Einfach Weltklasse

„Maiklänge“ bieten ihrem Publikum ein meisterliches Schlusskonzert

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Zum Schlussapplaus erhoben sich die begeisterten Zuhörer gerne von ihren Plätzen.

Verden - Von Ilse Walther. Passend zum Europawahltag war das Programm des Schlusskonzertes der dritten „Maiklänge“ ausgewählt worden: Musik des 20. Jahrhundert, die in der schlimmsten Zeit des Nationalsozialismus geschrieben wurde. Und wer hätte solche Werke besser musizieren können als diese aus diversen Ländern stammenden Künstler.

Musik verbindet, und dazu konnte man hier in Verden erneut ein Konzert der Weltklasse erleben. Entsprechend war auch dieser „Maiklang“ ausverkauft, trotz des überaus anspruchsvollen Programms. Es wurde ein frenetisch beklatschtes Konzert, das in Erinnerung bleiben wird.

Gideon Klein ist nur 25 Jahre geworden. Er wurde in Auschwitz ermordet. Kurz vor seinem Tod schrieb er das Streichtrio für Violine, Viola und Violoncello, musiziert von Momo Hiber, Konstantin von Sellheim und Tim Park, Violoncello.

Das dreisätzige Werk ist geprägt von der mährischen Heimat des Komponisten und alles andere als eine Klage. Die drei Streicher boten diese Musik wunderbar intensiv, aufeinander eingehend, in farbigem, oft auch burschikosem Ton. Tänzelnd heiter begann der erste Satz, den die Künstler dann beherzt in klanglicher Dichte zu steigern vermochten, akzentuiert im Tempo und mit einem kurzen Pizzicato schließend.

Im zweiten hörte man wunderschöne Variationen über ein mährisches Lied. Die Melodie wurde von der ersten Violine beseelt und auch aufgewühlt richtig gesungen. Es folgte das Cello ebenso gesanglich, es gab burschikos- straffe wie wehmütige Veränderungen, jeweils ganz subtil von den übrigen Instrumenten unterstützt. Die Stimmen verwoben sich, ziselierten das Thema. Zum Schluss bäumte sich der Satz auf, die Musik verschwand im Pianissimo. Der dritte Satz war oft fast trotzig, man meinte, auch das Rattern eines Zuges zu hören, er endete in fröhlicher Dichte.

Ungemein munter und tänzerisch begann die Ouvertüre op. 34, die Sergej Prokofjew unter dem Eindruck von hebräischer Musik schrieb. Hier hörte man wieder den vorzüglichen Klarinettisten Chen Halevi, dem diese Musik wie auf den Leib geschrieben schien. Klezmermusik macht immer frei und heiter, und wie der Künstler das umsetzte – großartig.

Seine Kollegen José Gallardo am Flügel, Momo Hiber und Natalia Lomeiko, Violinen, Konstantin von Sellheim, Viola und der Cellist Claudio Bohórquez hatten genauso viele Freude wie der Klarinettist an dieser mitreißenden Musik. Sie boten dieses Werk im munteren Tutti farbig, pointiert und virtuos. Man warf sich die musikalischen Bälle zu, lauffreudig wie kantabel bis zum farbigen Schluss.

Im völligen Gegensatz dazu stand das Streichsextett op. 45 des ebenfalls von den Nazis ermordeten Erwin Schulhoff, teilweise ganz beklemmende Musik, deren Chromatik durchweg im Pianissimo eine Atmosphäre verdichteten Nebels schuf, dessen Stimmung man sich nicht entziehen konnte. Hier waren Boris Brovtzyn und Natalia Lomeiko, 1. und 2. Violine, Konstantin Sellheim und Gareth Lubbe, 1. und 2. Viola, sowie der Cellist Tim Park die großartig musizierenden Streicher. Nach einer aufwühlenden Burlesca mit vorantreibenden, oft mit Dämpfer gespielten wehmütigen Passagen endete diese in schmerzlicher Höhe im Pianissimo.

In dem Werk überwog die schon erwähnte Chromatik, absteigend, klagend, verhaucht, mit immer wiederkehrenden kleinen Motiven. Es gab tröstliche Passagen wie in Soli klagende Tremoli. Auch ließen die Musiker Kobolde tollen, alles ging geschwätzig durcheinander. Man sehnte sich oft nach Harmonien, doch die düstere Stimmung blieb. Welche hohe Kunst ist das, diese Musik so weltentrückt zu bieten.

Im Gegensatz dazu war das Streichsextett aus der Oper „Capriccio“ op. 85 für sechs Streicher und Kontrabass eine Wohltat. Wohlklang, Leidenschaft, Schönheit und dichte Romantik ließen das Werk von Richard Strauss hochleben. Hier hatten Natalia Lomeiko und Momo Hiber, 1. und 2. Violine, Konstantin von Sellheim und Gareth Lubbe, 1. und 2. Viola, Tim Park und Claudio Bohórquez, 1. und 2. Violoncello, sowie Nabil Shehata, Kontrabass, das Vergnügen, diese Musik aufblühen zu lassen. Mit schönen Solopassagen, auch im atemberaubenden Pianissimo wie in starken Tremoli klangintensiv bis zum verschwebenden Schluss. Hinreißend einfach.

Mit dem Klaviertrio Nr. 2 e-moll op 67 von Dmitri Schostakowitsch beschlossen der so vielseitige Pianist José Gallardo, Boris Brovtzyn, Violine, und Claudio Bohórquez, Cello, diesen grandiosen Abend. Das Werk begann mit einem Cellosolo im höchsten Flageolett, gespenstisch dicht und gehaucht. Die Violine fügte sich ebenso ein, dann das Klavier mit ruhigem stillem Pochen, einem bewegenden Trauermarsch, meisterlich und intensiv interpretiert.

In den weiteren Sätzen zeigte der Komponist seine Vielseitigkeit und seinen Humor. So klang es fast frech. Die Musik packte zu, alles schien durcheinander zu purzeln, kecke Pizzicati und ruppige Akkorde im Klavier endeten im abrupten Schluss.

Sehr intensiv war das Largo, welches ganz weich nach dissonanten Passagen wurde, in schmerzlicher Chromatik weiter lief, innerlich bewegt in großer Ruhe endete. Nach dem überraschenden Schluss im Pianissimo langer und frenetischer Beifall und ein herzliches Umarmen der gesamten Künstlerschar. Man kann sich schon auf das Maifest in einem Jahr freuen.

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