
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Achse mit Entwicklungspotenzial: Die Hamburger Straße, extrem breit, links und rechts Schilder und ohne klare Führung der Radfahrer.

Verden – Die Stadtsilhouette Verdens, der Dom, das Rathaus, wie gemalt. „Sehr schön, ohne Zweifel“, sagt Frank Schlegelmilch. Er ist ausgewiesener Experte und Stadtplaner. Die schönen Seiten sieht er, ihn interessieren aber eher die Schattenseiten, das Kontrastprogramm.

„Wer nach Verden reinfährt, Lindhooper oder Hamburger Straße, braucht lange, um bei den Schönheiten anzukommen. Könnte sein, dass er vorher abbiegt.“ Nur ein Thema, dem sich Schlegelmilch widmen will. Titel des Programms: „Integriertes Stadtentwicklungskonzept 2040“, kurz ISEK.

ISEK für Verden: Integriertes Stadtentwicklungskonzept 2040

Den Finger in die Wunde legen, mögliche Perspektiven aufzeigen – dafür ist Schlegelmilch vom Bremer Büro BPW Stadtplanung angetreten. In den Ausschuss für Stadtentwicklung brachte er ein ganzes Bündel an Ideen mit, wo in den nächsten 20 Jahren der Hebel anzusetzen ist, um Verden zukunftsfähig und lebenswert zu gestalten.

Verden zukunftsfähig und lebenswert gestalten

Drei Tage haben sich die Kollegen von Schlegelmilch auf’s Rad gesetzt und sind quer durch Verden gefahren, haben auch die angrenzenden Ortschaften nicht vergessen und sich von außen auf die Stadt zu bewegt. Der Bahnhof in Verden, gute Ansätze, doch die Anbindung in die Innenstadt muss deutlich besser werden. Die Lindhooper Straße, unattraktive kilometerlange Anreise, begleitet vom Schilderwald und gar nicht schön. Die Bahnachsen, nicht wegzudenken, aber verbesserungswürdig. Und dann die vielen Unterführungen, darunter der Holzmarkttunnel. Schlegelmilch hatte Fotos seiner Kollegen mitgebracht, auf denen zu sehen war, wie zwei Radfahrer im Holzmarkt-Tunnel nach einem Unfall stürzten: „Reiner Zufall“, so der Planer. Oder auf der Hamburger Straße, Radwege, die im Nichts enden und den Radfahrer hilflos zurücklassen. „Gebaut in den 1970er-Jahren und ohne Konzept.“

Unbebautes Eckgrundstück: Flächen sind knapp. Wohnungsbau muss neu gedacht werden.

Bilder von einem Unfall im Verdener Holzmarkttunnel

Wohnen und Leben in und um Verden, das wird, das muss die Kommune in den kommenden Jahrzehnten beschäftigen. „Viel Schönes, aber auch viel Gruseliges haben wir gesehen“, so Schlegelmilch. Das Schöne abgehakt, war er schnell beim Gruseligen. Unansehnliche Neubauten, Steinbeete ohne ein Hauch von Grün, versiegelte Flächen ohne Ende und meterhohe Plastikzäune davor. „Die Stadt wird sich fragen lassen müssen, wollen wir da in Zukunft steuernd eingreifen?“, warf Schlegelmilch in die Runde. Auch innenstadtnahe Freiflächen, deren mögliche Bebauung, sind Probleme, die Lösungen brauchen. Und Wohnen im Alter, nicht nur in der Innenstadt, sondern in den Ortschaften: „Damit Menschen dort bleiben können, wo sie ihr bisheriges Leben verbracht haben“, so der Ansatz der Planungen.

Auch das ist Verden: Unansehnliche Neubauten, Steinbeete ohne ein Hauch von Grün, versiegelte Flächen ohne Ende und meterhohe Plastikzäune

Die Qualität des Umfeldes, was Menschen zur Naherholung am Wohnort brauchen, ein weiteres Thema, dem sich das Büro widmen will. Passend dazu legten die Radler vom Planungsbüro einen Stopp am Bürgerpark ein und mussten nach den Eingängen suchen. Da gebe es viel Spielraum, so eine Notiz.

Grüne Wand ohne Eingang: Der Bürgerpark versteckt sich hinter einem Wall.

Wirtschaftsförderung, Entwicklung von Gewerbe, kostenloser ÖPNV, autofreie Innenstadt, Freizeit, Sport, Migration und Integration, soziale Brennpunkte, es ist ein weites Feld, dass das Büro in der Post-Corona-Zeit beackern will. Was die Planer im Kleinen auflisten, soll im Großen und als Ganzes gedacht und umgesetzt werden. „Wir werden auf die Bevölkerung zugehen, wollen wissen, wo Schwerpunkte zu setzen sind“, kündigt Schlegelmilch an. Vergleichbare und erfolgreiche Projekte in Potsdam und jetzt in Osnabrück belegen, wie es gehen und funktionieren an. Mit Blick auf 2040 werde es nicht reichen, nur die Erwachsenen mitzunehmen. „Wir brauchen die junge Generation, die in 20 Jahren das Leben in Verden bestimmt und uns zeigt, wo es hingehen soll“, erklärt Schlegelmilch. Auch da hat das Büro Ideen, um Vorschläge einzusammeln, will mit Projekten in die Schulen gehen, die Jugendlichen da abholen, für ihre Stadt interessieren und in das Jahr 2040 versetzen.

Das Konzept für Verden: „Wir brauchen die junge Generation, die in 20 Jahren das Leben in Verden bestimmt und uns zeigt, wo es hingehen soll.“

Zwei Jahre, so der Ansatz, will das Planungsbüro diesen Weg gehen, immer wieder mit Bürgern und der Kommunalpolitik kommunizieren und sie in die Konzepte einbinden. Online, in Workshops und vielen Gesprächen, auch in kleiner Runde. Das Ziel ist anspruchsvoll: „Am Ende steht eine Liste von konkreten Projekten, die als fertiger Entwurf vorliegen und dann Zug um Zug in den nachfolgenden Jahren abgearbeitet werden können“, erklärt Schlegelmilch. Verden 2040 lässt grüßen!

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